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Lebens-Wert

Rebellion aus dem Siebdrucker

Abhauen, ausbrechen, weit weit weg: Das Tübinger Modelabel Lost Instinct steht für hippe Mode zwischen Fernweh und Auflehnung. Die beiden Gründer Mirco und Yaron Peter (23) bedrucken alle Klamotten nach Feierabend persönlich im eigenen Wohnzimmer – und vermarkten sich über das Internet. Zwillingsbrüder und Geschäftspartner, die mit ihrer Mode die eigene Generation wachrütteln wollen.

09.10.2015
  • TEXT: Ibrahim Naber | FOTOs: Unternehmen

Raffinierte Geschäftsmacher waren Mirco und Yaron Peter schon als Knirpse. Mit sieben Jahren stellten die Zwillingsbrüder Duftwasser aus Rosen her und verkauften es an Eltern von Freunden. Mit elf organisierten sie ein Benefizkonzert vor der Tübinger Panzerhalle und spendeten den Erlös von 200 Euro an krebskranke Kinder. Und mit 15 Jahren entdeckten sie dann das Onlinemarketing für sich und stockten mit kleinen Tricks im Netz das eigene Taschengeld auf. „Bei uns war immer das eigene Geschäft wichtiger als die Schule. In der Abivorbereitung saßen wir in der Unibibliothek und haben drei Stunden lang Studentinnen hinterher geguckt“, erinnert sich Mirco Peter und blickt mit einem Grinsen nach rechts zu seinem Bruder. Yaron Peter sagt: „Das Ausschöpfen der eigenen Kreativität, das Rebellische, das treibt uns schon immer an.“ Auf seiner Brust prangert an diesem Morgen schwarz auf weiß die Botschaft: Sei ein Rebell.

Ausbrechen. Abhauen. Frei sein.

Es ist einer der Leitsprüche und Kultshirts von Lost Instict, dem Modelabel, das die Zwillingsbrüder Anfang 2014 ins Leben riefen. Auf dem Sofa des WG-Wohnzimmers in Tübingen, auf dem sie zum Interview bitten, entstand damals das erste Shirt-Design: ein Affenkopf. Wochen darauf folgte die Feder, längst das Markenzeichen von Lost Instict. Für Yaron ist es die „Indianerfeder“, die den Zusammenhalt einer Gruppe symbolisiert. Für Bruder Mirco ist es „die Feder im Wind“, die für Freiheit steht. Ausbrechen. Abhauen. Frei sein. Genau darum geht es den 23-Jährigen. Mit ihrer Mode setzen die Tübinger Jungdesigner gezielte Statements, richten sich an ihre Altersgenossen. Sie wollen wachrütteln. Mirco Peter: „Unsere Generation hat ihren Instinkt, ihre Rebellion verloren. Wir wollen ihn mit unserer Mode wieder zurückbringen.“ Alles müsse heute schneller passieren. G8, dann sofort das Studium, um ja keine Zeit zu verlieren. Praktika in den Ferien, weil es sich gut im Lebenslauf mache. „Viele junge Menschen sind einfach nur noch gestresst. Sie sind Getriebene, gehetzt vom System“, sagt Yaron Peter und fügt hinzu: „Und aus diesem System auszubrechen, das ist Lost Instinct.“

Was bedeutet für Euch Rebellion? Mirco Peter: „Sich die Freiheit zu nehmen, auf sich selbst zu hören und nicht dem Perfekten, dem gesellschaftlichen Druck zu entsprechen. Das ist meine Rebellion.“

Seid Ihr selbst Rebellen? Yaron Peter (überlegt lange): „Nicht politisch. Wir sind auf keinen Fall linksextrem oder so. Aber wir brechen immer wieder aus und lassen uns inspirieren. Da schließt sich dann auch der Kreis zu unseren ganzen Reisen.“

Around the world. Das ist nicht nur der Titel ihrer Sommerkollektion 2015, sondern auch die große Leidenschaft der beiden Brüder. Mit ihrem Rucksack ziehen sie jedes Jahr in den Ferien los. Indien. Israel. Kuba. Und zuletzt im April vier Wochen Thailand. Auf ihren Reisen lassen sie sich vom Chaos treiben, dort entstehen die Ideen für neue Entwürfe: „Unsere Designbasis ist unsere riesige Sammlung an Bildern, die wir auf unseren Reisen geschossen haben. Daraus entwickelt sich alles andere“, erklärt Yaron Peter, der als Rettungsassistent beim Deutschen Roten Kreuz arbeitet. Vollzeit, 45 Stunden pro Woche. Bruder Mirco hat eine 40 Stunden-Woche, absolviert eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann im Kulturzentrum Franz K. In Reutlingen. Doch wenn ihre Kollegen Feierabend haben, geht die Arbeit mit Lost Instinct für die jungen Männer erst richtig los. Mails beantworten, die eigenen Web-Auftritte pflegen und dann ab an die Produktion bis manchmal tief in die Nacht.

