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Kein Held und auch kein Verbrecher

Richard Epple

Die Geschichte des Richard Epple, der am 1. März 1972 auf der Flucht erschossen wurde

01.03.2002

Kein Held und auch kein Verbrecher


BREITENHOLZ. Ganz und gar unbeabsichtigt ist dieser Junge vom Land zu einer zeithistorischen Figur geworden: Richard Epple, geboren am 2. August 1954 in Breitenholz am Schönbuchrand, gestorben am 1. März 1972 unter der Geschosssalve eines Polizisten. Damals herrschte auf allen Seiten Angst und Hysterie. Die Baader-Meinhof-Bande bombte und schoss sich durchs Land. Bis dahin waren ihre Opfer ausschließlich Polizeibeamte gewesen. Der Staat ging dazu über, die Terroristen mit einem Riesenaufgebot an Sicherheitskräften zu jagen. „Wer zuerst schießt, überlebt“, so beschrieb damals ein Kriminalkommissar die Stimmung unter seinen Kollegen. Wenn dann einer noch einen dummen Fehler beging, so wie der 17-jährige, führerscheinlose, nachweislich betrunkene Autonarr Richard Epple - schon war es geschehen. Sein Fall, nicht der einzige dieser Art, machte Schagzeilen. Auch in ein Standardwerk über den RAF-Terrorismus, in Stefan Austs „Baader-Meinhof-Komplex“, ist er eingegangen. Aus Anlass der dreißigsten Wiederkehr des Todestags von Richard Epple hat das TAGBLATT den älteren Bruder des Getöteten, Erich Epple, um ein Gespräch über die damaligen Ereignisse gebeten. Epple, 49, erzählte zwar bereitwillig die Geschichte seines Bruders, er wollte sich für diese Seite aber nicht fotografieren lassen.

Schon die Frage, die er gleich zu Anfang stellt, nimmt sehr für Erich Epple ein: „Wissen Sie, was aus dem Polizisten geworden ist, der damals meinen Bruder erschossen hat?“ Ich sage ihm, was ich vom Hörensagen weiß: dass sich der junge Polizeibeamte, verheiratet, Familienvater, wenige Jahre später das Leben nahm, weil er nicht damit fertig wurde. Epple erschrickt. Nach einer Weile sagt er: „Das ist ja furchtbar.“ Ein älterer, inzwischen pensionierter Tübinger Polizeibeamter, der seinen jungen Kollegen aus Herrenberg nach der tödlichen Verfolgungsfahrt vom 1. März 1972 psychologisch betreut hat, bestätigt dem TAGBLATT den Selbstmord des Unglücksschützen. „Ich möchte aber nicht öffentlich darüber reden“, sagt er. „Was damals geschehen ist, soll nicht noch einmal aufgerührt werden, schon aus Pietät der Familie gegenüber.“ Eine Haltung, die man respektieren muss.

Auch Erich Epple möchte nichts aufrühren. Doch er ist bereit, zu erzählen, wie er den schrecklichen Frühlingstag vor dreißig Jahren erlebte und welche Folgen er für ihn hatte. Ohne Bitterkeit sagt er, dass das Leben zu keiner Zeit besonders pfleglich mit ihm umgesprungen sei. „Und nach dem Tod meines Bruders wurde alles noch schlimmer.“ Heute arbeitet der 49-Jährige bei den Tübinger Montanwerken als CNC-Programmierer und -Schleifer, eine Arbeit, die ihm Freude macht. Er lebt noch immer in dem Ort, in dem er geboren und aufgewachsen ist, in Breitenholz. Auf dem dortigen Friedhof liegt sein früh verstorbener Vater sowie seine erst vor wenigen Jahren gestorbene Mutter, Maria Epple. Auch sein Bruder Richard hat dort seine letzte Ruhestätte gefunden; sein Grab ist, nach Ablauf der üblichen Ruhezeit, inzwischen aufgelassen.

