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Große Facebook-Hausmacht aufgebaut

Rhetoriker Olaf Kramer über Boris Palmer und die (Sozialen) Medien

Gewalttätige Flüchtlinge nach Syrien abschieben. Ponyhof-Politik. Blonde Professoren-Töchter. Solche Zitatschnipsel bleiben hängen. Kein anderer Lokalpolitiker schafft es so zielsicher wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, mit Interviews ein gewaltiges Medienecho auszulösen. Den Shitstorm auf seiner Facebook-Seite inbegriffen. Hier Ausschnitte des Gesprächs mit dem Tübinger Rhetoriker Olaf Kramer darüber, wie sich die Spielregeln der politischen Kommunikation verändern. Hier geht es zum kompletten Interview für Abonnenten.

11.08.2016
  • Angelika Bachmann

SCHWÄBISCHES TAGBLATT: Herr Kramer, halten Sie Facebook oder Twitter für brauchbare Medien für politische Information?

Olaf Kramer: Es sind auf jeden Fall Medien, die den politischen Diskurs mittlerweile stark beeinflussen. Und was beide erlauben, ist politische Partizipation, dass Menschen ihre Meinung artikulieren können. Das ist eine positive Entwicklung. Früher war die Hemmschwelle viel höher, wenn man sich in die politische Diskussion einbringen wollte. Das hat aber auch negative Effekte. Häufig gehen Dinge dann in einen Skandalmodus über und es wird nicht mehr sachlich diskutiert.

Hierzulande wollen Politiker bislang Soziale Medien hauptsächlich als Informationskanäle und Diskussionsplattformen nutzen. Wenige betreiben das so exzessiv, wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Wie beurteilen Sie als Rhetoriker Palmers Facebook-Auftritt?

Da muss man erst mal sagen: Er war da wirklich innovativ und hat sich eine große Facebook-Hausmacht aufgebaut – mit mehr als 17000 Followern. Er hat Facebook auch als ernsthaftes Medium genutzt in dem Sinne, dass er selbst postet und die Seite selbst aktiv betreut. Es gab bei deutschen Politikern die Tendenz zu sagen: Wir brauchen Facebook und Twitter …

…und dann betreut der Referent die Seite.

Im besten Fall. Im schlechtesten Fall der Praktikant. Das kann natürlich nicht funktionieren. Palmer kommt dagegen sehr authentisch rüber. Wenn man mit Sozialen Medien etwas erreichen will, muss man sie auch ernst nehmen.

Früher wurde Palmer für seine rhetorischen Fähigkeiten gelobt. Seit seinen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik ist das gekippt. Die Grünen Partei-Chefin Simone Peter spricht von „typischem Palmer-Nonsens“. In Facebook-Kommentaren ist vom Palmerschen Sprechdurchfall die Rede. Liegt das nur daran, dass er Positionen vertritt, die kontrovers sind. Oder ist sein Auftreten anders? Wird er zunehmend als „Bad Boy“ wahrgenommen, als den er sich gerne stilisiert?

Boris Palmer bedient die Klaviatur der politischen Kommunikation mit großer Könnerschaft. Er hat sehr geschickt ein Image aufgebaut. Hat sich als Figur sichtbar gemacht – das kann bis in solche Kleinigkeiten hineingehen wie der blaue Anzug, der zur „Tübingen macht blau“-Kampagne passt. Es gibt ja schon länger die Tendenz, politische Positionen mit Personen zu verknüpfen. Und das hat er erstmal sehr gut hingekriegt. Auch die Fernsehauftritte spielen in den Aufbau eines Images hinein. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, mit einer gewissen Wirkmacht zu agieren. Was er auch verstanden hat, ist, dass es häufig auf Zuspitzung ankommt. Man braucht das einzelne Zitat, das es in die Zeitung und in die Radionachrichten schafft, manchmal auch in die Tagesschau. Das reflektiert er meiner Ansicht nach auch selbst. Ich habe mir nochmal das Spiegel-Interview angeschaut, in dem er sagt: „Ich gebe gerne den Bad Boy.“ So funktioniert politische Kommunikation: Eine politische Position an eine Person knüpfen und sie dann zugespitzt vortragen. Darin ist aber auch eine Gefahr enthalten – und das konnte man in letzter Zeit beobachten: Der Zwang zur Kürze führt dazu, dass man manches eben zu stark polarisiert.

Wenn der Shitstorm über ihn hereinbricht, verweist Palmer gerne darauf, dass das Zitat verkürzt sei. Hat er die Brisanz seiner Aussagen unterschätzt? Oder ist das Kalkül?

Palmer benutzt die Polarisierung und die Personalisierung sehr und ist sich dessen auch bewusst. Insofern fand ich das nicht sehr überzeugend – und es kam mir wie eine Ausrede vor –, wenn er sich darauf zurückzieht, Äußerungen seien aus dem Kontext gerissen. Natürlich relativiert in einem Interview der Kontext vieles. Aber es sollte einem Profi wie Palmer doch bewusst sein, dass Differenzierungen häufig verloren gehen und die kurzen polemischen Zitate weitergegeben werden und politisches Gewicht entfalten. Diese zugespitzten Positionen haben ja auch etwas Populistisches. Das sehen wir insgesamt: eine starke Bewegung hin zu populistischen Positionen in der politischen Kommunikation.

Was würden Sie Politikern raten: Facebooken? Twittern? Oder: Finger weg?

Ich würde sagen, dass es heute ohne diese Social Media-Kanäle nicht mehr funktioniert. Man muss auch erkennen, dass das eine große Chance ist. Es ermöglicht Teilhabe an politischen Prozessen. Aber man muss gut und verantwortungsvoll damit umgehen.

Zur Person

Olaf Kramer (45) ist Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die „Politische Kommunikation und strategische Positionierung“ sowie Rhetoriktraining und die Rhetorik des Digitalen. Ein zweites großes Arbeitsfeld ist die Kommunikation in Bildung und Wissenschaft. In Tübingen hat Kramer, der dieser Tage auf eine Stiftungsprofessur der Tschira-Stiftung berufen wurde, die Reihe „Science Notes“ begründet - eine Veranstaltungsreihe, bei der Wissenschaftler ihre Fachgebiete allgemeinverständlich und unterhaltsam vortragen.

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11.08.2016, 01:01 Uhr
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