Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Reizbarer Regent und Siegertyp
Leitet im Alter von 85 Jahren sein Firmenimperium noch selbst: Erwin Müller. Foto: Lars Schwerdtfeger
Erwin Müller

Reizbarer Regent und Siegertyp

Er rebellierte als junger Friseur gegen seine Zunft, schuf danach ein Drogeriemarkt-Imperium. Heute wird der rastlose Konzernchef, einer der letzten Firmenpatriarchen alten Schlags, 85 Jahre alt.

08.09.2017
  • HELMUT SCHNEIDER

Ulm. Vom Tellerwäscher zum Millionär – die deutsche Entsprechung des amerikanischen Traums vom Aufstieg aus einfachen Verhältnissen ist am ehesten noch der Friseur, der es zum Milliardär gebracht hat. Kein Portrait über Erwin Müller kommt ohne diese Wegbeschreibung aus. Sie ist auch zu schön, um jene Aufbauhelfer zu beschreiben, die nach dem Krieg das deutsche Wirtschaftswunder prägten. Selfmademen, zupackend und voller Arbeitsdrang, Pioniere, wie es sie kaum noch gibt.

Heute, da der Ulmer mit seiner drittgrößten Drogeriemarkt-Kette längst in die Riege der Superreichen in Deutschland aufgestiegen ist, runden andere Zuschreibungen das Bild dieses ungewöhlichen Mannes ab, der in der Öffentlichkeit ebensowenig in Erscheinung tritt wie ein zweiter, Schwabe auch er und über Jahrzehnte hinweg sein größter Konkurrent: Anton Schlecker aus Ehingen. Heute trennen die beiden Welten.

Beide sind kaum 20 Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen, haben dort ihre Drogerie-Imperien aufgebaut und leben bis heute hier; ob sie zueinander irgendwelche persönlichen Beziehungen pflegten, ist aber nirgendwo nachzulesen. Wohl aber, dass der gelernte Friseur in seiner Öffentlichkeitsscheu und seiner an Knickrigkeit grenzenden Sparsamkeit aus ähnlich schwäbischem Holz geschnitzt ist wie der gelernte Metzger Anton Schlecker. Auf den Prunk der Neureichen legen beide keinen Wert. Dafür pflegten sie einen patriarchalischen Führungsstil, der je nach Blickwinkel als fürsorglich im Sinne des Firmenwohls und der Mitarbeiter oder aber als autoritär, einschüchternd, bevormundend und gewerkschaftsfeindlich beschrieben wird.

Eine letzte der sich aufdrängenden Parallelen führt in die wirtschaftliche Gründerzeit der deutschen Drogeriemarkt-Branche in den 70er Jahren: Die Abschaffung der Preisbindung revolutionierte den Markt und machte das Discount-Modell erst möglich. Das hatten beide, Müller wie Schlecker, erkannt und auf ihre eigene Weise genutzt.

Als „Rebell von Ulm“ war der junge Friseurmeister Müller da bereits im „Figaro-Streit“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Er öffnete seinen Salon auch am Montag, verstieß so gegen ein ungeschriebenes Innungsgesetz und wurde von seiner Zunft verstoßen. Später bot er zum Haarschnitt auch Drogerieartikel zum Kauf an. Und die schwäbische Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf.

Unter den Chronisten, die diese Erfolgsgeschichte nacherzählen, haben nur ganz wenige selber mit ihm gesprochen. So auch der Schreiber dieser Zeilen – dem dafür überraschend die Ehre widerfuhr, in einem persönlichen Schreiben als „Griffelspitzer“ tituliert zu werden, sollte er fortan den Begriff Drogeriemarkt-König weiterhin verwenden.

Dabei wird das, was der leicht reizbare Regent geschaffen hat, immer mit allem Respekt als Imperium bezeichnet. Die Marke mit dem in Orange gehaltenen Logo wird von Experten als das Werk eines klugen und überlegten Strategen gelobt, der eine ungewöhnliche und vielfältige Produktpalette anbiete. Dazu gehörten schon zu Beginn Schallplatten – was die Musikindustrie 2004 mit einem „Echo“ als bester Handelspartner der Branche würdigte. Das unterstreicht, dass Müllers Konzept, das er in den USA abguckte, bis heute hierzulande einzigartig ist.

Die Auseinandersetzungen, die der frühere Rebell führte, füllen viele Zeitungsseiten. Und verdecken, dass er sich gleichzeitig in karitativen Dingen ausgesprochen spendabel zeigt. Andererseits: Der sparsame Workaholic unterhält einen Golfplatz auf Mallorca, wo sich allerhand Prominente treffen, er züchtete Strauße in Spanien. Seinem geliebten Hund Gordi hat er ein Bronzedenkmal vor der Firmenzentrale setzen lassen.

Die jüngste Auseinandersetzung hat die größten Wellen geschlagen. Müller, der mit Devisenspekulation schon mal mehr als 200 Mio. EUR verlor, hatte sich mit der Schweizer Privatbank Sarasin für ein, gelinde gesagt, zweifelhaftes Geschäft zusammengetan und dabei fast 50 Mio. EUR verloren. Er zog vor Gericht, klagte wegen Falschberatung auf Schadenersatz – und gewann.

Erwin Müller, mit seiner früheren Sekretärin in zweiter Ehe verheiratet, ist ein Siegertyp. Nur bei der Firmennachfolge ging es nicht glatt. Seinen einzigen Sohn, den er zunächst aufbaute, hat er aus der Konzern-Führung wieder entfernt und angeblich abgefunden. Erwin Müllers Lebenswerk soll über eine Stiftung gesichert werden.

Heute, an seinem 85. Geburtstag, führt der frühere Friseurmeister sein Drogeriemarkt-Imperium mit ungeteilter Macht und auf dem Zenit seines Erfolgs.

PS: Die Parallele zu Anton Schlecker, 72, hat mit der Pleite des früheren Drogeriemarkt-König aus Ehingen vor fünf Jahren ein jähes Ende gefunden.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.09.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular