Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

SWP-Leitartikel · Corona

Profiteur der Krise

Dass die Präsidenten Frankreichs und der USA den Kampf gegen das Coronavirus zum „Krieg“ erklärt haben, hat nicht weiter überrascht.

27.03.2020

Von STEFAN KEGEL / NBR

Solcherlei martialische Ausdrucksweise ist man von ihnen gewohnt. Besser hinhören muss man bei jemandem, der einer solchen Wortwahl sonst eher unverdächtig ist. Der Außenbeauftragte der EU, Josep Borrell, hat vor einer „Schlacht der Narrative“ gewarnt, also einer Auseinandersetzung darüber, wer nach der Corona-Krise als Gewinner und wer als Verlierer, wer als guter Junge und wer als Ignorant oder gar Schuldiger dastehen wird. Auch wenn wir es in der Hektik des Moments kaum bemerken, droht Europa hierbei in eine ganz miese Ecke geschoben zu werden.

Die Propaganda ist in vollem Gange. China zum Beispiel hat die Zeichen der Zeit erkannt. Nachdem es die erste Welle des Virus hinter sich gebracht zu haben vorgibt, richtet es den Blick auf die möglichen machtpolitischen Verschiebungen nach der Corona-Krise. Wie stark die USA, die EU oder Japan dann dastehen werden, ist ungewiss. Peking jedenfalls will dafür sorgen, dass es selbst gestärkt daraus hervorgeht, was Einfluss und Ansehen betrifft. Auch deshalb schickt China medienwirksam Flugzeuge voller Ärzte und Medizintechnik in alle Welt – nach Italien, Spanien, in den Iran oder den Irak. Das Land, in dem die Krise ihren Anfang nahm, hat mit voller Kraft damit begonnen, sie umzudeuten.

China trifft dabei auf verunsicherte Vereinigte Staaten, die wenig Ambitionen zeigen, bei der Bewältigung der Krise international eine führende Rolle zu spielen. Es nutzt die Zerstrittenheit der Europäischen Union aus, in der viele Länder hektisch versuchen, national mit der Situation fertigzuwerden. Und es schlägt Profit aus dem Frust von EU-Beitrittskandidaten wie Serbien, denen der Import von Medizinprodukten wie Atemschutzmasken aus der EU verwehrt wurde.

Die strategischen Ziele sind klar erkennbar: Es geht China darum, sich im Vergleich zu den USA oder zur EU als verlässlichen Partner darzustellen und der Welt vor Augen zu führen, dass der größte Wirtschaftsraum der Welt diese Krise nicht allein in den Griff bekommt.

Die EU hat dem bisher propagandistisch nichts entgegenzusetzen. Ihre Hilfslieferungen nach China, als dort im Januar die Krankenzahlen explodierten, kamen nicht öffentlichkeitswirksam unter ihrer blauen Flagge an. Und letztlich bot die EU in der Krise tatsächlich zunächst kein Bild der Nächstenliebe. Erst langsam fängt das Staatenbündnis an, untereinander Solidarität zu zeigen, indem es gemeinsam Schutzmasken und Handschuhe beschafft, eine milliardenschwere Investitionsoffensive startet und den Stabilitätspakt lockert. Statt wie der US-Präsident mit dem Zeigefinger auf China als Schuldigen zu zeigen, kommt es nun darauf an, diesen ganzen Vorhaben sichtbar den blau-gelben Sternchen-Stempel aufzudrücken. Auch davon wird abhängen, wie die Corona-Krise einst in den Geschichtsbüchern stehen wird.

leitartikel@swp.de

Zum Artikel

Erstellt:
27. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. März 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+