Noch bedrucken die 23-Jährigen tatsächlich jedes Kleidungsstück mit den eigenen Händen im Transfer-Siebdruckverfahren. Dabei wird das Sieb mit der gewünschten Designvorlage beschichtet, daraufhin belichtet und am Ende wird die Farbe mit der Presse auf die Textilien gedruckt. Alleine das Beschichten dauert eine halbe Stunde. Da immer mehr Bestellungen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz in ihrem Wohnzimmer eintrudeln, stoßen die Zwillingsbrüder mit dem Druckverfahren an ihre Grenzen. Mirco Peter: „Bislang ist das Label noch ein Hobby für uns, ein zeitaufwendiges Hobby. Was wir verdienen, investieren wir sofort wieder in die Firma. Um zu wachsen, brauchen wir einen Digitaldrucker. Der kommt bald.“

Marketing 2.0

Dass sich die Bestellungen in ihrem Online-Shop in nur einem Jahr vervielfacht haben, liegt vor allem am Marketingkonzept der Junggründer. Sie bedienen die Kanäle, die ihre Hauptzielgruppe – junge Menschen zwischen 14 und 30 Jahren – vor allem nutzen. Das Social Web, ganz besonders Facebook und Instagram. Ihre neuen Kollektionen werden schon Wochen vor Erscheinen breit vermarktet. Mit Beiträgen und Bildern. Mit Verlosungen, die bis zu 10 000 Menschen erreichen. Und mit aufwendig und professionell produzierten Kurzvideos – zuletzt aus Thailand. Hinzu kommt die aggressive Werbung mit Lost Instinct-Stickern. Auf der Straße, auf großen Partys und auch auf Reisen verteilen sie die kleinen Aufkleber mit ihrem Logo. Viele Tübinger Schüler hätten die Sticker mittlerweile auf ihren Taschenrechnern und Handyhüllen kleben, erzählt Mirco Peter. Auch im Französischen Viertel in Tübingen findet man die Aufkleber an einigen Ecken. Dort, wo die Peters als eine der ersten Bewohner in den 90-ern aufwuchsen. Zu ihren Nachbarn und Freunden gehörten damals zwei Jungs namens Momo und Jan, die heute unter dem Bandnamen „Konvoy“ musikalisch für Furore sorgen. Kein Zufall also, dass „Konvoy“ bei Auftritten auffällig häufig Klamotten von Lost Instinct trägt; Anfang des Jahres zuletzt als Vorband bei Teenie-Superstar „Cro“ vor tausenden Zuschauern. Nach dem Auftritt verkauften die Musiker damals die in Zusammenarbeit gestalteten Sportbeutel – nach 20 Minuten waren alle vergriffen.

Um ihre Absätze noch einmal deutlich zu steigern, müssten die Peter-Zwillinge in Zukunft wohl mit Subunternehmen zusammenarbeiten: „Und das, das wollen wir eigentlich nicht. Wir möchten am liebsten weiter alles selber machen“, sagt Yaron. Die Geschäftsmänner wollen lieber Rebellen bleiben.

Rebellion aus dem Siebdrucker
Echtes Handwerk: Im eigenen Wohnzimmer ihrer Tübinger WG beschichten Mirco und Yaron Peter selbst die Druckplatten, die später für den Aufdruck auf die Textilien verwendet werden.

Rebellion aus dem Siebdrucker

Chlorfrei, recycled und ethisch produziert: Bei der Auswahl ihrer Rohmodelle, die dann bedruckt werden, setzen Mirco und Yaron Peter auf Fair Trade: „Der Großhändler, über den wir unsere Rohmodelle bekommen, kann alle relevanten Fair Trade-Zertifikate nachweisen. Das beinhaltet einen Arbeitsschutz und eine Krankenversicherung für die Menschen, die die Shirts und Pullis in Entwicklungsländern produzieren“ Ihre Kapuzenpullover etwa sind zu 100 Prozent recycled, aus Biobaumwolle und PET-Flaschen. In der aktuellen Kollektion bietet Lost Instinct neben T-Shirts, Pullovern, Mützen und Jutebeuteln auch erstmals eine Schminktasche für Frauen an.

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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