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Eine erste Bilanz

Radsport: Nico Keinath muss die Profilaufbahn beenden

Nico Keinath war das größte Radsporttalent in der Region, der Tübinger stand vor einer großen Karriere. Doch der 23-Jährige muss sich von allen weiteren Profi-Träumen verabschieden: Eine abgeknickte Arterie im rechten Bein zwingt Keinath zur Aufgabe. Die zweite große Enttäuschung: Sein Arbeitgeber zeigte wenig Verständnis und dem Rekonvaleszenten die kalte Schulter.

21.08.2010
  • bernhard schmidt

Tübingen. Die Live-Übertragungen der Tour de France Anfang Juli hatte sich Keinath verkniffen: Zu frisch war noch die Enttäuschung über das erzwungene Karriereende. „Das tut weh. Da wollte ich nicht unbedingt tatenlos den Fahrern zusehen, gegen die ich im Frühjahr noch gefahren bin und gegen die ich zumindest zeitweise ganz gut mithalten konnte.“ Der Radsport hatte Keinath in den Bann gezogen, für die Profikarriere hatte er Entbehrungen und Einschränkungen in Kauf genommen. Jetzt ist der Traum geplatzt.

Es war alarmierend, was Keinath zu Beginn dieser Saison mehrfach verspürte: Bei starker körperlicher Belastung, vorzugsweise im Rennen, übersäuerte das rechte Bein, Keinath konnte nur noch mit halber Kraft in die Pedale treten. Weil zunächst ein Problem im Nervensystem, das heißt von den Bandscheiben her rührend, vermutet wurde, schickte die Rennleitung seines Net-App-Teams den Tübinger zu einem Neurologen in Herne. Dort bekam er eine viertägige Schmerztherapie, eine genauere Untersuchung ergab allerdings, dass die entsprechenden Nervenbahnen in Takt sind.

Auf Empfehlung seines ehemaligen Trainers Hartmut Täumler ging Keinath daraufhin zu einem Blutgefäß-Spezialisten in Berlin, der ihm schließlich die niederschmetternde Diagnose unterbreitete: Die rechte Beinarterie knickt in gebeugter Position bei hohem Druck gleich zweimal ab. Das hatte zur Folge, dass zu wenig Blut und damit zu wenig Sauerstoff in die Muskulatur des rechten Beins gepumpt wurde.

Der Tübinger Jungprofi stand vor der Wahl: Karriereende oder Operation. Als er zunächst die gefährliche und wenig erfolgversprechende zweite Variante erwog, machte Keinath die nächste bittere Erfahrung: Weil er dann für den Rest dieser Saison ausgefallen wäre, signalisierte ihm die Arbeitgeber von Net-App wenig Unterstützung. „Wären die hinter mir gestanden, hätte ich mich vielleicht anders entschieden“, sagt Keinath. Da funktioniert der Spitzensport so herzlos wie die freie Wirtschaft: Offensichtlich war für die Teamleitung der im Wettbewerb nicht mehr voll einsatzfähige „Mitarbeiter“ zur Fehlinvestition und finanziellen Belastung geworden.

Keinath wurde zum Teammanager geladen, der ihm einen Auflösungsvertrag unterbreitete, den der Tübinger aber nicht unterschrieb. „Das ist schon eine ganz bittere Erfahrung: Wenn man die Leistung nicht mehr bringen kann, wird man ganz schnell fallen gelassen“, sagte Keinath, der zu den Spitzenfahrern des erst im vergangenen Jahr gegründeten Rennstalls gezählt werden darf (siehe Kasten unten). Die Teamleitung begründete ihre Vertragsauflösung mit „kleinen Lächerlichkeiten“ wie Keinath findet: Ihm wurde vorgeworfen, aus dem für die Fahrer in Belgien angemieteten Haus ausgezogen zu sein. Über die Hälfte der Fahrer hätten ja schon außerhalb gewohnt, verteidigt sich Keinath. Er sei mit 23 Jahren schließlich alt genug, sich nicht länger mit einem Kollegen ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer teilen zu müssen. Darüber hinaus war den Rennleitern eine kritische Äußerung Keinaths über fehlende Kommunikation innerhalb des Teams sauer aufgestoßen. „Kritik war unerwünscht. Das weiß ich heute. Aber am Ende wollte ich nicht auch noch meine Seele an das Team verkaufen“, sagt Keinath.

Inzwischen ist der Streit mit einem außergerichtlichen Vergleich beigelegt – und Keinath um einige Illusionen ärmer: Was seinen einstigen Arbeitgeber betrifft, aber auch seine meist duldsam schweigenden Teamkollegen.

