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Im Skype-Lab um die Welt

Reutlinger Design-Studierende zeichnen Blind-Porträts über tausende Kilometer Distanz

Ziel ist, die Deutungshoheit über digitale Medien zurückzugewinnen: Mit dem Skype-Lab des Reutlinger Design-Professors Henning Eichinger entsteht Kunst übers Internet. Und ein weltweites Netzwerk dazu.

04.04.2015

Von Matthias Reichert

Reutlingen. Gesichter, verfremdet. Teils sieht man nur grobe Umrisse, teils abstrahierte Züge, teils kreatives Chaos. Blindzeichnung nennt sich das, was Design-Masterstudierende der Hochschule Reutlingen (Schwerpunkt: künstlerische Konzeption) anfertigen. Via Skype, also mit Videokameras übers Internet, sind sie mit Studierenden in Shanghai und Melbourne verbunden. Sie zeichnen ihre Skype-Gesprächspartner blind, ohne aufs Papier oder den Tablet-Computer zu schauen. Damit werde die kreative rechte Gehirnhälfte aktiviert, erläutert Prof. Henning Eichinger.

Er kam auf die Idee im Austausch mit der Melbourner Künstlerin und Professorin Maggie McCormick. Eichinger wollte sich ohnehin mit Skype beschäftigen. Er schlug der Kollegin vor, Studierende sollten einander per Videokonferenz zeichnen – und die Melbourner Professorin schickte ein mehrseitiges Konzept zurück.

Das war die Geburtsstunde von „Skypetrait“, ein Kunstwort aus Skypen und Porträt. Das Pilotprojekt startete, wie berichtet, 2012. „Um einen Teil der Deutungshoheit über digitale Medien und das Internet wieder zu erwerben“, sagt Eichinger. Die Blind-Porträts wurden zur Grundlage für weitere künstlerische Arbeiten mit unterschiedlichen Techniken, die Ergebnisse füllen einen sehenswerten Katalog.

In Melbourne war

es immer dunkel

Mittlerweile gibt es ein Folgeprojekt: Das Skype-Lab, für das die Landesstiftung Baden-Württemberg, wie gemeldet, 70 000 Euro Fördermittel bewilligt hat. Vier Reutlinger Studentinnen im vierten Semester sind beteiligt, dazu jeweils vier weitere Studierende in Melbourne und Shanghai. Seit Oktober 2014 zeichnen sie einander in Blind-Porträts bei der Skype-Übertragung. Zusätzlich wurden die Ergebnisse in Protokollen schriftlich dokumentiert.

„In kürzester Zeit entstehen viele Bilder“, berichtet Daria Romanova. Die Studierenden zeichnen einander mit Bleistift, Edding oder am Tablet-Computer. „Man sieht nur einen Teil des Gegenübers, den Rest muss man sich vorstellen“, beschreibt Thi To Uyen Ly.

Die Zeitdifferenz und speziell die Umstellung auf Winter- und Sommerzeit schafft Koordinationsprobleme. „Es hat nicht immer auf Anhieb geklappt“, erinnert sich Ly. „Oft ging es nur am Wochenende“, berichtet Angela Wetzel. „Manchmal bin ich morgens um sechs Uhr für die Porträts aufgestanden“, sagen sie und Javiera Advis übereinstimmend. „Ich habe erlebt, dass es in Melbourne immer dunkel war“, erzählt Ly lachend.

Wetzel findet es „unglaublich spannend“, sich mit fremden Menschen zu unterhalten und diese dann zu zeichnen. Advis hält es für wichtig, sich Gedanken über neue Medien zu machen: „Ich habe fünf Jahre mit meiner Familie geskypt und nie überlegt, was das bedeutet.“

Eichinger will mit dem Skype-Lab Geschichten erzählen. Etwa über das Gefühl, wie es ist, über 10 000 Kilometer Distanz zu kommunizieren: „Design hat immer stark emotionale Aspekte.“ Die Teilnehmer lernten die unterschiedlichen kulturellen Regeln auf den verschiedenen Kontinenten kennen. Auch technische Fehler wie falsche Farben oder pixelige Videobilder könnten zur Imagination für die Gestaltung beitragen, sagt der Professor. „Wenn sich ein Bild aufpixelt, kann das auch schön sein.“

Am heutigen Samstag präsentieren Studierende und Prof. Eichinger ihre bisherigen Zwischenergebnisse im deutschen Generalkonsulat in Shanghai. Im Mai stellt Eichinger das Projekt auf einem Empfang der Landesstiftung bei einer Erzieher-Konferenz in Boston, USA, vor. Und im August wird das Skype-Lab eine internationale Konferenz von Kartografen in Rio de Janeiro beschäftigen. „Jetzt reisen wir um die Welt“, freut sich der Professor.

Die Blind-Porträts werden auf Bannern präsentiert: Prof. Henning Eichinger (zweiter von rechts) mit Studierenden, die sich künftig ins Skype-Lab aufmachen. Bild: Haas

Zweitsemester-Studierende stehen auf dem Hohbuch schon in den Startlöchern für die nächste Porträt-Runde. Das Fach Künstlerische Konzeption studieren in Reutlingen die unterschiedlichsten Professionen, darunter Architekten, Grafik-, Spiel- und Modedesigner sowie Künstler. Das Skype-Lab sei deshalb ein interdisziplinäres Projekt, unterstreicht Prof. Henning Eichinger. Aus den Zeichenprojekten sind teils fortdauernde Freundschaften geworden. Die Teilnehmer sind in ein Netzwerk integriert, an dem sich bisher neben der Reutlinger Hochschule die RMIT University Melbourne und die ECN-University Shanghai beteiligen. Geplant ist, dass eine Hochschule in Chile oder Brasilien mitmacht – dann wäre das Skype-Lab auf fast jedem Kontinent vertreten. Die ehemalige Reutlinger Modedesign-Studentin Annie Kurz, die jetzt in New York lebt, koordiniert das Projekt. Sie wird mit Fördermitteln bezahlt. Die von der Landesstiftung bewilligten 70 000 Euro für das Skype-Lab reichen voraussichtlich bis 2017.

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Erstellt:
4. April 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. April 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. April 2015, 12:00 Uhr

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