Einen Schlussstrich ziehen

Mit verhaltenem Stolz zeigt Erich Epple das Haus, das er sich in seinem Heimatdorf gebaut hat. Als Sproß armer Leute hat er es durch Fleiß und Beharrlichkeit zu etwas gebracht. Sein neues Haus stand lange neben dem alten, bis die Mutter starb und der Sohn in gebührendem zeitlichem Abstand das alte abriss. Doch bevor er Hand anlegte, betrat er das Haus noch einmal, stieg hinauf bis unter das Dach und ging ein letztes Mal durch die Räume seiner Kindheit und Jugend von Weinkrämpfen geschüttelt. Diese ganze Vergangenheit, das wünschte er, sollte sich in Staub auflösen und mit ihr alles, was an sie erinnerte. An dem, was er in sich trug, in Kopf und Herz, würde er noch genug zu tragen haben. Nur ein einziges Erinnerungsstück wollte er übriglassen, das Bild, das seinen Bruder als Konfirmanden zeigte, in ausgeliehenen Kleidern und Schuhen, für eigene fehlte das Geld - und das der Mutter nach seinem Tod heilig gewesen war. In einer Vergrößerung hatte es in ihrer Kammer gehangen.

Bei unserem Gespräch hält Epple ein Foto des alten Hauses in die Höhe, das er vor dem Abriss selbst gemacht hat: „Von da ist alles ausgegegangen von diesem Schuppen, dem ältesten Haus im Dorf. Man sagt immer, der soziale Nährboden sei entscheidend, und bei uns war er bestimmt nicht gut.“ In kleinbäuerlichen Verhältnissen fristeten die Epples ihr Dasein: im Stall drei, vier Kühe und ein, zwei Säue. Dazu drei Hektar Land, die vor allem Kartoffeln, Obst und ein wenig Getreide abwarfen. Außerdem ein Garten mit Gemüse. Alles, was die Familie anbaute, diente nur der eigenen Versorgung. Zum Verkauf etwa auf dem Markt blieb wenig übrig. So war fast nie Geld da. „Meine Mutter hatte oft nicht einmal genug, um die Versicherung für unseren Bulldog zu zahlen.“ Nach dem Tod des Vaters, der schon krank geheiratet hatte, verschlechterte sich die Lage noch. Die Mutter, alleingelassen, war völlig überfordert. Und der kleine Bruder, beim Tod des Vaters zwölf, wurde von diesem Verlust am härtesten getroffen.

Die Zeitungen der Region meldeten am 3. März 1972: Ein 17-Jähriger aus Breitenholz sei in der vorvorletzten Nacht bei einer „Verfolgungsjagd“ umgekommen. Nicht alle nannten den Namen des Getöteten. Gegen dreiviertel neun am Abend des 1. März war einem Funkstreifenwagen in der Tübinger Wilhelmstraße ein Auto durch eine Verkehrswidrigkeit aufgefallen. Der Aufforderung, anzuhalten, kam der Fahrer nicht nach, sondern raste davon. Mit Blaulicht und Martinshorn verfolgte der Streifenwagen das Auto, einen leicht ramponierten Ford Taunus 12 M. Doch immer, wenn er dazu ansetzte, den Fluchtwagen zu überholen, scherte dieser aus und drängte das Polizeiauto ab. Auch gefährdete der Fliehende mehrmals den Gegenverkehr. Er fuhr in Richtung Herrenberg.

Über Funk verständigten die Tübinger Polizisten ihre Herrenberger Kollegen. Diese errichteten eine Straßensperre, was aber nichts nützte. Der Flüchtende durchbrach sie mit großer Geschwindigkeit und fast hätte er dabei noch einige Polizisten überfahren. Auch eine zweite Straßensperre konnte ihn nicht aufhalten. Bei so viel Rücksichtslosigkeit lag der Schluss, es müsse sich um einen kriminellen oder terroristischen Gewalttäter handeln, nicht fern.

Der Wagen fuhr Richtung Calw weiter, nun verfolgt von einer Streife mit Herrenberger Polizisten. Einer von ihnen gab aus dem fahrenden Auto mehrere Schüsse ab, zur Warnung, wie es später hieß. Über Funk war kurz zuvor „Dann aber Feuer frei!“ durchgegeben worden (so steht es bei Aust). Der junge Beamte schoss, bis das Magazin leer war wirkungslos. Dann griff er zu seiner Maschinenpistole der Marke Beretta und versuchte, ebenfalls durch das Fenster des fahrenden Polizeiautos, den Fliehenden mit einem Feuerstoß aufzuhalten. Das gelang auch, mitten in der Ortschaft Affstätt. Getroffen oder besser durchsiebt kam der Wagen zumß
Stehen.

