Tübingen

Reform-Katholiken verlieren Vordenker: Hans Küng ist tot

Seine vehemente Kritik an der Kirche und dem Papst hat Hans Küng berühmt gemacht. Vor allem an seinem früheren Weggefährten Benedikt XVI. hat er sich immer wieder gerieben. Jetzt ist er im Alter von 93 Jahren gestorben.

06.04.2021

Von dpa

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Hans Küng in jungen Jahren. Dieses und andere Archivbilder wurden dem TAGBLATT aus Küngs Fundus zur Verfügung gestellt.
Und noch ein Portaitbild aus jüngeren Jahren. Dieses und andere Archivbilder wurden dem TAGBLATT aus Küngs Fundus zur Verfügung gestellt.
Hans Küng (links) und Bischof Georg Moser im Jahr 1979. Bild: Manfred Grohe
Januar 1980: Katholisch-theoligische Studentenurabstimmung im Kupferbau zu einem Streik für Hans Küng und gegen die Aktionen der katholischen Amtskirche Archivbild: Schmid
Sprach Hans Küng, waren die Hörsaale immer voll besetzt. Bild: Manfred Grohe
Eine Widmung von Hans Küng an Papst Johannes Paul II.
Mary Robinson, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte schreibt ins Goldene Buch der Stadt Tübingen. Im Hintergrund schauen Bürgermeister Gerd Weimer (SPD), OB Brigitte Russ Scherer (SPD), Uni Rektor Prof. Eberhard Schaich, Justitzministerin Hertha Däubler-Gmelin (SPD), Prof. Hans Küng und Regierungspräsident Hubert Wicker zu. Das Bild entstand im Januar 2002. Bild: Ulrich Metz
2002 stellte Küng im Hörsaal eines seiner Bücher vor. Bild: Ulrich Metz
Kofi Annan und Hans Küng im Festsaal. Der damalige UNO-Generalsekretär war 2003 zu Gast. Bild: Ulrich Metz
Jahr für Jahre kamen bekannte Persönlichkeiten dank Küng nach Tübingen: 2004 war es Bundespräsident Horst Köhler (rechts). Bild: Ulrich Metz
2006 trafen sich (von links): IOC-Präsident Jaques Rogge mit Frau, Helmut Digel, Hans Küng und Uni-Rektor Eberhard Schaich vor der neuen Aula Tübingen. Bild: Ulrich Metz
2007 kam Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (vorne) zur Weltethos-Rede. Bild: Ulrich Metz
Der Tübinger Theologe Hans Küng wurde am 19. März 2008 80 Jahre alt.
Bild: Manfred Grohe
Hans Küng im Januar 2010 im Gespäch mit Tübingens Alt-OB Eugen Schmid. Bild: Ulrich Metz
Hans Küng vor der Wurmlinger Kapelle. Das Bild entstand im Mai 2011. Bild: Manfred Grohe
Hatte oft ein Lächeln parat: Hans Küng 2013. Bild: Erich Sommer
Zur Weltethos-Rede kam Küng noch regelmäßig in die Neue Aula - trotz seiner Parkinson-Erkrankung. Archivbild: Uli Rippmann
An seinem 90. Geburtstag hielt Margot Käßmann eine Rede für Hans Küng. Das Bild entstand gut einen Monat später im April 2018. Bild: Ulrich Metz

Tübingen. Einer der größten Querdenker in der katholischen Kirche ist tot: Der Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng starb am Dienstag im Alter von 93 Jahren in Tübingen. Das bestätigte die Sprecherin der Tübinger Stiftung Weltethos, Nadja Dornis. Küng sei friedlich in seinem Haus in Tübingen eingeschlafen. Als erstes hatte die „Südwestpresse“ berichtet.

„Mit Hans Küng verlieren wir den charismatischen und menschlich beeindruckenden Gründer der Stiftung und einen visionären Vordenker für eine gerechtere und friedlichere Welt“, teilte Eberhard Stilz, Präsident der Stiftung Weltethos, mit. „Mir war und bleibt es eine große Ehre, sein Werk in der Stiftung fortzuführen“.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hat den gestorbenen Theologen Küng als „anerkannten und streitbaren Forscher“ gewürdigt. „Hans Küng hat es sich nie nehmen lassen, für seine Überzeugungen einzutreten“, sagte der Limburger Bischof nach einer Mitteilung der Bischofskonferenz. „Auch wenn es diesbezüglich Spannungen und Konflikte gab, danke ich ihm in dieser Stunde des Abschieds ausdrücklich für sein jahrelanges Engagement als katholischer Theologe in der Vermittlung des Evangeliums.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb an Küngs Schwester Rita Frei-Küng, Hans Küng habe über Jahrzehnte hinweg weltweit den Ruf Deutschlands als Ort von Theologie und Universitätsgelehrsamkeit gestärkt. Sein Name werde wie kaum ein anderer immer verbunden bleiben mit der Frage, wie Philosophie und Politik zueinander finden könnten, wie Denker die Politik befruchten könnten, so Steinmeier. „Wir werden Hans Küng niemals vergessen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren.“

