Mobilität

Rad ist das neue Auto

Das Fahrrad ist zum neuen Statussymbol geworden und gilt als Gefährt der Zukunft. Corona hat die Entwicklung nicht gestoppt. Im Gegenteil: Räder werden immer mehr zu Hightech-Produkten mit emotionaler Bedeutung.

20.11.2020

Von DOROTHEE TOREBKO

Foto: Canyon Rad

Andreas Hände sind ölverschmiert, über die Schulter hat er einen dreckigen Lappen gehängt. Der Mechaniker schraubt gerade an einem Fahrrad herum und ist dabei umgeben von schicken Rädern. Das Geschäft brummt. Die Fahrradliebhaber, die in den Laden im Berliner Kiez Prenzlauer Berg kommen, geben gut und gerne mehrere Tausend Euro für ein exklusives Velo aus. So viele Räder wie in diesem Jahr, hat er noch nicht verkauft. Damit ist Andrea nicht allein.

Das Rad boomt. Corona hat den Trend verstärkt. Denn egal, ob in der E-Variante, im Retro-Design oder als Lastenversion: In den vergangenen Monaten konnten Händler die Nachfrage teils nicht mehr bedienen, beliebte Modelle waren vergriffen und Anbieter von Leihrädern meldeten Rekorde. Firmen haben den Trend für sich entdeckt und setzen vermehrt auf Leasing-Bikes statt Autos. Die Politik hilft kräftig mit: Die Bundesregierung investiert so viel wie noch nicht in den Ausbau der Infrastruktur und fördert Rad-Professuren.

Dabei ist das Rad mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es verkauft einen Lebensstil: Wer Rad fährt, hält sich fit und gilt als umweltbewusst. Die Schrauberstuben, in denen Velos im Wert von Kleinwagen verkauft werden, sind zwar nicht so glänzend poliert wie Autosalons, dafür sind sie hipp. Das Rad protzt nicht mit Prunk, sondern Insiderwissen. Wer sich teure Räder zulegt, ist Teil einer exklusiven Gruppe, die das Produkt zu schätzen weiß. Das Rad ist zum Statussymbol geworden und hat dem Automobil den Kampf angesagt. Das bestätigt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom. Demnach ist das Auto für 62 Prozent der Befragten kein Statussymbol mehr. Stattdessen steht das Rad für zukunftsfähige Mobilität. Doch wie nachhaltig ist die Entwicklung?

Um das Rad herum hat sich eine riesige Industrie entwickelt. Sieben Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr mit Rädern und E-Bikes und dem dazu gehörigen Zubehör umgesetzt. Der Trend geht hin zum hochwertigen Rad sowie Pedelec. Gaben die Deutschen 2018 noch 756 Euro aus, waren es 2019 schon 982 Euro. Dabei hört der Konsum nicht mit dem Kauf auf. Die Forscher vom Zukunftsinstitut Frankfurt am Main fanden heraus, dass das Rad „zum geliebten Stilgegenstand“ werde. „Für viele bekommt es eine emotionale Bedeutung, die man einst Autos entgegenbrachte“, sagen die Zukunftsforscher. Das Rad werde gehegt und den persönlichen Vorstellungen angepasst. In Blogs tauschen sich Radler über die besten Navigatoren aus, Shirts werden für 150 Euro aufwärts verkauft, und Tüftler basteln ressourcenschonende Räder aus Bambus.

Dass das Rad immer mehr zum Statussymbol werde, habe auch mit den Innovationen im Sektor zu tun, ist sich der Sprecher des Zweirad-Industrieverbandes (ZIV), David Eisenberger, sicher. Lastenräder werden immer attraktiver, E-Bikes haben für eine Revolution auf dem Markt gesorgt und sogenannte Gravelbikes, einem Hybrid aus Rennrad und Geländebike, werden populärer. „Das Rad ist zum Lieblingsobjekt geworden. Darauf hat die Industrie reagiert und Hightech-Produkte entwickelt“, sagt Eisenberger. Einen echten Drahtesel für wenige Euro schaffen sich höchstens noch Städter aus Sorge um einen Diebstahl an.

Corona hat die Innovationsfreude nicht gestoppt und den Absatz weiter angekurbelt. Laut ZIV wurden im ersten Halbjahr 2020 mit 3,2 Millionen rund 9 Prozent mehr Räder und E-Bikes als im Vorjahreszeitraum verkauft. Verbandssprecher Eisenberger sieht unterschiedliche Gründe für den Boom. Zum einen würden Menschen in der Corona-Zeit Alternativen zu Bus und Bahn suchen – und im Vergleich zum ÖPNV biete das Rad nicht nur virenfreie Mobilität, sondern auch Bewegung an der frischen Luft. Viele hätten auch die Urlaubspläne zugunsten von Reisen mit dem Rad umgestellt. Davon werde die Branche langfristig profitieren. „Viele dieser neuen Nutzer werden die Zweiradmobilität auch nach der Krise nicht mehr missen wollen“, sagt Eisenberger.

Ein Grund für den Boom ist auch, dass Pendlern das Velo schmackhaft gemacht wird. Seit 2012 werden Diensträder steuerlich so behandelt wie Dienstwagen. Schreckten Arbeitgeber zu Beginn noch zurück, bieten nun immer mehr Firmen ihren Mitarbeiter Diensträder zu Leasingkonditionen an. Ein Anbieter ist Company Bike, mit dem auch die Neue Berliner Pressegesellschaft kooperiert. Das Unternehmen verkauft das Positiv-Image gleich mit. Wer seine Mitarbeiter mit Rädern versorgt, hat nicht nur gesündere Beschäftigte und reduziert Krankentage, sondern tut auch was fürs Klimagewissen. Rad statt Auto bedeutet weniger CO2-Ausstoß. Mitarbeiter profitieren auch: Sie können die Hälfte im Vergleich zum Privatkauf sparen.

Markus Maus ist Gründer und Geschäftsführer von Company Bike. Er sieht einen enormen Wandel in der Gesellschaft. „Der Dienstwagen verliert nicht nur als Statussymbol sondern auch als Motivationsinstrument an Bedeutung, da dieser meist nur einem privilegierten Teil der Belegschaft zur Verfügung steht“, erläutert Maus. „Moderne Unternehmen setzen stärker auf Gleichheit und bieten allen Mitarbeitern ein Firmenfahrrad an.“

Geschäftsführer Maus geht davon aus, dass sich der Trend fortsetzt und mehr Unternehmen erreichen wird. Auch ZIV-Sprecher David Eisenberger ist sich sicher, dass sich das Rad immer mehr zum Statussymbol der Deutschen entwickeln wird und sich der Trend ungebremst fortsetzt.

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Erstellt:
20. November 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. November 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. November 2020, 06:00 Uhr

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