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Fasching

Rassismus oder Brauchtum?

Die Debatte über politische Korrektheit hat längst die fünfte Jahreszeit erreicht. Seit einigen Jahren tobt die Debatte, wie verletzend und diskriminierend Indianer- und Mohren-Kostüme wirklich sind.

09.02.2018

Von PHILIPP ZETTLER

Anstößig, rassistisch? Ein Mohrenkostüm im Fasching. Foto: ©Tumarkin Igor - ITPS/Shutterstock.com

Ulm. Ein Indianer rennt „Hugh, Hugh“ rufend durch die Kindergartengänge, gejagt von einem Cowboy mit Plastik-Revolver. Solche Spiele zum Fasching kennen viele aus ihrer Kindheit. Auch heute wird das Indianerkostüm wie selbstverständlich neben Mexikanerverkleidung bei Amazon angeboten. Doch seit einigen Jahren stellt sich die Frage: Ist das Tragen solcher Kostüme rassistisch? Vermehrt treten Organisationen und Betroffene in die Öffentlichkeit, die bestimmte Verkleidungen als diskriminierend anklagen.

Das so genannte Black-Facing war 2017 Ausgangslage für einen Streit in Fulda. Soziologen der dortigen Uni kritisierten den Karnevalverein Südend Fulda. Der lehnt seine Kostüme an die Kolonialzeit in Afrika an. Eines der Mitglieder ging jedes Jahr schwarz geschminkt im „Neger-Kostüm“ mitsamt Knochen im schwarzen Kraushaar. Die Professoren störten sich auch an den Uniformen des Vereins, die an die deutschen Schutztruppen in Afrika erinnern. Die Folge der Kritik waren wüste Streitereien auf Facebook.

Fuldas Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (CDU) verteidigte den Verein. Am Ende ließen die Jecken die Schminke sein. Weil die Uniformen blieben, bekam ihr Umzug Polizeischutz. Aus Angst vor Attacken von Linksradikalen.

Mit Angriffen von Rechten hatten die Organisatoren einer Kampagne zu kämpfen, die vergangenes Jahr in Köln startete. Die Posteraktion „Ich bin kein Kostüm“ basiert auf einer Initiative in den USA gegen diskriminierende Verkleidungen zu Halloween. Die Poster stellen jeweils eine einen weißen Partygänger in klischeehafter Kluft dem Opfer des Spotts gegenüber. Neben dem weißen Indianer mit billigem Federschmuck steht eine amerikanische Ureinwohnerin. Neben einer exotisch-erotischen Geisha blickt eine Asiatin düster drein.

„Ein schwieriges Thema“

Die öffentliche Debatte ist vergiftet. Auch von Wissenschaftlern und Narrenzünften kommt immer wieder der Satz: „Ein sehr schwieriges Thema“. So auch von Julia Müller, Mitglied des Zunftrats der Narrenzunft Ulm. Sie gibt die Bedenken vieler Zünfte wieder. „Wer etwas finden will, findet in jedem Kostüm etwas negatives oder politisch inkorrektes.“ Sexismus könnten einige wohl auch der traditionellen Darstellung von Hexen in der schwäbischen Fasnet vorwerfen. „Aber wenn man so etwas hinterfragen würde, müsste man den halben Umzug absagen“, sagt Müller.

Sie betont, dass die Zunft niemanden diskriminieren wolle. In der Vergangenheit habe es nie Probleme geben. Sie persönlich sieht in ethnischen Kostümen kein Problem. Auch gegen Verkleidungen, die reale Personen darstellen hat sie nichts. Nur von Nazi-Uniformen rät sie ab.

„Eine Debatte über Alltagsdiskriminierung ist in Deutschland kaum möglich, da sie meist mit Anschuldigungen verbunden ist“, erläutert Andreas Foitzik, Geschäftsführer des Netzwerks Antidiskriminierung in Tübingen. Es gehe nicht um Verbote, sondern darum mit anderen in Gespräch zu kommen. Die Gesellschaft müsse sich durch eine offene Debatte stets selbst neue Grenzen setzen. Dabei müsse aber allen Beteiligten klar sein, dass es keine allgemeingültigen Regeln gebe.

„Jeder sollte sich fragen, wen könnte ich mit meiner Verkleidung verletzen?“, erläutert Jobst Paul, vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Indianerkostüme und schwarze Schminke im Gesicht entsprängen Traditionen, die in der Kolonialzeit entstanden seien. Die Kostüme bagatellisieren den Verteidigungskampf der amerikanischen Ureinwohner und die Sklaverei.

Andere Kostüme wie Samurai oder der Scheich sieht er weniger kritisch. Dennoch schrieben auch sie Völkern bestimmte exotische, klischeehafte Verhaltensweisen zu. „Wir müssen akzeptieren, dass die Menschen, über die wir uns früher lustig gemacht haben, jetzt bei uns gleichberechtigt leben“, sagt Paul. Deswegen hätten in aller erster Linie jene Recht, die sich betroffen fühlen. Denn Kolonialismus und Unterdrückung gingen in den letzten 300 Jahren fast ausschließlich von Europa aus.

Verbote und Gesetze seien wegen der vielen Grauzonen keine Lösung. Es gehe darum, ein Bewusstsein zu entwickeln. Eltern könnten sich im Kindergarten absprechen, ob ein Kind einer Minderheit sich angegriffen fühlen könnte. Foitzik geht einen Schritt weiter. „Es gehört zur pädagogischen Pflicht von Eltern ihre Kinder, wenn sie alt genug sind, über die historischen Hintergründe von Kostümen aufzuklären“. Um die Situation zu verdeutlichen, stellt er die Frage: Würden Sie ihr Kind sich als behindertes Kind verkleiden lassen? Oder selbst als Katastrophenopfer zur Kostümparty gehen?“

Darin sind sich beide Experten einig: Man sollte das Thema nicht verbissen und ideologisch angehen.

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Erstellt:
9. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Februar 2018, 06:00 Uhr

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