Edelmarke mit Kratzern

Real Madrid hat hohe Schulden und buhlt nicht nur in Spanien um Sympathie

Kein Fußballverein auf der Welt macht so viel Umsatz wie Real Madrid. Rund 480 Millionen Euro. Dahinter steckt ein teures Geschäftsmodell. Die Kehrseite der teuren Spielereinkäufe sind die hohen Schulden des Klubs.

17.04.2012

Von MARTIN DAHMS

Madrid Real ist erfolgreich. In der spanischen Liga führt Madrid mit vier Punkten vor dem FC Barcelona, in der Champions League gehts heute im Halbfinal-Hinspiel bei Bayern München um Großes. Zum fußballerischen Erfolg kommt der wirtschaftliche: Kein anderer Klub setzt im Jahr so viel um wie Real, in der vergangenen Saison waren es 480 Millionen Euro. Doch was fehlt, ist ein wenig Liebe. Real Madrid weckt nicht die Leidenschaften wie sein ewiger Rivale Barcelona. Das liegt vor allem am Geschäftsmodell.

"Kaufen, kaufen, kaufen." So bringt Jose María Gay de Liébana, Wirtschaftsprofessor der Universidad de Barcelona und wahrscheinlich bester Kenner des finanziellen Innenlebens der spanischen Profiklubs, die Real-Erfolgsformel auf den Punkt. Vereinspräsident Florentino Pérez, zugleich Chef des Baukonzerns ACS, liebt großartige Spielerverpflichtungen. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts holte er für viel Geld Beckham, Zidane, Figo und den Brasilianer Ronaldo nach Madrid: die besten, die damals im Weltfußball zu haben waren. Vor drei Jahren gab er 65 Millionen Euro für den Brasilianer Kaká aus, und nocheinmal 93 Millionen Euro für den Portugiesen Cristiano Ronaldo - die höchste Ablöse, die jemals für einen Fußballer gezahlt worden ist.

Real Madrid musste damals viel Spott über sich ergehen lassen. "Ein bisschen provinziell", sei Pérez, fand der "El País"-Kolumnist Jesús Ruiz Mantilla: "Er hat sich ins Restaurant gesetzt und das teuerste auf der Karte bestellt." Sogar die Politik mischte sich in die Debatte ein. "Wenn ein Fußballklub Selbstmord begehen will, indem er einen Herren für 100 Millionen Euro unter Vertrag nimmt, ist das sein Problem, nicht das der Spanier", meinte die konservative Parlamentarierin Celia Villalobos. Doch es war kein Selbstmord. Perez Geschäftsmodell - viel Geld ausgeben, um viel Geld einzunehmen - funktioniert.

Die satten Einnahmen kommen zu je etwa einem Drittel aus Fernsehrechten, Merchandising und dem Verkauf der Eintrittskarten für das 85 000 Zuschauer fassende Bernabéu-Stadion. "Die Marke Real Madrid verkauft sich sehr gut", sagt Professor Gay de Liébana. Besonders gut verkauften sich die Eintrittskarten für die VIP-Logen. "Ich bin Anhänger des Espanyol", des lokalen Konkurrenten des FC Barcelona. "Zu einem Espanyol-Spiel geht man im Trainingsanzug, zu einem Barça-Spiel in Straßenkleidung. Und zu Real Madrid mit Krawatte."

Das Aufmotzen zur Edelmarke hat seine Kehrseite: Schulden. Knapp 170 Millionen Euro Miese hatte Real Madrid nach Abschluss der vergangenen Saison in den Büchern stehen. "Aber das ist nur die Nettoschuld, ein Konzept, das mich nicht überzeugt", sagt Gay de Liébana. "Die Bruttoschulden belaufen sich auf 590 Millionen Euro."

Und woher der große Unterschied zwischen der einen Zahl und der anderen? "Um von brutto auf netto zu kommen, zieht jeder ab, was ihm passt", meint der Wirtschaftsprofessor. Im Wesentlichen dürfte die Differenz aus offenen Forderungen an Dritte bestehen. Doch das Schulden-Problem ist offenbar erkannt, seit Jahren schrumpfen die roten Zahlen, das gesteht auch Gay de Liébana dem Verein zu. Da sich nicht jede Millioneninvestition der vergangenen Jahre rentiert hat, stehen etliche Spieler zum Verkauf, allen voran Kaká. "Der arme Junge ist nicht entscheidend für Real, die meiste Zeit hat er auf der Ersatzbank gesessen."

Nach Ansicht des Professors trifft der Klub seine Kauf- und Verkaufsentscheidungen nicht nur nach fußballerischen Kriterien. Ausländische Spieler würden ins Team geholt, um die internationale Aufmerksamkeit zu erhöhen. "Özil und Khedira spielen bei Real, damit man in Deutschland mit Zuneigung auf den Verein schaut." Dahinter steckten letzten Endes die Geschäftsinteressen des Präsidenten, dessen Baukonzern ACS vor kurzem den Essener Konkurrenten Hochtief übernahm, was vielen Deutschen nicht schmeckte. So seien die deutschen Fußballer bei Real vor allem ein Beschwichtigungsversuch.

Gay de Liébana sieht Real, bei allen Erfolgen, unter Druck. "Der Klub kann nur schwer die Nummer eins im Weltfußball sein, wenn er nicht wieder gewinnt." Spanischer Meister ist der Verein zum letzten Mal vor vier Jahren geworden, die Champions League hat er zuletzt vor zehn Jahren gewonnen. Spanische Mannschaft der Herzen ist sowieso der FC Barcelona, der nicht immer nur kauft, kauft, kauft, sondern eigenen Nachwuchs pflegt - und wunderschönen Fußball spielt. Zu allem Unglück leidet Reals Image unter den Poltereien seines Trainers Mourinho. Um sich beliebt zu machen, hilft nur eins: siegen.

Wie ein Tor-Torero: Real Madrids unglaublich teurer Superstar Cristiano Ronaldo hat in dieser Saison immerhin schon 53 Pflichtspiel-Treffer erzielt. Foto: afp

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Erstellt:
17. April 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2012, 12:00 Uhr

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