Virtueller Tatort

Andreas Stenger: „Revolution für die Kriminalistik“

Cybercrime ist ein Riesenproblem, doch die Digitalisierung biete für Ermittler auch Chancen, sagt der neue LKA-Chef Andreas Stenger. Bis zum Nachbau von virtuellen Tatorten.

14.06.2021

Von Axel Habermehl & Dominique Leibbrand

Die Zahl an Straftaten sinkt zwar insgesamt, gleichzeitig nehmen Verbrechen im Netz aber zu. Foto: Nicolas Armer/dpa

Einmal Landeskriminalamt, immer Landeskriminalamt? Andreas Stenger, 58 Jahre alt und zuletzt Polizeipräsident in Mannheim, musste jedenfalls nicht lange überlegen, als er erneut einen Ruf nach Stuttgart bekam. Seit Mai dieses Jahres führt der frühere Leiter des Kriminaltechnischen Instituts das LKA Baden-Württemberg und findet die Behörde sehr verändert vor. Ein Gespräch via Video-Telefonat über seinen neuen Job, virtuelle Tatorte, Ermittlungswege, die erst durch die Digitalisierung möglich werden, und die Frage, ob dank einer sich stetig weiterentwickelnden DNA-Technik Verjährungsfristen nicht auf den Prüfstand gehören.

Herr Stenger, man sagt Ihnen nach, Kriminalist durch und durch zu sein: Hat Sie das nach so kurzer Zeit zurück zum Landeskriminalamt geführt?

Andreas Stenger: Ja, das trifft es gut. Das Polizeipräsidium Mannheim zu leiten, eines der größten im Land, war eine wertvolle Erfahrung. Aber als das Landeskriminalamt infrage kam, musste ich nicht lange überlegen. Ich komme aus der Kriminalpolizei und das LKA ist die zentrale Service- und Kompetenzdienststelle im Bereich Kriminalitätsbekämpfung.

Wie hat sich das LKA in den zwei Jahren Ihrer Abwesenheit verändert?

Hier hat sich extrem viel weiterentwickelt. Kriminalität ist dynamisch und volatil – ihre Bekämpfung auch. Organisatorisch und personell hat sich viel getan, hier arbeiten 700 Kriminalistinnen und Kriminalisten und etwa genauso viele Spezialisten verschiedener anderer Fachbereiche: Wissenschaftler, Forensiker, Analytiker. Wir sind bei der Digitalisierung vorangeschritten, nutzen Künstliche Intelligenz, können Tatorte virtuell dreidimensional nachbauen und uns in ihnen bewegen. Solche Dinge waren vor zwei Jahren in Planung, nun sind sie Realität und neue Projekte laufen an.

Als Sie im Frühjahr 2019 nach Mannheim gingen, gab es noch kein Corona. Wie hat die Pandemie die polizeiliche Arbeit verändert?

Wahnsinnig stark, wie alles. Es galt, für alle Abläufe das Infektionsrisiko zu minimieren: Abstand, Maske, Kontaktreduktion, Homeoffice, Videokonferenzen. Für eine interdisziplinäre Behörde, die so auf Teamwork angewiesen ist wie das LKA, waren das große Herausforderungen. Aber wir haben viel gelernt und sind gut durch die Pandemie gekommen, hatten ganz wenige Infektionsfälle.

Ist es eigentlich ein Problem für Ermittler, wenn plötzlich jeder maskiert ist?

Sie meinen wegen der klassischen Wiedererkennung? Eigentlich nicht, vielleicht im Einzelfall. Wir setzen für Personenerkennung intelligente Technik ein. Gesichtserkennungssoftware ist in der Lage, allein über die Augenpartie Menschen zu identifizieren.

Kriminalität wird digitaler. Hat Corona den Trend verstärkt?

Mit der digitalen Transformation der Gesellschaft steigen seit Jahren Tatgelegenheiten für Kriminelle. Insgesamt sehen wir bei der Kriminalitätsbelastung ja sehr erfreuliche Entwicklungen: sinkende Fallzahlen bei sensationell hoher Aufklärungsquote. Aber entgegen diesem Trend prosperieren Straftaten im Bereich Cybercrime. Sicher hat Corona bei Delikten wie Online-Betrügereien für Anstiege gesorgt. Aber die Entwicklung gab es vorher schon.

Nach zweijähriger Abwesenheit wieder beim LKA: Andreas Stenger. Foto: Uwe Anspach/dpa

Wie wappnet sich das LKA dafür?