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) würdigte Küng als vehementen Streiter für den Dialog der Religionen und Kulturen. Küng habe sich für die humanistischen Prinzipien der Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit eingesetzt, teilte Kretschmann mit. „Mit seinem beeindruckenden theologischen Wirken war Hans Küng für viele Menschen - mich eingeschlossen - ein wichtiger und wegbereitender Lehrer in Fragen des Glaubens, des ethischen Handelns und der Deutung des Weltgeschehens.“

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) bezeichnete Küng als eine der großen geistigen Persönlichkeiten unserer Zeit. Küng, der seit 2002 Ehrenbürger von Tübingen ist, solle auf dem Stadtfriedhof seine Ruhestätte finden, teilte Palmer mit. „Dort, wo die großen Toten unserer Stadt begraben sind.“

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ teilte mit, Küngs lebenslange Beharrlichkeit in der Erneuerung der römisch-katholischen Kirche sowie sein Einsatz für die Ökumene und den Dialog der Weltreligionen blieben Ermutigung, Inspiration und Ansporn zugleich. Küng habe wie kein anderer in unserer Zeit die Frage nach der Wahrheit im Christentum wachgerüttelt und wachgehalten, hieß es.

Weil Küng die Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramtes anzweifelte, ließ Papst Johannes Paul II. ihm 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entziehen. Der Tübinger Theologie-Professor prangerte aber auch danach immer wieder die mächtige Position des Papstes an und bezeichnete die Kirche deshalb als Diktatur. In seinen Büchern und Vorträgen trieb er den Dialog zwischen den Weltreligionen voran.

In den vergangenen Jahren hatte sich Küng wegen seines Gesundheitszustands zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er litt unter anderem an Parkinson, wie er in seiner Autobiografie öffentlich gemacht hatte.

„Die katholische Kirche ist krank, vielleicht sterbenskrank“, diagnostizierte er mit Blick auf den Priestermangel und den Mitgliederschwund. Den Päpsten und nicht zuletzt seinem früheren Weggefährten Benedikt XVI. warf er vor, den biblisch bezeugten Jesus durch ein „selbstfabriziertes Kirchenrecht“ verdrängt zu haben. Seine Forderungen wie die Abschaffung des Zölibats, also des Heiratsverbots für Priester, die Zulassung von Frauen zum Priesteramt und die Stärkung der Laien machten ihn für viele Reformkatholiken zu einem Vordenker.

Küng wurde am 19. März 1928 in Sursee in der Schweiz geboren. Mit 20 Jahren begann er sein Studium an der Päpstlichen Universität in Rom. Er wurde Seelsorger an der Luzerner Hofkirche, entschied sich dann aber für eine akademische Laufbahn und ging als wissenschaftlicher Assistent nach Münster. 1960 wurde er Professor in Tübingen, wo er für den Rest seines Lebens wohnte. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) ernannte Papst Johannes XXIII. ihn zusammen mit Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., zum Berater.

Doch schon beim Erscheinen seiner Doktorarbeit 1957 legte die Glaubenskongregation ein Dossier über den Theologen an. 1967 kochte der Ärger dann endgültig hoch: Die Kurie verbot die Übersetzung von Küngs Buch „Die Kirche“. Er hielt sich nicht daran, der Titel wurde zum Bestseller und Küng zu einem der prominentesten Theologen.

Sein großes Alterswerk wurde die von ihm ins Leben gerufene Stiftung Weltethos. Sie setzt sich für interkulturelle und interreligiöse Forschung, Bildung und Begegnung ein.

Der Theologe Hans Küng starb im Alter von 93 Jahren in Tübingen. Foto: picture alliance / dpa/archivbild

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Erstellt:
6. April 2021, 18:32 Uhr
Aktualisiert:
6. April 2021, 19:51 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. April 2021, 19:51 Uhr

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