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Reaktionen auf die historischen Beschlüsse der Zentralbank
Ihr Haus sieht aus wie ein Raumschiff, und sie kommt manchen auch aufgrund ihrer Politik genauso fremdartig vor: die Europäische Zentralbank. Foto: dpa
Verkehrte Zinswelt

Reaktionen auf die historischen Beschlüsse der Zentralbank

"Risiken und Nebenwirkungen", "Ziel verfehlt", "Überdosis" - nach den beispiellosen Beschlüssen des EZB-Rates wächst die Kritik am Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB). Hier die wichtigste Aspekte.

12.03.2016
  • DPA

Was hat die EZB alles beschlossen? "Money for nothing (Geld für nichts), lautet das neue Motto der EZB" - auf diesen Punkt bringt die Liechtensteiner VP Bank das Paket der EZB. Der Leitzins sinkt auf null Prozent. Das heißt: Banken bekommen frisches Zentralbankgeld künftig umsonst. Extrem günstige Langfristkredite gibt es zudem noch. Banken, die eine bestimmte Menge Kredite ausgeben, bekommen das Geld sogar zu negativen Zinsen. Heißt: Sie werden für die Kreditvergabe bezahlt. Und damit die Institute gar nicht erst auf die Idee kommen, Geld zu horten, anstatt es als Kredit wieder auszugeben und das Wachstum zu fördern, brummt die EZB ihnen 0,4 Prozent Strafzinsen auf, wenn sie Geld bei ihr parken. Darüber hinaus flutet die EZB über den Kauf von Staatsanleihen und nun auch Unternehmensanleihen mit guter Bewertung die Märkte - bis März 2017 auf 1,74 Billionen EUR.

Warum erhöht die EZB die Dosis so drastisch? Die Konjunktur im Euroraum erholt sich nur schleppend, die Inflation ist im Keller. Dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird. "Die EZB hat eine desaströse Deflation verhindert", meint Draghi.

Hilft die Geldflut Konjunktur und Inflation auf die Beine? Viele Ökonomen sind skeptisch. "Mehr Wasser hilft nicht, wenn die Pferde nicht saufen wollen", sagt der scheidende Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Für Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer schwächen die Nebenwirkungen - Risiko von Blasen, Reformstau, Probleme bei der Altersvorsorge - die Rahmenbedingungen für Unternehmen. Die Firmen hielten sich deswegen bereits heute mit Investitionen zurück. Die Versicherungswirtschaft fürchtet gar, dass die Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirken könnte, was sie beabsichtigt. "Die Notenbank läuft zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden", warnt Verbandschef Alexander Erdland.

Wer profitiert von der Geldschwemme? Vor allem die Staaten, sie bekommen am Markt Kredite zu günstigen Konditionen. Teils verdienen sie an der Schuldenaufnahme sogar, wie Deutschland. In Draghis Heimat Italien gab es Lob. Der Mailänder "Corriere della Sera" wertete es als "Beweis, dass sich die EZB auch dann nicht beeinflussen lässt, wenn ihre Kritiker so mächtig sind wie die Welt der deutschen Wirtschaft". Auch in Spanien wurden die EZB-Beschlüsse grundsätzlich gelobt. Auch Häuslebauer und andere Kreditnehmer profitieren von dem Billiggeld - noch. Bankenverbände warnen bereits: Kredite könnten teurer werden, weil Institute gezwungen sind, fehlende Erträge auszugleichen.

Wer leidet schon jetzt unter der EZB-Geldpolitik? "Die Beschlüsse der EZB werden für immer mehr Menschen in der Eurozone zu einer Belastung", kritisiert Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. Tagesgeld und Co. werfen kaum noch etwas ab. Auch die Altersvorsorge leidet. Die Verzinsung privater Lebens- und Rentenversicherungen sinkt seit geraumer Zeit. "Die Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer", bemängelt die Hauptgeschäftsführerin des Bankenverbandes VÖB, Liane Buchholz. Banken wiederum brechen Zinserträge weg. Strafzinsen geben die Finanzhäuser zum Teil an Unternehmen und institutionelle Investoren wie Fonds und Versicherungen weiter. Privatkunden bleiben bisher verschont.

Hat die EZB ihr Pulver jetzt verschossen? "Wir haben keine Sorge, dass uns die Munition ausgeht", betont Draghi. Man müsse künftig eben noch mehr über unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen nachdenken. Seinen Erfindungsreichtum hat Draghi in der Schuldenkrise wiederholt bewiesen. Im Sommer 2012 beruhigte er die kriselnden Märkte mit seinem Versprechen, die EZB werde alles tun, um den Euro zu retten. Doch Zweifel am "Magier Mario" wachsen.

Nach der EZB-Entscheidung schoss der Dax zunächst nach oben, schloss dann aber im Minus. Auch der Euro-Kurs schwankte stark. Der Goldpreis stieg dagegen und erreichte gestern den höchsten Stand seit einem Jahr. "EZB-Präsident Mario Draghi hat mit seiner "Bazooka" das Ziel verfehlt", meint Analyst Michael Hewson. Die Sorge sei, dass die Währungshüter mit ihrem Latein am Ende seien.

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12.03.2016, 08:30 Uhr
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