Die Qual der (Nicht-) Wahl

Professoren erklären, warum Menschen nicht wählen gehen

Anderswo kämpfen Menschen dafür, wählen gehen zu können. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht in Deutschland gilt noch keine hundert Jahre. Doch immer mehr Wahlberechtigte verzichten darauf, ihre Stimme abzugeben. Wir fragten Poli- tologen nach den Gründen.

20.09.2013

Von Julia Löffelholz

Tübingen. Wenn am Sonntagabend die ersten Wahlergebnisse bekannt gegeben werden, wird die CDU nach allen Prognosen den höchsten Balken haben. Dabei wird oft vergessen, dass es eine noch größere Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern gibt als die, die ihr Kreuzchen bei der Union machen: die Nichtwähler. Mehr als ein Drittel aller Wahlberechtigten werden es am Sonntag bundesweit voraussichtlich sein. Einige Experten rechnen sogar mit vierzig Prozent.

Auch in Tübingen werden wohl weniger als die 75,9 Prozent, die 2009 gewählt haben, auch dieses Jahr wieder ins Wahllokal gehen. Doch es sind nicht mehr nur Arme und Ungebildete, die lange Zeit als Inbegriff der Nichtwähler galten. „Das öffnet sich“, sagt der Tübinger Politikwissenschaftler Prof. Josef Schmid. „Nichtwähler gibt es in allen Schichten“.

Die Beweggründe sind vielfältig

Vom neuen Selbstbewusstsein der Nichtwähler ist die Rede. Prominente erzählen in Talkshows, warum sie nicht zur Wahl gehen, in Stuttgart hat sich eine Initiative gebildet, die dazu aufruft, Wahlbenachrichtigungen in eine gläserne Urne zu werfen. Doch wer sind diese Nichtwähler? Gegenüber dem TAGBLATT wollte sich trotz intensiver Suche keiner mit Namen äußern. Doch die Beweggründe für Wahlenthaltung sind vielfältig. „Es gibt nicht den Nichtwähler“, sagt Schmid. „Manche Menschen wählen aus religiösen Gründen nicht wie Teile der Zeugen Jehovas, andere können nicht wählen gehen, weil sie arbeiten müssen und vergessen haben, die Briefwahlunterlagen anzufordern.“ Hinzu kommen diejenigen, die sich einfach nicht für Politik interessieren.

Dennoch fällt auf, dass auch immer mehr Menschen aus politischen Gründen bewusst nicht wählen. „Es gibt im Moment keine großen Konfliktthemen“, sagt Schmid. „Deshalb bleiben die Wähler daheim.“ Wenn es eine starke Wechselmöglichkeit gibt, sei die Wahlbeteiligung immer höher, als wenn die Wahrscheinlichkeit groß ist, das die aktuelle Regierung wiedergewählt wird. So sei es auch bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg gewesen, als ein Wechsel in der Luft lag, die Wahlbeteiligung um 12,9 Prozentpunkte auf 66,3 Prozent stieg und die CDU erstmals von der Regierung abgelöst wurde.

Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen macht auch eine Veränderung im Politiker-Bürger-Verhältnis für den Wählerschwund verantwortlich. „Es gibt mittlerweile andere Werkzeuge der Demokratie als Wahlen. Heute sind die Politiker ständig durch Besuche in ihren Wahlkreisen und soziale Netzwerke mit den Wählern in Kontakt und bekommen so regelmäßig Rückmeldung zu ihrer Arbeit.“ Dadurch habe die Bedeutung von Wahlen nachgelassen. Auch die Einstellung zur Wahl habe sich verändert. „Nach dem Krieg gab es über Jahrzehnte ein Wählnorm. Es gehörte sich, wählen zu gehen.“ Auch das habe sich verändert.

Sein Tübinger Professorenkollege Hans-Georg Wehling macht noch einen anderen Grund aus: „Die aktuelle Situation wird als gut wahrgenommen. Das mag man nicht gefährden. Nicht zufällig erstrebt und erwartet man die friedliche Situation einer Großen Koalition.“ Zudem gebe es zwischen den großen Parteien momentan kaum wahrnehmbare Unterschiede.

Dennoch hält Wehling nicht viel davon, wenn Menschen ihre Chance zur politischen Mitgestaltung vertun. „Viele berufen sie sich darauf, dass sie sich mit keiner Partei voll und ganz identifizieren können“, sagt der Politikwissenschaftler. „Die sollten sich aber klar machen, dass keine Entscheidung mit hundertprozentiger Übereinstimmung möglich ist, das gilt selbst für die Wahl des Lebenspartners.“

Schmid dagegen kann verstehen, dass Bürger nicht wählen gehen. „Ich finde es richtig, dass Leute, die mit dem System unzufrieden sind, dies zeigen.“ Dennoch fordert er, dass auch Nichtwähler politisch aktiv bleiben. „Es ist ein Problem, wenn sich Menschen nicht mehr mit Politik auseinandersetzen.“ Eine Wahlpflicht findet er sinnlos. „Dann würden die Leute Beckenbauer auf die Wahlzettel schreiben oder fünf Kreuzchen machen.“

Eine Gefahr für die Demokratie sehen aber beide Professoren nicht. „Das Wohl der Demokratie hängt nicht an zwei Prozent Wahlbeteiligung mehr oder weniger“, sagt Schmid. „Ich denke, dass das eher eine temporäre Unzufriedenheit ist als eine grundsätzliche Abneigung gegen das System.“

Manche kokettieren mit Wahlenthaltung

Bei Personen mit Einstellungen am Rand des politischen Spektrums könne man vielleicht sogar froh sein, wenn sie nicht zur Wahl gehen, fügt Wehling hinzu. Er kritisiert auch die Prominenten, die öffentlich darüber sprechen, dass sie nicht wählen, und versuchen, eine neue Mode zu erwecken. „Manche Prominente kokettieren sicherlich auch mit bewusster Wahl-Enthaltsamkeit, um leichter Aufmerksamkeit zu finden.“

Darum dass die Wahlbeteiligung steigt, müssten sich die Politiker nach Schmids Ansicht schon selbst kümmern. „Wenn sich die Parteien im Wahlkampf mehr voneinander abgrenzen und sich mit interessanteren Themen beschäftigen würden, dann würden auch wieder mehr Menschen wählen gehen.“ Auch Menschen, die sich sonst nicht für Politik interessieren, müssten die Politiker direkter ansprechen, sagt Schmid. „Man muss sich fragen, wer schuld ist. Sind die Menschen fern von der Politik oder ist die Politik fern von den Menschen?“

Josef Schmid

Hans-Georg Wehling

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Erstellt:
20. September 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. September 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. September 2013, 12:00 Uhr

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