Literatur

Prophet der Hoffnung

Vor 700 Jahren starb der italienische Dichterfürst Dante. Mit seiner „Göttlichen Komödie“ erschuf er zeitlose Bilder menschlicher Abgründe und Visionen des Heils.

13.09.2021

Von KNA

Das Gemälde „Dante und die drei Jenseitsreiche“ (1465) von Domenico di Michelino aus dem Dom zu Florenz: Der Dichter Dante Alighieri starb am 14. September vor 700 Jahren, doch nicht in seiner Heimatstadt. Foto: akg-images GmbH

Rom. Wo ist Dante Alighieri wohl heute, 700 Jahre nach seinem Tod? Im Inferno, Purgatorio oder Paradiso? Papst Franziskus hegt wohl keinen Zweifel. In einem Apostolischen Schreiben „Candor lucis aeternae“ (Glanz des ewigen Lichts) zum Gedenkjahr würdigt er den Dichterphilosophen als „Prophet der Hoffnung und Zeuge des dem menschlichen Herzen innewohnenden Durstes nach dem Unendlichen“ und wirbt für dessen Wiederentdeckung. Dazu könnten die zahlreichen Veranstaltungen beitragen, mit denen nicht nur der Vatikan und Italien ihren Dichterfürsten feiern. Dante adelte Italienisch zur Literatursprache und schrieb sich gleichzeitig in den Kanon der Weltliteratur ein.

Dabei scheint das päpstliche Lob nicht selbstverständlich. Immerhin steckte Dante in seiner „Commedia“, auch „Divina Commedia“ (Göttliche Komödie) genannt, gleich mehrere Kirchenoberhäupter in die Hölle. Machtmissbrauch, Habgier und Verrat an der Botschaft Christi warf der kirchentreue Poet ihnen vor. Doch seinen Namen verdankt das bekannteste literarische Werk des Mittelalters dem glücklichen Ausgang im Himmel.

Dante verarbeitete sein eigenes Schicksal

Der Forschung dient es auch als biografische Quelle. Denn Dante verarbeitet darin sein eigenes Schicksal. Das Geburtsdatum bleibt umstritten, seine fiktive Reise ins Jenseits setzt er in der Karwoche 1300 an, mit 35 Jahren. Demnach wäre er Mitte 1265 in einer Familie des guelfisch gesinnten Florentiner Stadtadels zu Welt gekommen, also jener Gruppe, die entgegen den kaisertreuen Ghibellini eher für den Papst eintrat. Dantes Bildungsweg begann bei Dominikanern und Franziskanern und führte ihn möglicherweise an die Universitäten von Bologna und Paris. Frühe Werke verweisen auf Kontakte zu Hauptvertretern hochkultivierter volkssprachlicher Dichtung.

Dabei stand der Dichter zugleich mitten in den politischen Wirren des zwischen Kaiser und Papst zerrissenen Italiens. Ab 1296 versah er verschiedene Ämter der Handelsmacht Florenz und gelangte in das höchste Gremium der Stadt, das Priorat. Doch Turbulenzen jener Zeit führten zu seiner Verbannung, einschließlich des Verlustes aller Güter. Dante starb am 14. September 1321 in Ravenna, das seither über Grab und Gebeine wacht. Florenz errichtete nach vergeblichem Bitten um den „altissimo Poeta“ schließlich 1829 ein Scheingrab in der Kirche Santa Croce.

Die Erfahrung von Verbannung und radikaler Ungewissheit wie die Sehnsucht nach Heimat und letzter Erfüllung wandte Dante in seiner Commedia zur Grundbedingtheit des Menschseins überhaupt. In Einzelschicksalen reflektiert er das Dasein vor dem Hintergrund von griechischer Philosophie, christlicher Theologie und politische Analyse.

In Dantes Weltgericht brennt kein Feuer im innersten Höllenkreis. Dort frieren die Verräter Judas und Brutus in eisiger Kommunikationslosigkeit – ebenso Ugolino, die Zähne in den Schädel des Erzbischofs von Pisa gerammt, der auf Erden den Ruchlosen samt seinen Kindern in den Hungerturm warf; persönlicher wie politischer Verrat, der die Grundlagen von Zusammenleben und Frieden zerstört.

Die Bilder der Strafe spiegeln mit brutalem Realismus das Vergehen wider. Bestraft werden nicht einzelne Sünden, sondern falsche Lebensweisen, kurz „Laster“. Der Katalog orientiert sich an der Ethik des Aristoteles. Doch Dante moralisiert nicht. Selbst in den Verworfenen glimmt Menschlichkeit, gerade das lässt sie leiden. Angesicht des tragischen Schicksals der unglücklich liebenden Francesca fällt er gar vor Mitleid und Grauen in Ohnmacht.

Nach eindrücklichen Bildern von Hölle und Läuterung erreicht Dante zunächst das irdische Paradies, eine Utopie vom Einklang des Menschen mit der Natur. Hier triff er Beatrice, seine früh verstorbene große Liebe wieder, die ihn in den Himmel geleitet. Schließlich findet die Poesie ihre höchste Ausdruckskraft in der Schau Gottes. Hier wird das Verlangen des Menschen so übererfüllt, dass selbst der Dichter verstummt: „Die hohe Phantasie, hier verließ sie die Kraft“. Und hier findet sich selbst der heidnische Kaiser Trajan, denn „das Himmelreich lässt sich Gewalt antun von heißer Liebe und von starker Hoffnung, die zusammen selbst den göttlichen Willen besiegen“.

Jede Epoche findet sich wieder

So fern, so nah. Dante Alighieri bietet auch 700 Jahre nach seinem Tod ein Panoptikum, das in der Erfahrung jeder Epoche seine Anknüpfungspunkte findet. So spiegelt sich im Dante-Bild zugleich der Zeitgeist, heute durch ein eher historisierendes und ästhetisierendes Verständnis des Werkes. Dante selbst fasste das Ziel seines Wirkens in einem Brief zusammen: „... die Lebendigen in diesem Leben aus dem Zustande des Elendes herauszuführen und zu dem des Glückes zu geleiten“. Ästhetische Fiktion oder hoffnungsvolle Verheißung? Auch dies ist eine Frage der freien Entscheidung, würde Dante wohl sagen. Christoph Scholz

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Erstellt:
13. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. September 2021, 06:00 Uhr

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