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Malerei

Reiche Ernte

Mr. und Mrs. Andrews aus London sind noch bis Ende Mai zu Gast in der Hamburger Kunsthalle. Und viele Landschaften des britischen Rokoko-Stars Thomas Gainsborough sind es auch.

17.04.2018

Von JÜRGEN KANOLD

Das Highlight der Hamburger Gainsborough-Ausstellung: „Robert und Frances Andrews (Mr. und Mrs. Andrews)“, um 1750. Foto: © The National Gallery, London

Hamburg. Der „Wanderer über dem Nebelmeer“ zum Beispiel. Wer auf der Suche ist nach Ikonen einer „modernen“ Landschaftsmalerei, wie sie sich in einer Zeit des Umbruchs nach 1800 zeigt, dem gehen in der Hamburger Kunsthalle die Augen über. Reihenweise deutsche Romantik eines Caspar David Friedrich. Aber nichts in der Kunstgeschichte ist plötzlich, vorbedingungslos da. So präsentiert Christoph Martin Vogtherr, der Direktor der Kunsthalle, jetzt noch bis Ende Mai den englischen Maler Thomas Gainsborough (1727-1788) als einen Wegbereiter: „Die moderne Landschaft“ heißt die Ausstellung mit 80 Werken, darunter 40 Gemälden, und weil es die erste große monografische Ausstellung Gainsboroughs in Deutschland ist und führende britische Museen Leihgaben schickten, macht sie ordentlich Sensation.

Gainsborough studierte – sichtbar – die alten Niederländer, Ruisdael etwa. Er liebte die Landschaftsmalerei, aber weil sich diese nicht gut verkaufte, brachte er es, im Kurort Bath, zum meisterlichen, höchst begehrten Porträtkünstler, zum Modemaler des Establishments. Hamburg zeigt den anderen Gainsborough in drei Kapiteln: seinen „Zugriff auf die Realität“ und wie er sich für eine „soziale Landschaft“ interessierte, für ein Menschenbild in der Natur zwischen Armut und Idyll („Der Erntewagen“). Und schließlich thematisiert die Ausstellung Gainsboroughs „kreativen Prozess“: In einer Zeit der technischen Innovationen, der frühen Industrialisierung war dieser Engländer sehr experimentierfreudig. Herausragend: die auf Glas gemalte „Küstenlandschaft mit Segelschiffen“ (1783), in der das Wolkenspiel und die sich auflösende Farbenmalerei schon an William Turner erinnern.

Große Thesen, viele Details – der Besucher hat einiges zu tun, ist gefordert, um das nachzuvollziehen. Er kann sich aber allemal an einer Ikone der englischen Malerei sattsehen. „Mr. und Mrs. Andrews“ (um 1750) ist ein Gemälde, das auf der Insel so populär ist wie der deutsche Wanderer Caspar David Friedrichs. Erstaunlich, dass die National Gallery in London dieses junge, lässige, stolze, begüterte Landadels-Paar hat ziehen lassen.

„Mr. und Mrs. Andrews“ ist ein wunderbares Gemälde, auf dem sich der Porträt- und der Landschaftsmaler Gainsborough sehr ungewöhnlich, aber sehr fair den Platz teilen. Nur die linke Seite also ist den frisch Verheirateten gewidmet, die Landschaft aber ist kein dekorativer Park, kein nettes Ambiente, sondern eine Kulturlandschaft, ein fruchtbares, bearbeitetes Agrarland. Das Stoppelfeld ist so gerade gezogen, da könnte per Maschine die Saat ausgebracht worden sein. Und die Schafe grasen eingezäunt.

Verstärkt im 18. Jahrhundert schränkten zahllose Gesetze dem englischen Volk den Zugang zu gemeinschaftlich genutztem Acker- und Weideland (der so genannten Allmende) ein. Die Nutzflächen wurden eingehegt (durch so genante Enclosures), und so musste die besitzlose Landbevölkerung in die Städte ziehen, die Menschen sich dort als Tagelöhner verdingen. Das ist die Schattenseite auf dem Gemälde von Mr. und Mrs. Andrews – und es ist eine moderne Landschaft, die Gainsborough darstellte.

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Erstellt:
17. April 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2018, 06:00 Uhr

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