Schreck an der Haltestelle

Erich Epple hatte seinen Bruder am frühen Abend des 1. März noch einmal zufällig getroffen: am Pfäffinger Bahnhof. Er stieg aus dem Bus unterwegs zum Fußballtraining, da er in dem Nachbarort kickte und sah Richard von weitem in einem Auto sitzen: hinter dem Steuer. „Das hat mich beunruhigt, denn er war noch keine 18, außerdem habe ich gesehen, dass der Wagen nicht zugelassen war.“ Was den älteren Epple so in Unruhe versetzte, das nennt er heute „die andere Qualität“: Seither war sein Bruder, der Autoliebhaber, mit selbstfrisierten Autos vom Typ BMW-Isetta oder Kadett ausschließlich im Wald oder auf Wiesen herumgekurvt. Jetzt wagte er sich erstmals mit „einem Karren“ auf öffentliche Straßen. „Das verdammte Nummernschild habe ich bis heute nicht vergessen: TÜ XC-15.“

Im Training brachte er vor Aufregung kaum einen Fuß vor den anderen. „Das kann nicht gut gehen, das kann nicht gut gehen“, hämmerte es in ihm. Er verließ den Pfäffinger Sportplatz so früh, dass er mit dem Bus um neun in Breitenholz sein konnte. Als Erich ausstieg, erschrak er, denn er wurde bereits vom Lehrmeister seines Bruders, von Georg Bahlinger aus Entringen, erwartet, bei dem Richard den Beruf des Landmaschinenmechanikers lernte. Bahlinger hatte von dem Vorfall in Affstätt gehört. Erichs Vorahnungen, sie hatten offenbar nicht getrogen.

In Affstätt war der „Tat- oder Unfallort“ abgesperrt. Am Straßenrand sah er Richards Karren stehen, mit zerschossener Heckscheibe. Bahlinger und er stellten sich einem Polizisten vor, der sie zu seinem Vorgesetzten brachte: Dieser ließ sie wissen, dass mit Erichs Bruder etwas passiert sei, und sie damit rechnen müssten, dass er nicht mehr lebe. Was im Lauf der nächsten Stunde geschah, verschwimmt Erich Epple bis heute vor dem inneren Auge: „Es war wie ein Blackout aber vergessen Sie nicht, dass ich damals noch keine zwanzig war.“ Im Herrenberger Kreiskrankenhaus weigerte er sich, seinen Bruder zu identifizieren. Also ging der treue Meister Bahlinger hinein und kam kreidebleich zurück: „Der Richard, der ist tot.“

Die Polizei gab Erich Epple nun den Auftrag: Richten Sie das bitte Ihrer Mutter aus! Benommen ließ der junge Mann sich heimfahren. Der Wortwechsel mit seiner Mutter, der daheim im Treppenhaus folgte, hat sich indessen Satz für Satz in sein Gedächtnis eingefressen: „Isch’s Klei no allweil net do?“, fragte sie ihn, als er eintrat. Er begann zu weinen. „Muetter, nei, der kommt nemme.“ „Wieso?“ „Muetter, der isch tot.“ „Waas? Isch mei Bua daud?“ Und dann sagte sie ihm, dass auch sie nicht mehr weiterleben und sich umbringen wolle. Es war vor allem die Angst vor dem möglich Selbstmord der Mutter, die Erich Epple bis zu ihrem Ende davon abhielt, sie allein zu lassen.

„Meiner Mutter zu sagen, dass ihr Sohn nicht mehr lebt, das hat man einem jungen Seicher wie mir überlassen. Bis zu ihrem Tod war von der Polizei niemand bei ihr, um ihr zu sagen: ,Wir haben Ihren Buben erschossen, es tut uns leid‘.“

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01.03.2002, 12:00 Uhr
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