Um nun den Kopf frei zu bekommen, geht Keinath, Aushängeschild des Tübinger RV Pfeil, im September auf große Weltreise. Erst danach will er sich entscheiden, wie’s beruflich weiter geht.

Das erzwungene Ende der Radsportkarriere will der einstige Schüler der Geschwister-Scholl-Schule trotz aller Enttäuschung auch als Chance nutzen. „Die Vielseitigkeit im Radsport hat mich immer fasziniert“, sagt Keinath, räumt aber auch ein, dass er auf den aufwändigen Trainings- und Rennalltag, auf den zermürbenden Wechsel von Eintönigkeit und Stress durchaus verzichten kann. Rückblickend bekennt Keinath: „Leistungssport ist per se unvernünftig.“

Der Radsport in Deutschland siecht, Arbeitsplätze für deutsche Profis sind rar. Nicht nur der Dopingfälle wegen interessiere sich hierzulande ja kaum noch jemand für die Zunft der Straßenfahrer, beklagt Keinath: „Die Jahre mit Jan Ullrich waren nur ein Strohfeuer. Deutschland ist kein Radsportland und wird’s auch nie werden.“ Echte Begeisterung hat er dagegen bei seinen unzähligen Etappen-Kilometern durch die französische oder italienische Provinz kennen gelernt.

Keinath selbst ist Opfer der deutschen Doping-Skandale. Gerade als seine Karriere richtig in Gang kam, brach dem Jungprofi der Boden weg: Bei Gerolsteiner hatte Keinath gelernt – im Nachwuchsteam wie als „Stagiaire“ – dann verweigerte der Hauptsponsor wegen der Doping-Skandale um Stefan Schumacher und Bernhard Kohl die weitere Zusammenarbeit, der Herrenberger Rennstallleiter Hans-Michael Holczer, damals ein bekennender Keinath-Förderer, musste den Laden zu machen. „Das macht mich unheimlich wütend, diese Doper haben die Existenz vieler Fahrer gefährdet und mich letztlich den Job gekostet.“

Überhaupt: Den Glauben an effektive Doping-Kontrollen in seiner und anderen Sportarten hat Keinath verloren. „Wenn bei der Tour de France die UCI und bei der Fußball-WM die FIFA kontrollieren, dann ist das ein Witz. Die haben doch gar kein Interesse, Leute hoch zu nehmen.“ Doch trotz des kritischen Rückblicks aus der noch kurzen Distanz will Keinath die gemachten Erfahrungen nicht missen. „Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Ich habe viel Lebenserfahrung gesammelt. Es war keine verlorene Zeit.“

Höhepunkte in Nico Keinath Radsport-Karriere

Die Stationen: 2002 erster Auftritt in der in der Jugendklasse beim RV Pfeil Tübingen. 2003 in den württembergischen Kader berufen, 2005 erstmals im Nationaltrikot, im gleichen Jahr deutscher Junioren-Bergmeister. U 23-Saison im Stuttgarter Aguti-Team, die ersten Gastauftritte als Praktikant im Gerolsteiner Team. 2007 und 2008 im Gerolsteiner-Nachwuchsteam Ista, 2009 im Schweizer Team Hadimec, seit 2010 im neu gegründeten Net-App-Team.

Die größten Erfolge: 2008: Trikot des besten Nachwuchsfahrers bei der „Tour de Bretagne“, 3. Platz beim Weltcup „La Cote Picarde“, 2. Platz beim Weltcup in Kanada. Bergtrikot bei der „Poitou-Charente“ für Gerolsteiner. 2009: Bergtrikot bei der „Tour de l’Avenir“, der Tour de France für Nachwuchsfahrer, Start bei der U 23-WM in Mendrisio.

Radsport: Nico Keinath muss die Profilaufbahn beenden
Bei der U23-Weltmeisterschaft 2009 in Mendrisio hatte Nico Keinath als Teil einer Ausreißergruppe einmal mehr auf sich aufmerksam gemacht. Nach gesundheitlichen Problemen ist die hoffnungsvolle Karriere des Tübingers beendet.Archivbild: Roth

Radsport: Nico Keinath muss die Profilaufbahn beenden
Jedes Jahr 40000 Kilometer im Rennradsattel: Von September an reist Nico Keinath aber erstmals als Backpacker mit Flugzeug, Zug und Bus um die Welt.

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21.08.2010, 12:00 Uhr
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