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Justiz

Prozess hinter verschlossener Tür

Die Kammer am Landgericht Ulm verhandelt nichtöffentlich gegen den Urspring-Mörder. Der 30-Jährige, der 2006 einen Mitschüler erstach, soll einen Zeugen von damals bedroht haben.

09.10.2019

Von STEFAN BENTELE

Ein Sicherheitsdienst-Mitarbeiter des Zentrums für Psychiatrie in Weingarten nimmt dem Angeklagten kurz vor Beginn des Prozesses die Handschellen ab. Der 30-jährige Angeklagte ist derzeit in dem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Foto: Volkmar Könneke

Ulm. Die Verhandlung am Landgericht Ulm gegen den 30-jährigen verurteilten Mann, der als Urspring-Mörder bekannt wurde, findet bis zum Urteil unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das hat die 2. Große Strafkammer unter Vorsitz des Richters Michael Klausner am Dienstagmorgen entschieden. Der Angeklagte, der 2006 einen Mitschüler ermordet hat, soll Anfang dieses Jahres unter anderem einen Zeugen aus dem damaligen Verfahren mit dem Tode bedroht haben.

Gut 30 Minuten nach Beginn des ersten Verhandlungstags mussten die fünfzehn Zuhörer – darunter die Familie des Angeklagten – den Saal verlassen. Zuvor war er mit Fußfesseln und Handschellen in den Raum geführt worden, er versteckte sein Gesicht bis zum Beginn der Verhandlung mit einem türkisfarbenen Schnellhefter vor den Kameras der Fotografen.

Der heute 30-Jährige, ein gebürtiger Ulmer, hatte 2006 im Alter von 17 Jahren an der Urspringschule in Schelklingen einen Mitschüler erstochen. Das Landgericht Ulm verhängte damals eine zehnjährige Jugendhaftstrafe, die er mittlerweile verbüßt hat. Derzeit ist der Mann am Zentrum für Psychiatrie in Weingarten (Kreis Ravensburg) untergebracht.

Grund für den Ausschluss der Öffentlichkeit ist ein Antrag der Verteidigung. Rechtsanwalt Thomas Maurer argumentierte, nachdem die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift verlesen hatte, dass sein Mandant unter einer schizophrenen Erkrankung leide, weshalb sich die Frage nach einer Schuldunfähigkeit in allen Anklagepunkten stelle. Die Klärung dieser Frage berühre „sensible Punkte“ im Privatleben des 30-Jährigen.

„Ich bring dich um“

Die Erste Staatsanwältin Heike Lang sah das lediglich für Teile der Anklage gegeben, nicht jedoch in dem Fall, in dem der Angeklagte einen Zeugen aus dem früheren Mordverfahren mit dem Tode bedroht haben soll. Demnach hat er um den 2. Februar dieses Jahres herum am Auto des Zeugens einen Zettel angebracht haben, auf dem stand: „Ich komm' noch und bring dich um. Und deine Mutter, wenn sie zuhause ist, auch.“ Mögliches Motiv laut Staatsanwaltschaft ist, dass der Angeklagte den Zeugen für seinen zehnjährige Haftstrafe verantwortlich macht.

Gemäß der Anklageschrift besteht für den 30-Jährigen ohnehin ein Kontaktverbot zu vier Zeugen aus dem früheren Mordprozess und deren Familien. Die Auflage ist Teil einer Führungsaufsicht, verhängt vom Amtsgericht Freiburg im April 2016, zehn Jahre nach dem Mord in Urspring.

Die Entscheidung über den Ausschluss der Öffentlichkeit lag bei der Kammer. Dass die dem Antrag der Verteidigung folgte und die Öffentlichkeit bis zur Urteilsverkündung ausschloss, begründete Richter Klausner damit, dass zur Klärung der einzelnen Anklagepunkte mit Blick auf den Angeklagten „der Kern seiner Persönlichkeit“ betroffen sei.

Es stünde in einer öffentlichen Verhandlung zu befürchten, dass der 30-Jährige sich aus „einem falsch verstandenem Schamgefühl“ bei Aussagen zurückhalte, sagte Klausner. Ob der Angeklagte überhaupt Angaben zu den Vorwürfen macht, ist nicht bekannt.

Für den Prozess sind bislang acht Verhandlungstage angesetzt, zu denen mehrere Zeugen gehört werden. Ein forensischer Psychiater, Peter Winckler, soll ein Gutachten erstellen. Letztlich muss die Kammer nicht nur klären, ob der 30-Jährige die Taten begangen hat, sondern auch, ob er die Taten aufgrund seiner Erkrankung beging und ob er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist.

Falls das zutrifft, dürfte das Gericht die unbegrenzte Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus anordnen. Aufzuheben ist diese erst, sobald von dem Mann keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr ausgeht.

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Erstellt:
9. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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