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Gereizt bis zum allergischen Schock

Quaddeln von der Kriebelmücke und Hautausschlag vom Eichen-Prozessionsspinner

Aggressiver als die Stechmücke ist die Kriebelmücke. Eine wachsende Gefahr für den Menschen ist aber auch der Eichen-Prozessionsspinner.

05.07.2018

Von Philipp Koebnik

Auf dem Stamm einer gefällten Eiche sind die Raupen des Eichen-Prozessionsspinners gut zu erkennen. Archivbild: Priotto

Na, wie oft wurden Sie dieses Jahr schon von einer Mücke gestochen? Zehnmal? Dreimal? Oder noch gar nicht? Auch wenn letzteres wohl eher unwahrscheinlich ist: Von einer Mückenplage könne derzeit keine Rede sein, heißt es etwa beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Wie oft man Opfer der kleinen Blutsauger wird, hängt vor allem davon ab, wie häufig man sich im Freien aufhält. Der strenge Winter und das trockene, warme Frühjahr, in dem Pfützen und kleine Gewässer ausgetrocknet sind, boten den Mücken sogar eher schlechte Bedingungen für die Vermehrung. Allerdings: In den vergangenen Wochen hat es recht viel geregnet. Außerdem war es ziemlich warm. Beides günstige Voraussetzungen für die Larven.

Laut Dr. Jörg Fischer, Oberarzt in der Allergologie der Tübinger Hautklinik, melden sich nicht mehr Leute als sonst um diese Jahreszeit wegen Mückenstichen. Und: „Dass man am Neckar unten gestochen wird, ist ja nichts Neues.“ Auch Prof. Matthias Möhrle von der Tübinger Praxisklinik Haut und Venen sieht keine Anzeichen für eine Mückenplage. Allerdings gebe es seit einigen Jahren immer mehr Kriebelmücken, die „ziemlich ekelhafte Stiche“ verursachen. Sie lösen teils handtellergroße Rötungen aus. Das Problem sei jedoch „weniger der Stich als der Mensch, der die Haut aufkratzt und dadurch Keime einbringt“, so Möhrle. Das könne sich bis zur Wundrose auswachsen. Im Vergleich zur Stechmücke ist die Kriebelmücke kleiner, bauchiger, und fliegt praktisch geräuschlos. Den Stich spürt man in der Regel nicht.

Schwäbischer Quälgeist: Der Schnak‘. Bild: Metz

Im Unterschied zu Stechmücken saugen Kriebelmücken das Blut nicht direkt aus der Haut, sondern erzeugen mit ihren scharfen Mundwerkzeugen eine kleine Wunde, in der sich Blut sammelt. Dieses wird dann aufgesaugt. Aus den geröteten Schwellungen kann sich ein Knötchen und in der Folge ein eitriges Bläschen entwickeln. Ursache ist der giftige Speichel, den die Kriebelmücke in hoch konzentrierten Mengen abgibt. Die Bisse der Mücke können Bakterien übertragen, die Schmerzen und Fieber auslösen. In diesem Fall ist es ratsam, mit Antibiotika zu behandeln. Treten auffällig große Schwellungen auf, sollte man das Blut auf eine Allergie hin untersuchen lassen. Denn die kann sich auf den Kreislauf auswirken und im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohlich werden.

Cremes nützen nur der Pharmaindustrie

Um sich generell vor Mückenstichen zu schützen, empfiehlt Fischer dichte Kleidung – bei heißen Temperaturen freilich ein schwer zu beherzigender Tipp. Beide Ärzte raten deshalb dazu, Repellentien auf die Haut aufzutragen, also Salben, die die Mücken vertreiben. Wer gestochen wurde, sollte die betroffene Stelle kühlen, zum Beispiel mit einem feuchten Waschlappen. Es könne durchaus fünf Tage brauchen, bis der Stich verheilt sei, so Fischer. Cremes zur Behandlung der Stiche seien wirkungslos und nützten nur der Pharmaindustrie. Möhrle hingegen empfiehlt Antihistaminika zur Behandlung allergischer Reaktionen.

Eine Mückenplage gibt es zwar nicht. Dafür haben es Walter Deschle von der Ammerbucher Gesellschaft für Umweltbiologie Weber & Deschle und seine Kollegen derzeit mit „ungewöhnlich“ vielen Eichen-Prozessionsspinnern zu tun. „Wir sind davon überrascht worden“, sagt der Parasitologe. Fast täglich seien sie draußen, um irgendwo Gespinste der Raupen zu entfernen. Wegen der günstigen klimatischen Bedingungen – ein warmes Frühjahr – seien die Populationen geradezu „explodiert“.

