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„Religion nach dem Holocaust vergessen“
Michael Degen musste sich als Kind vor den Nazis verstecken und hat zwei Jahre in Israel gelebt. Jetzt stand er dort für einen „Tel-Aviv-Krimi“ vor der Kamera. Foto: imago/Sven Simon
Prominente

„Religion nach dem Holocaust vergessen“

Schauspieler Michael Degen über den „Tel-Aviv-Krimi“, seine Rückkehr nach Israel für die Dreharbeiten und seine Zukunft als Chef von Commissario Brunetti.

23.11.2017
  • CORNELIA WYSTRICHOWSKI

Ulm. Mörderjagd in Israel: In der Reihe „Der Tel-Aviv-Krimi“ klärt ein Ermittlerduo im Heiligen Land Verbrechen auf – dabei sind die Kriminalfälle thematisch eng mit Religion, Politik und den Schatten der Vergangenheit verknüpft. Jetzt zeigt die ARD zwei neue Folgen. In „Masada“ (heute, 20.15 Uhr) spielt Michael Degen den Holocaust-Überlebenden Avram Salzman. Degen selbst floh als Kind vor den Nazis in den Untergrund.

Sie mussten sich als Kind in Berlin vor den Nazis verstecken. Nun spielen Sie in einem Krimi einen israelischen Archäologen, der ein ähnliches Schicksal erlitten hat. Eine aufwühlende Rolle, oder?

Michael Degen: Wissen Sie, ich habe mich im Grunde ein bisschen daran gewöhnt, denn ich habe das ja schon mehrmals durchlaufen. Zum Beispiel, als meine Autobiographie „Nicht alle waren Mörder“ verfilmt worden ist. Der Mann, den ich diesmal spiele, hatte außerdem ein sehr viel härteres Schicksal als ich. Ich habe mich ja in Berlin verstecken können und war im Untergrund, aber ich bin nicht in ein Lager gekommen, schon gar nicht in ein Vernichtungslager – das unterscheidet mich sehr vom Schicksal der Filmfigur.

Sie haben von 1949 bis 1951 in Israel gelebt. Konnten Sie sich bei den Dreharbeiten noch auf Hebräisch verständigen?

Ich habe leider gemerkt, wie viel ich vergessen habe. Anfangs konnte ich mich nicht mehr richtig unterhalten, es ging nur sehr stockend, aber mit der Zeit und ein bisschen Übung klappte es dann wieder etwas besser.

Wieso sind Sie damals nach Deutschland zurückgekehrt, ins Land der Täter?

Ich bin ja nur nach Israel gegangen, weil ich meinen Bruder wiederfinden wollte, was mir auch gelungen ist. Meine Mutter hatte mir versprochen, dass sie bald nachkommen würde – das hat sie aber nicht eingehalten. Nach zwei Jahren wollte mein Bruder endlich unsere Mutter wiedersehen, und weil ich damals ein Engagement am Kammertheater in Tel Aviv hatte, habe ich ganz gut verdient und konnte ihm den Flug nach Deutschland bezahlen. Ich ging etwas später auch zurück und wir blieben alle in Deutschland. Ich wollte ja in meinem Beruf arbeiten und mich weiterentwickeln. Das konnte ich natürlich am besten in meiner Muttersprache.

Nun haben Sie in Tel Aviv gedreht. Wie hat sich die Stadt seit damals verändert?

Es ist unglaublich, was sich da getan hat. Als ich damals dort lebte, war es mehr wie eine kleine Provinzstadt, heute ist es ein kleines New York geworden. Ich habe ein besonderes Verhältnis zu diesem Land und zum Staat Israel. Ich bin auf der einen Seite sehr stolz darauf, dass das Land diese Entwicklung genommen hat, es ist wirtschaftlich sehr gewachsen und deshalb sehr selbstbewusst.

Und was ist die andere Seite?

Die andere Seite ist, dass es doch sehr schwierige politische Verhältnisse gibt, die ich für gefährlich halte. Das macht mir große Sorgen. Ich weiß, dass dieses Land sich wehren muss, aber irgendwann muss es endlich zu einem Ende der anhaltenden Konflikte mit der arabischen Seite kommen, und das sehe ich im Moment nicht. Es geht nicht vorwärts. Ich habe Angst, dass das eines Tages schiefgehen könnte.

Macht Ihnen auch der wachsende Antisemitismus hierzulande Angst?

Nein, Antisemitismus gab es schon immer – leider.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Alltag?

Mein Vater war religiös, ich bin auch ziemlich religiös erzogen worden. Ich habe die Einsegnung, die Bar Mizwa, durchgestanden und dabei ein großes Kapitel aus der Bibel auf Hebräisch gelesen. Aber nach dem Holocaust und nachdem mein Vater tot war, habe ich jede Religion vergessen, und das hält bis heute an. Er war ja im KZ Sachsenhausen und ist zwar noch rausgekommen, aber bald danach gestorben. Er ist von den Nazis regelrecht kaputtgeschlagen worden. Die KZ-Leute wussten, dass er nicht lange überleben würde, wahrscheinlich haben sie ihn überhaupt nur deshalb gehen lassen.

Sie haben mehrere autobiographische Bücher und Romane geschrieben. Anfang des Jahres haben Sie angekündigt, dass Sie an einem neuen Buch schreiben wollen. Können Sie schon mehr dazu sagen?

Es gibt die Idee zu dem Buch, und ich habe mir auch schon Notizen gemacht. Aber ich weiß noch nicht, was sich der Verlag genau vorstellt. Es wird wohl um die Geschichte meines Vaters gehen – mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Das Publikum kennt Sie auch als schrulligen Vice Questore Patta: Seit 18 Jahren spielen Sie in den ARD-Verfilmungen der Krimis von Donna Leon den Chef von Commissario Brunetti. Werden Sie bald wieder für die Rolle vor der Kamera stehen?

Ich muss erst die Drehbücher lesen, und die sind noch nicht fertig. Man hat mir zunächst die beiden neuen Romane in die Hand gedrückt, aber auf dieser Basis lässt sich noch nicht viel sagen. Wenn mir die Drehbücher gefallen und sich das für mich lohnt, werde ich das gern noch einmal machen.

Der jüdische Humor gilt als einzigartig. Kennen Sie einen guten jüdischen Witz?

Da muss ich kurz nachdenken – aber ja: Zwei Juden unterhalten sich und der eine fragt: „Sprechen Sie Esperanto?“ Worauf der andere sagt: „Was heißt sprechen? Ich war drei Jahre drüben.“ Den finde ich immer wieder gut.

Info Der „Tel-Aviv-Krimi – Masada“ läuft heute, 20.15 Uhr, in der ARD. Die nächste Folge der Reihe („Alte Freunde“) kommt am 30. November.

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23.11.2017, 06:00 Uhr
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