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Fischzucht

Rettungsaktionen für Felchen

Eine Genossenschaft will die Delikatesse vom Bodensee in Gehegen vermehren. Im Schwarzwald wird die Symbiose mit Edelkrebsen erprobt.

04.04.2018
  • HANS GEORG FRANK

Meersburg/Baiersbronn. Was rund um den Bodensee als vermeintliche Spezialität aus der Region auf den Teller kommt, ist oft Importware. Wer in einem Lokal Felchen bestellt, sollte also nicht erwarten, dass die Delikatesse vom örtlichen Fischer gefangen wurde. Tonnenweise werden die begehrten Fische als Gefriergut aus Russland heran gekarrt. „Sie sehen den Tierchen aus dem Bodensee am ähnlichsten“, weiß Alexander Keßler (49), der bei einem Großhändler arbeitet. Bis zu 800 Tonnen jährlich müssen im Ausland beschafft werden – weil im Bodensee zu wenig Nachwuchs schwimmt.

Die Nachfrage nach Bodenseefelchen ist ungebrochen groß. Doch weil effiziente Kläranlagen zu gut gereinigtes Abwasser in den See einleiten, fehlen die Nährstoffe für einen ausreichenden Besatz. In besten Zeiten wurden mehr als 1800 Tonnen Felchen gefangen, 2015 war das schlechteste Jahr mit nur noch 152,4 Tonnen. Zwar zappelten 2016 wieder 205,54 Tonnen in den Netzen, aber damit lässt sich der Bedarf nicht ansatzweise decken.

Wind und Wassertiefe

Nun wollen zwei unterschiedliche Projekte den Mangel beseitigen. 15 Gleichgesinnte, darunter Fischer, Züchter, Gastronomen, haben sich zur Genossenschaft „Regio-Bodensee-Fisch“ zusammengeschlossen. Die Kooperative mit Sitz in Meersburg wurde im Juni 2017 gegründet, ist aber noch nicht anerkannt. Diese Gemeinschaft möchte eine Aquakultur aufbauen, wie sie Agrarminister Peter Hauk befürwortet. Der Überlinger See eigne sich wegen Strömung, Wind und Wassertiefe wohl am besten, sagte Keßler, Vize-Chef der Genossenschaft.

Mit der wasserrechtlichen Genehmigung für die 40 Meter tiefen Gehege werde noch in diesem Jahr gerechnet. Der Platzbedarf entspreche jenem von zwei Autofähren. Damit widersprach Keßler Behauptungen von Gegnern dieser Form der Fischzucht, die befürchten, dass der „See zugepflastert“ werde. Gespräche mit Kritikern, die sich auch um das Alleinstellungsmerkmal des „Wildfisches“ sorgen und fremdes Genmaterial befürchten, gebe es derzeit nicht. „Sie wiederholen seit Jahren teils absurde Argumente, lassen sich von Fachleuten nicht überzeugen und verbreiten immer noch wissentlich Falschaussagen“, sagte Keßler. Auch die Grünen lehnen „Experimente mit ungewissem Ausgang“ im Trinkwasserspeicher ab.

Rund 130 Kilometer entfernt vom Bodensee sind Wissenschaftler und Fischwirte an einer zweiten Rettungsaktion für das rar gewordene Felchen beschäftigt. In Buhlbach, einem Teilort von Baiersbronn (Kreis Freudenstadt), gibt es ein Experiment mit einer ungewöhnlichen WG. Mit finanzieller Hilfe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erproben das Steinbeis-Institut Tübingen und die Universität Landau das Zusammenleben zweier Wasserbewohner: Felchen und Europäischer Edelkrebs teilen sich den größten Teich beim Forellenhof, den die Hoteliersfamilie Bareiss neben einer gastronomischen Dependance überlassen hat. „Es funktioniert wunderbar“, stellte der Umweltphysiker Andreas Mäck (39) fest. Impfungen oder Medikamente seien nicht notwendig, Sauerstoff und Temperatur des Quellwassers optimal. Der heimische Edelkrebs, dezimiert durch die von zugewanderten Artgenossen eingeschleppte Krebspest, könne jenes Futter verwerten, das Felchen nicht verspeisten.

Mäck ist überzeugt, dass diese Art der Aquakultur im Bodensee oder in der Region „auf jeden Fall“ kommen wird. Nach den vorliegenden Erkenntnissen sei dies „nur eine Frage der Zeit“. Genossenschaftler Keßler begrüßt jeden „hilfreichen Ansatz“ für die Steigerung der Felchenfänge, „auch im Schwarzwald“. Allerdings favorisiert er dafür den Bodensee, den angestammten Lebensraum der allseits geschätzten Speisefische. Ausgeprägtes Konkurrenzdenken habe dort gemeinsame Rettungsversuche bisher verhindert. „Die Fischer kriegen das nicht hin, weil der eine dem anderen nichts gönnt“, bedauerte Alexander Keßler.

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04.04.2018, 06:00 Uhr
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