Die feinen, kaum sichtbaren Härchen der Raupen dringen in die menschliche Haut ein und reizen sie. Die geröteten Stellen seien jedoch kaum mit Mückenstichen zu verwechseln, sagt Deschle. Denn mehr als zwei oder drei Mückenstiche beieinander seien selten: „Spätestens nach dem dritten Stich nimmt doch jeder Reißaus.“

Trotz Schutzanzügen kriegen er und seine Kollegen immer wieder etwas ab, berichtet Deschle. Obwohl sie die Anzüge und ihr Gerät nach jedem Einsatz waschen, bleiben Härchen daran kleben. Der Juckreiz sei schlimmer als bei einem Mückenstich, klinge aber nach einer knappen Woche ab. „Wer ein normales Immunsystem hat, muss gar nichts machen“, sagt Deschle. Im Einzelfall könne es jedoch sinnvoll sein, die Reizung mit Fenistil-Salbe zu mildern. Immerhin zwei Patienten haben zuletzt auch gezielt nach Mitteln gegen die Raupen des Falters gefragt, berichtet Florian Zück von der Neuen Apotheke.

Ein Patient von Dr. Datz mit einer großflächigen Hautreizung, ausgelöst durch direkten Kontakt mit dem Eichen-Prozessionsspinner. Privatbild

Das Erscheinungsbild ist anders als bei Mückenstichen, wissen Fischer und Möhrle. Denn diese rufen oft Quaddeln hervor, wohingegen der Eichen-Prozessionsspinner die Haut eher wie „rotes Sandpapier“ aussehen lasse: mit „kleinen Erhebungen auf einer diffus roten Fläche“, so Möhrle. Gefährlich sei das aber in der Regel nicht.

Hautreizungen und Husten

In der Regel. Denn es kann auch schlimmer kommen. Ein stark juckender Hautausschlag und gereizte Schleimhäute sind fast immer garantiert. Ursache ist Thaumetopoein, ein hartnäckiges Nesselgift, das auf Eiweiß basiert. Auch Schwindel, Fieber und Müdigkeit sind möglich. Eingeatmete Brennhaare haben zudem meist einen schmerzhaften Husten zur Folge.

Dr. Jean-Christophe Datz von der Tübinger Gemeinschaftspraxis Datz/Kleck/Großmann hat kürzlich einen Patienten behandelt, dessen Haut im Achselbereich stark gereizt war. „So jemand ist für zwei Wochen ausgeknockt“, sagt Datz. Dann müsse Cortison auch geschluckt und nicht nur auf die Haut aufgetragen werden. Im Extremfall erleiden Patienten sogar einen allergischen Schock. Wer bei der nächsten Wanderung Exemplare der haarigen Giftraupen sichtet, sollte also einen gebührenden Sicherheitsabstand halten.

Kampf gegen giftige Raupen – bis zur Selbstanzeige

Der Eichen-Prozessionsspinner breitet sich seit Jahren in Deutschland aus. Die Raupen des Falters sind nicht nur für den Menschen eine Gefahr, sondern auch für die Bäume, deren Gehölz sie kahlfressen. Sie sind nachtaktiv und wandern dicht hintereinander her, ähnlich wie bei einer Prozession – daher der Name. Vom fünften Larvenstadium an leben sie in größeren Gespinsten zusammen. In dieser Zeit bilden sie auch die gefährlichen Härchen. Die Gespinste müssen professionell entfernt werden. Zwar werden die Eichen-Prozessionsspinner bundesweit bekämpft, doch ist nicht immer klar, wer zuständig ist. Weil in diesem Jahr bereits hunderte Menschen in seiner Gemeinde betroffen gewesen seien, hat sich der Bürgermeister von Seehausen in Sachsen-Anhalt, Rüdiger Kloth, kürzlich selbst angezeigt – wegen Körperverletzung im Amt. Er sehe sich außer Stande, die Bevölkerung ausreichend vor gesundheitlichen Schäden zu bewahren, so Kloth. Er kritisiert, dass sich beim Umwelt- und Gesundheitsministerium Sachsen-Anhalts niemand zuständig fühle. Durch seine Anzeige will er klären lassen, wer für die Bekämpfung verantwortlich ist.

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Erstellt:
5. Juli 2018, 22:50 Uhr
Aktualisiert:
5. Juli 2018, 22:50 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Juli 2018, 22:50 Uhr

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