Wir haben seit 2012 eine Abteilung „Cybercrime und Digitale Spuren“, die personell und technisch stark wächst. Wir bilden Kriminalbeamte zu Cyber-Kriminalisten fort, stellen aber auch IT-Spezialisten und Informatiker ein und bilden sie zu Polizisten aus. Und natürlich nutzen wir selbst die Digitalisierung.

Können Sie das ausführen?

So wie die DNA in den 80er-Jahren die Kriminalistik revolutioniert hat, passiert es heute mit digitalen Spuren, die jeder von uns permanent hinterlässt. Alles wird digitalisiert, das ermöglicht Rückschlüsse auf menschliches Verhalten. Nehmen Sie ein Auto: Wir können Fahrtstrecken rekonstruieren, Geschwindigkeiten und Bewegungsbilder erstellen, um Verbrechen aufzuklären. Auch im Haushalt läuft vieles mit Speichermedien: Wann wurde die Kaffeemaschine angestellt, der Kühlschrank gefüllt, der Rollladen geöffnet? All diese Informationen können einen kriminalistischen Mehrwert haben.

Neben Ihren Leuten gibt es die Cyberwehr in Karlsruhe, das Land will zudem eine Cybersicherheitsagentur aufbauen. Wuchert da der Behördendschungel?

Die digitale Welt ist so komplex, dass nie eine Stelle alle nötigen Kompetenzen vorhalten kann. Wir müssen durch Kooperation und im Verbund mit all diesen Akteuren Fähigkeitslücken schließen. Unsere Zentrale Ansprechstelle Cyberkriminalität etwa ist im Austausch mit allen Landeskriminalämtern und verschiedenen Stellen außerhalb der Polizei. Das ist der richtige Weg.

Weiterentwickelte Technik ermöglicht es auch immer wieder, sogenannte Altfälle zu lösen. Seit März sind drei Mitarbeiter des LKA abgestellt, um sich verstärkt mit diesen „Cold Cases“ zu beschäftigen? Warum ist dieser neue Aufgabenbereich wichtig?

Für Kriminalisten ist es bitter, wenn schwere Straftaten wie Tötungsdelikte nicht aufgeklärt werden und Täter unentdeckt herumlaufen. Deshalb schauen wir solche Fälle, auch wenn sie lange zurückliegen, immer wieder an und suchen Ermittlungsansätze. Ich war früher Leiter des Kriminaltechnischen Instituts, und wenn man sieht, wie sich da in den vergangenen Jahrzehnten die Möglichkeiten verbessert haben, macht es einfach Sinn, alte Spuren mit neuen Methoden nochmal anzuschauen. Mord verjährt nie. Das treibt uns an.

Sollte man angesichts neuer technischer Methoden darüber nachdenken, Verjährungsfristen etwa bei Totschlag oder Vergewaltigung zu verlängern?

Absolut, diese Debatte muss man führen. Wir haben heute Ermittlungsinstrumente, die wir vor 20 Jahren nicht hatten.

Andere Länder gehen „Cold Cases“ offensiver an. Dort ermitteln LKA-Kollegen als „Cold Case Units“ selbst in alten Fällen. In Stuttgart sieht das Konzept nur eine beratende Funktion vor. Wieso so zurückhaltend?

Wir sind nicht zurückhaltend, sondern sehr offensiv. Wir haben schon immer alte Fälle immer wieder hervorgeholt, alle Asservate erneut angeschaut und auf Spuren geprüft. In den regionalen Präsidien gibt es „Cold Case Units“, die heißen nur nicht so. Jetzt versuchen wir als LKA, ein landesweites Monitoring an den Start zu bringen, Qualitätssicherung zu betreiben, um einen landesweit einheitlichen Standard zu haben. Aber wenn wir einen „Cold Case“ zum „Hot Case“ erklären, steigen wir als LKA natürlich in die Ermittlungen mit ein.

Seit 40 Jahren im Polizeidienst

Andreas Stenger (58) wurde 1963 in Homburg im Saarland geboren. Er trat 1981 in den Polizeidienst ein, erst beim Bundesgrenzschutz, dann bei der Polizei Baden-Württemberg. Über Stationen beim Polizeipräsidium Mannheim, dem Stuttgarter Innenministerium und der Polizeidirektion Heidelberg kam er 2010 zum Landeskriminalamt, zunächst als stellvertretender Leiter des Kriminaltechnischen Instituts, dann ab 2014 als dessen Leiter. Von 2019 bis 2021 war er Präsident des Polizeipräsidiums Mannheim, bevor er als Leiter des LKA Baden-Württemberg nach Stuttgart zurückkehrte. - eb

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Erstellt:
14. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2021, 06:00 Uhr

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