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Integration von Migranten-Kindern

Rauf Ceylan untersucht die Rolle muslimischer Geistlicher

Als Sohn kurdischer Migranten wuchs er in einem Problemstadtteil auf und lernte christliche Werte in einem evangelischen Kindergarten kennen. Inzwischen forscht Prof. Rauf Ceylan über den Islam. Gestern besuchte der 34-Jährige das Tübinger Symposium zur interreligiösen Bildung in Kindertagesstätten.

06.05.2011

Von Christiane Hoyer

Tübingen. Die jüngste Repräsentativstudie der Evangelischen und Katholischen Fakultät Tübingen kommt zu Ergebnissen, die sich mit Ceylans biografischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Studien decken (siehe Kasten): Die alltägliche kulturelle und religiöse Lebenswelt von über 4 Millionen Muslimen in Deutschland „spiegelt sich nicht in den Kitas wieder“, sagt Ceylan.

Er selbst ist in Duisburg in einem „multiethnischen Stadtteil“ aufgewachsen. Ceylan lernte über Fernsehsendungen wie „Sesamstraße“ oder „Rappelkiste“ und im Kindergarten die deutsche Sprache. Auch Comicbücher, die sich der junge Rauf in der Bücherei gleich tütenweise auslieh, halfen beim Sprachverständnis. Für die einzige deutsche Nachbarin holte er Zigaretten – und bekam dafür Geschichten vom Zweiten Weltkrieg erzählt. Als Kind von kurdischen Analphabeten wurde Ceylan in eine Grundschulklasse gesteckt, die ausschließlich aus Migranten bestand. Nach zwei Monaten durfte er aber in eine „deutsche“ Klasse wechseln. Bei der Grundschulempfehlung gab es Ärger. Sein Vater wollte ihn aufs Gymnasium schicken, nicht so die Lehrerin. Schließlich einigte man sich auf die Realschule. „Damit konnte ich mich auf der Straße sehen lassen“, grinst Ceylan. Seine wissenschaftliche Karriere begann nach einem Studium der Sozial- und Kulturwissenschaften in Düsseldorf mit einem Promotionsstipendium. 2006 promovierte Ceylan über das Thema: „Ethnische Kolonien: Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel türkischer Moscheen und Männercafés“. Danach, so Ceylan, konnte er sich vor Interview-Anfragen nicht mehr retten.

Der junge Religionswissenschaftler mit muslimischen Wurzeln wurde plötzlich zum wichtigen Vertreter religiöser Integration. Er wurde unter den unterschiedlichen muslimischen Organisationen zum öffentlichen „Prügelknaben“, weil er auch deren Unbeweglichkeit kritisierte. Ceylan machte wiederum Schlagzeilen, als er im Herbst 2009 als Professor am Lehrstuhl Islamische Religionspädagogik in Osnabrück erstmals Seminare für Imame (muslimische Geistliche) anbot. In seinem jüngsten Buch „Die Prediger des Islam“ untersucht Ceylan die Rolle der Imame in Deutschland. Ungefähr 70 Prozent von ihnen kommen aus der Türkei, berichtet er im persönlichen Gespräch mit dem TAGBLATT im Vorfeld seines Symposium-Vortrags. Für jene Imame ist die deutsche Kultur und Sprache noch weitaus fremder als für die meisten Migranten, die sie hier betreuen. Sie werden in der Regel vom türkischen Religionsministerium für maximal fünf Jahre nach Deutschland geschickt. In den muslimischen Gemeinden , so Ceylan, haben sie eine wichtige „Multiplikatoren-Funktion“. Sie sind Brückenbauer zu anderen sozialen Einrichtungen und christlichen Gemeinden.

Das erste freiwillige, kostenlose Fortbildungsseminar für diese Prediger war „ein voller Erfolg“, sagt Ceylan: Die Imame haben ihren politisch-kulturellen „Horizont erweitert“. In Zukunft würden sie mehr denn je in Deutschland gefragt sein, glaubt Ceylan. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Migranten muslimischen Glaubens auch zur Bundeswehr gehen oder bis sie hier an den neuen Islamkunde-Instituten für den Islamunterricht an Schulen gebraucht würden. Der Run auf die Imam-Fortbildung in Osnabrück war keine reine Männer-Veranstaltung: Von mehreren Moschee-Vereinen hatten sich Frauen beworben, die ebenfalls zum Zuge kamen.

Rauf Ceylan ist wichtig, dass für muslimische Familien in Kitas, Schule oder Beruf „keine mentalen Hürden“ aufgebaut werden. Sie sollten das Gefühl haben, dass ihre Lebenswelt selbstverständlich zum deutschen Alltag gehört. Nur so könnten Kinder auch eine Identität zu ihrer Religion entwickeln und sie nicht nur als „Ausländer-Religion“ wahrnehmen.

Prof. Rauf Ceylan, 34, lehrt Religionswissenschaften in Osnabrück.Bild:Metz

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Erstellt:
6. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Mai 2011, 12:00 Uhr

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