Podiumsdiskussion unterstrich Dringlichkeit für die Oststadt

Reutlingen droht ein Gesichtsverlust

Von Fred Keicher

Aufgeschreckt durch eine Bauvoranfrage drängt die Initiative lebenswerte Oststadt (Ilos) darauf, die Arbeit am Rahmenplan Oststadt wieder aufzunehmen. Im Haushaltsentwurf sind dafür 60 000 Euro eingestellt, für die Bürgerbeteiligung will Ilos sorgen. Eine Podiumsdiskussion am Mittwoch war der Anfang.

Reutlingen droht ein Gesichtsverlust

Die Flechtenkarte aus dem Jahr 2010: Braune Flächen stehen für schlechte Luft. Und davon gibt es in der Reutlinger Oststadt reichlich.

Reutlingen. „Die bedrohte Reutlinger Oststadt: ein schleichender Identitätsverlust hat eingesetzt“ war die von TAGBLATT-Redakteur Thomas de Marco geleitete Podiumsdiskussion im Spitalhof überschrieben, die über sechzig vorwiegend ältere Mitbürger in den Spitalhofsaal lockte. Neben ihm auf dem Podium saßen der Historiker Wilhelm Borth, Vorsitzender des Reutlinger Geschichtsvereins, der Biologe Werner Grüner, der nicht nur für die Oststadt Flechtenkartierungen vornimmt, der Sozialarbeiter Rüdiger Weckmann, der sich schon seit langem bei Ilos und im Theaterverein Tonne engagiert, sowie die ehemalige Gemeinde- und Kreisrätin Karin Zäh, die Ilos und den Industrie-Kulturverein denk.mal mitgegründet hat.

Dass ein schleichender Identitätsverlust eingesetzt hat, hat sich auch in der Verwaltung herumgesprochen: Diese Formulierung stammt nicht von der Initiative, sondern aus einer Stellungnahme der Reutlinger Bauverwaltung. „Die Oststadt steht in herausragender Weise für das nachreichsstädtische Reutlingen“, sagte Borth. Anhand zweier Stadtpläne zeigte er, wie sich die Stadt im 19. Jahrhundert verändert hat. Die Mauern waren gesprengt, die Bevölkerung hatte sich vervielfacht. In der Oststadt siedelten sich Behörden und Schulen, Unternehmen und das Bürgertum an. Die Bebauung sei in einem kurzen Zeitraum erfolgt und wirke dadurch sehr einheitlich.

Wie die offene, großzügige Bauweise zur Luft- und Lebensqualität beiträgt, zeigte Werner Grüninger anhand seiner Flechtenforschungen. Flechten seien besondere Pilze, sagte er. Die lassen die Arbeit von Algen machen und leben völlig aus der Luft. Grüninger konnte zeigen, dass sich im Vergleich zu den 70er-Jahren die Luftqualität verbessert, im Vergleich zu 2000 aber wieder verschlechtert hat.

Rüdiger Weckmann hat die Vorarbeiten des ersten Rahmenplan-Entwurfs 2008 noch mitgetragen. Damals war es eine Gruppe von Bürgern gewesen, die „befürchteten verkehrliche Verschlechterungen“. Heute stünde die Sorge um den öffentlichen Raum im Vordergrund: „Die Oststadt ist Symbol für den Bürgersinn der Stadtgesellschaft.“ Bedroht sei die Oststadt durch Bauvorhaben, die die üppig bemessenen Villengrundstücke bis ins Letzte ausmosten, durch Parkhäuser, die den Verkehr ins Viertel locken, und durch Eigentümer, die ihre Vorgärten in Parkplätze umwandeln.

Die Initiative habe etwas erreicht, sagte Karin Zäh selbstbewusst. Der Lkw-Verkehr wurde aus der Oststadt herausgenommen, die Oststadtbuslinie eingerichtet. Mit dem neuen Verein industrie.denkmal wolle man sich um das Heinzelmann-Areal, Planie 20 bis 22, kümmern. „Das ist das Zentrum der Oststadt. Wir wollen die Tonne dort, wir wollen dort ein Kommunikationszentrum.“ Darum herum könne dann einiges entstehen. Auf de Marcos Nachfrage zeigte sie sich mit den im Haushalt eingestellten 60 000 Euro zufrieden, „wenn sie denn drinbleiben“, und versprach kämpferisch: „Für eine ordentliche Bürgerbeteiligung werden wir dann schon sorgen.“

„Wir werden gehört“, sagte Borth für den Geschichtsverein, „das hat sich sehr positiv entwickelt.“ Ein Rahmenplan könne das Bewusstsein für die Wertigkeit der Oststadt stärken. „Jetzt fängt man an, über eine Gestaltungssatzung nachzudenken.“ Änderungen sollten allerdings nicht pauschal blockiert werden, gab er zu bedenken. Es gebe „legitime Konkurrenzkriterien“, man müsse Änderungen zulassen, um das Original zu erhalten.


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21.12.2012 - 12:00 Uhr