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Stuttgart

Reptilien gegen Riesenprojekt: Eidechsen bremsen Bau

Mehrere hundert Mauer- und Zauneidechsen bremsen das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm aus.

07.04.2016

Von dpa/lsw

Eine Zaun-Eidechse ist in Baden-Württemberg zu sehen. Foto: Patrick Seeger/Archiv dpa/lsw

Stuttgart. Bei einer Begehung am geplanten Albvorlandtunnel der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm habe man die geschützten Reptilien vor kurzem entdeckt, sagte S-21-Sprecher Jörg Hamann am Donnerstag. Für den Bau habe die Bahn aber bereits seit mehr als einem Jahr einen Planfeststellungsbeschluss gehabt. Nun muss sich der Bauherr um den Naturschutz kümmern. Die Tiere müssen umgesiedelt werden. Dafür sei ein aufwendiges Änderungsverfahren nötig, das vom Eisenbahn-Bundesamt genehmigt werden müsse. «Wir hätten mit dem Bau schon gern im Frühjahr begonnen, haben jetzt schon drei, vier Monate verloren», sagte Hamann.

Das Problem: Eidechsen dürfen nur in bestimmten Perioden und nicht zu Winterschlaf- und Brutphasen umgesiedelt werden. «Wir hoffen, dass das Bundesamt die Priorität des Genehmigungsverfahrens erkennt, damit wir spätestens im August umsiedeln können», sagte Hamann. Sonst könnte sich der Bau bis in den nächsten Frühling verzögern.

«Das ist ein ausuferndes Thema», sagte Stuttgart-21-Chef Manfred Leger der «Stuttgarter Zeitung» (Donnerstag). «Es ist mittlerweile unglaublich schwierig, Ausweichquartiere zu finden.» Das Umsiedeln einer einzelnen Eidechse koste zwischen 2000 und 4000 Euro. Am Ende des Projekts werde die Bahn rund 10 000 Eidechsen behandelt haben.

Naturschützer haben wenig Verständnis für die Zwänge und Beschwerden der Bahnbauer. Die Verzögerungen an der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm habe sich die Bahn selbst zuzuschreiben, kritisierte der Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Stuttgart, Gerhard Pfeifer. «Ich habe den Eindruck, die Eidechsen werden vorgeschoben, um von anderen Verzögerungen der Bahn abzulenken.»

Die entdeckten Mauer- und Zauneidechsen müssten zwingend geschützt werden. «Wir leben in einem Rechtsstaat, es gibt ein Tötungsverbot nach dem Bundesnaturschutzgesetz, daran muss ich mich halten.»

Nicht zum ersten Mal bremsen kleine Reptilien das Riesenprojekt. Pfeifer berichtet von Eidechsenfunden in Stuttgart in Feuerbach, am Nordbahnhof, in Neckarbach, Bad Canstatt, Untertürkheim. «Das zieht sich jetzt schon fünf Jahre hin.» Meist gehe es jeweils nur um rund 10 bis 100 Tiere. Man könne sie entweder kostenintensiv in ein neues Gebiet umsiedeln. Oder man verdränge die Reptilien in benachbarte Bereiche, indem man Folien auslegt, auf denen sie sich nicht wohl fühlen. Dann ziehen die Tiere alleine weiter. «Das scheint die sinnvollste Methode zu sein», erklärt der Biologe. Eidechsen bräuchten warme Böschungen, lockere Böden fürs Eierlegen, Steine zum Sonnen.

Zwar sei schon eine Ausweichfläche in der Nähe des geplanten Tunnels gefunden, berichtete S-21-Sprecher Hamann. Aber die Eidechsen müssten teuer umgesiedelt werden, weil direkt im Anschluss an die geplante Tunnel-Baustelle kein Lebensraum zur Verfügung stehe.

«So gewaltig sind Kosten auch nicht, wenn wir die Kosten für den Tunnelbau zum Vergleich nehmen», findet Naturschützer Pfeifer. Das Bahnprojekt koste immerhin insgesamt viele Milliarden. Außerdem stehe die Eidechse stellvertretend auch für andere Arten, die von den Maßnahmen betroffen sind - seltene Heuschrecken, Wildbienen, Schmetterlinge, Vogelarten.

Die Mauereidechse habe sich zahlenmäßig stabilisiert. Aber die Zahl der Zauneidechsen gehe stark zurück. «Sie steht auf der Roten Liste der bedrohten Arten und ist streng geschützt - und damit auf Augenhöhe mit Braunbär und Steinadler», sagte Pfeifer. «Was wäre, wenn in Wendlingen ein Braunbär auftauchen würde?»

Eine Zaun-Eidechse ist in Baden-Württemberg zu sehen. Foto: Patrick Seeger/Archiv dpa/lsw

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Erstellt:
7. April 2016, 14:06 Uhr
Aktualisiert:
7. April 2016, 17:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. April 2016, 17:00 Uhr

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