Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Kreis Böblingen

Rehkitz-Suche: Rettung kommt aus der Luft

Im Kreis Böblingen orten Jäger Rehkitze mit einer Drohne und bringen sie vor den Kreiselmähern in Sicherheit.

11.06.2019

Von RAIMUND WEIBLE

Marc Hertler (links), einer der Helfer in dem Kitz-Projekt, packt das Tier vorsichtig in einen Beutel. Nach dem Mähen wird es am Waldrand wieder ausgesetzt. Foto: Julia Döttling

Bei Marc Lachenmann läutet in diesen Tagen der Wecker häufig schon um vier Uhr. Dann eilt er mit seiner Drohne und einigen Helfern hinaus auf die Flur. Die Mission des Jagdpächters aus Böblingen-Dagersheim: Kitze retten. Die oft erst ein paar Tage alten kleinen Rehe leben gefährlich. Eigentlich meint es ihre Mutter gut mit ihnen. Sie setzt sie in Wiesen mit hohem Gras ab und entfernt sich dann. Die Geiß kommt nur für kurze Zeit zurück, um den Nachwuchs zu säugen. Der kurze Kontakt hat den Zweck, so wenig wie möglich Geruch zu hinterlassen, der Beutegreifern wie dem Fuchs auf die Spur der hilflosen Jungtiere bringen könnte.

Solange die Mutter weg ist, duckt sich das Kitz ins hohe Gras und bleibt auch bei Störungen liegen. Dieser Instinkt hilft nichts, wenn der Bauer mit dem Mähwerk anrückt. Unglücklicherweise beginnt die Mähsaison der Landwirte gerade zu der Zeit, zwischen Anfang Mai und Mitte Juni, wenn Geißen ihre frischgeborenen Kitze in Wiesen mit hohem Gras ablegen. Die Folge: Jedes Jahr werden in Deutschland 100 000 Rehkitze durch Kreiselmäher getötet.

Projekt ist einzigartig im Land

Um dieses Elend zu verhindern, haben sich die Kreisjägervereinigen Böblingen und Leonberg zusammengetan und in diesem Frühjahr zusammen mit dem Landratsamt ein Kitz-Projekt gestartet, das in dieser Kooperationsform einzigartig im Land ist. Dafür setzen sie eine Drohne ein, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist. Dank dieser Kamera können die Helfer vom Boden aus Kitze in der Wiese entdecken und sie vor dem Mähwerk retten.

Der 35-jährige Marc Lachenmann ist der Chef des Drohnen-Teams der Kreisjägervereinigungen. Alle sechs Mitglieder haben sich in der Landesjagdschule Dornsberg bei Eigeltingen (Kreis Konstanz) zu Drohnenpiloten ausbilden lassen. Sie beherrschen den Umgang mit der Drohne, die ihnen der Katastrophenschutz des Landratsamts Böblingen zur Verfügung gestellt hat. Und sie kennen sich auch mit der Wärmebildkamera aus.

Bei einem Einsatz in Aidlingen-Deufringen (Kreis Böblingen) auf der Jagdpacht von Lachenmann ist es den Helfern vor wenigen Tagen gelungen, drei Kitze aufzuspüren. Es war auf einer waldnahen Fläche. „Wir kennen die Hotspots“, sagt Lachenmann. Als die Tiere mit der Kamera geortet waren, betraten zwei Helfer die Wiese und versuchten die Kitze einzufangen. Gar nicht so einfach: „Eines konnten wir einpacken, die anderen zwei liefen davon“, berichtet Lachenmann. Damit die Kitze keinen Menschengeruch abbekommen, fassen die Helfer die Tiere nur mit Handschuhen und Grasbüscheln an. „Die ganz frisch Geborenen sind noch nicht mobil, aber ab dem fünften Tag wird das Fangen zur sportlichen Herausforderung, denn die Kitze laufen weg“, schildert Lachenmann die Situation.

Die Kitze kommen in den Sack oder in eine Kiste. Außerdem erhalten sie eine Ohrmarke, anhand derer sie später identifiziert werden können. Das dient den wissenschaftlichen Studien der Wildforschungsstelle. Nach dem Mähen lässt der Jagdpächter die Kleinen am Waldrand wieder frei. Einer der beteiligten Jagdpächter beobachtete mit dem Fernglas, wie sich Geiß und Kitz wiederfanden und verspürte dabei ein „echtes Glücksgefühl“.

Unschöne Erfahrungen prägen

Seine Motivation erklärt Lachenmann, der im Hauptberuf Vertriebsleiter ist, mit unschönen Erfahrungen. Er musste als Jagdpächter schon häufig den Anblick von verstümmelten Kitzen ertragen. „Das Schlimmste ist, wenn so ein kleines Ding auf drei Beinen vor ihnen wegrennen will.“ Auch den Landwirten ist es arg, wenn sie ein Tier erfassen.

Bisher stellte man Vogelscheuchen auf oder suchte mit Hunden Wiesen ab – mit geringem Erfolg. Die Prävention mit Drohnen erweist sich nach Ansicht der Jagdverbände als effektiver. Geflogen wird allenfalls bis 8.30 Uhr. „Danach zeigt die Wärmebildkamera leider auch Steine und Maulwurfshügel an, die dann bereits durch die Sonne aufgeheizt wurden. Das sind dann einfach zu viele Fehlalarme“, erklärt Lachenmann.

Die Drohne ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet. Foto: Julia Döttling

Zum Artikel

Erstellt:
11. Juni 2019, 15:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juni 2019, 15:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 15:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+