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Mojib Latif über Klimawandel

Radikales Umdenken nötig

Die Menge an Informationen über den Klimawandel ist riesig. Was davon kann man glauben? Diese Frage zu klären, war Ziel eines Vortrags des bekannten Hamburger Meteorologen Mojib Latif im Rahmen der Kampagne „Tübingen macht blau“.

24.10.2009

Von Celia Eisele

Tübingen. Die Unistadt macht nun schon seit anderthalb Jahren blau, aber Bedarf an ein wenig Nachhilfe in Sachen Klimaschutz gibt es dennoch, wie der voll besetzte Hörsaal im Kupferbau der Universität bewies. Mit dem international angesehenen Meteorologen Mojib Latif vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften war ein ausgewiesener Experte der Einladung der Stadt zur Teilnahme an ihrer Vortragsreihe über den Klimaschutz gefolgt. Beim ursprünglichen Termin im Juni war Latif verhindert, am Donnerstag holte er ihn nach.

Die Lage ist ernst, aber die Menschen haben es in der Hand, das Schlimmste zu verhindern: Das war die Kernbotschaft, die Latif vermittelte. Zweifel am vom Menschen gemachten Klimawandel verwies er ins Reich des Halbwissens. Zwar seien die wissenschaftlichen Daten über die Erderwärmung nicht perfekt, die Trends aber seien eindeutig: Mit der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre steige auch die globale Durchschnittstemperatur, und das habe katastrophale Folgen.

Die Ursachen der Erderwärmung sind weitgehend bekannt, selten aber werden sie in so einen umfassenden Kontext gestellt, wie Latif es tat. „Es mangelt an Nachhaltigkeit“, sagte er. Dies gelte für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in den Industrieländern, weshalb sich eine Parallele zwischen Wirtschaftskrise und Klimakrise ziehen lasse. Ein radikales Umdenken sei nötig, damit die Menschen mit ihrem ungezügelten Ressourcenverbrauch ihre Lebensgrundlagen nicht weiter zerstörten.

Der Treibhauseffekt sei eigentlich der „Garant für das Leben auf der Erde“, sagte Latif. Auf ihn sei zurückzuführen, dass die Erdoberfläche statt minus 18 Grad Celsius im globalen Durchschnitt 15 Grad warm ist. In den vergangenen Jahrzehnten habe die CO2-Konzentration in der Atmosphäre aber so stark zugenommen, dass der Treibhauseffekt unnatürlich verstärkt und deshalb bedrohlich werde.

Das Argument von Skeptikern, die CO2-Konzentration sei vor 50 oder 100 Millionen Jahren noch höher gewesen sei, nannte Latif absurd. Schließlich hätten damals noch keine Menschen auf der Erde gelebt, und diese seien auf den rapiden Temperaturanstieg nicht eingestellt. Er appellierte an seine Zuhörer, sich von solchen Einwänden nicht beirren zu lassen.

„Atemberaubend schnell“ schmelze das Packeis in der Arktis, sagte Latif. Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt werde, könne der Meeresspiegel um bis zu 80 Meter ansteigen. Weniger bekannt sei, dass auch die Wasserqualität der Meere vom Klimawandel betroffen sei. Bis jetzt hätten die Ozeane die Hälfte des ausgestoßenen Kohlendioxids aufgenommen und die Erwärmung gebremst. Dadurch seien die pH-Werte gesunken, die Meere also saurer geworden. Viele Meerestiere seien dadurch in ihrer Existenz bedroht. Da sie am Anfang der Nahrungskette stünden, könnte sich ihre Bedrohung zu einem fundamentalen Menschheitsproblem auswachsen.

Was also ist zu tun? Die Vision, die es laut Latif zu verfolgen gilt, ist der Übergang zu einer CO2-freien Wirtschaft. Vorrangig müsse die Energieproduktion auf erneuerbare Quellen umgestellt werden. „Es gibt überhaupt kein Energieproblem auf diesem Planeten“, sagte Latif. Eine Fläche von der Größe Nordrhein-Westfalens in der Sahara reiche aus, um mit Solaranlagen den gesamten Energiebedarf der Welt zu decken. Mit dem geplanten Festhalten an der Atomkraft, fügte Latif auf eine Frage aus dem Publikum hinzu, bremse die künftige Bundesregierung den nötigen Wandel im Energiesektor.

Oberbürgermeister Boris Palmer, der sich als Moderator der Fragerunde Ko-Referate im Publikum ausdrücklich verbeten hatte, nutzte diese Vorlage, um ausführlich für den Ökostrom der Stadtwerke zu werben. Stadtwerke schön und gut, wie aber könne man Länder wie Russland dazu bringen, erneuerbare Energien zu nutzen, fragte ein Zuhörer. Hier verwies Latif auf die Logik des Marktes: „Indem wir zeigen, dass man damit jede Menge Kohle machen kann.“

Nur wenn man den CO2-Ausstoß deutlich verringert, lässt sich der Klima-Wandel noch abschwächen.

Tübingen machte wieder blau – mit Mojib Latif im Kupferbau.

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Erstellt:
24. Oktober 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Oktober 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2009, 12:00 Uhr

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