Islam

Problematischer Stopp eines Professors in Ankara

Der Besuch einer umstrittenen Tagung schlägt Wellen. Sie berührt den christlich-islamischen Dialog.

28.09.2019

Von Elisabeth Zoll

Professor Abdemalek Hibaoui muss sich rechtfertigen. Foto: Sebstian Gollnow/dpa

Tübingen. „Es war eine Fehleinschätzung.“ Abdemalek Hibaoui, Professor für Islamische Praktische Theologie an der Universität Tübingen, steht unter Rechtfertigungsdruck. Seit er in Ankara an einer Tagung des Forschungszentrums der islamischen Union teilgenommen hat, schlagen die Wellen hoch. Die Veranstalter stehen der türkisch-islamischen Saadet Partei nahe, die zur Milli-Görüs-Bewegung gehört. „Das war mir nicht bekannt“, sagt Abdemalek Hibaoui.

Über die „Zukunft der islamischen Welt und Palästinas“ sollte debattiert werden. „Als Wissenschaftler hat mich das interessiert.“ Bedenken seien ihm jedoch schnell gekommen. Statt mit der Rolle des Islam in der Welt, seinen Versäumnissen und Fehlern habe er Pauschalbeschuldigungen gegenüber dem Westen gehört. Und gegenüber Israel. Was hat in diesem Kreis ein Islamwissenschaftler zu suchen, der am Islamzentrum in Tübingen die Ausbildung muslimischer Seelsorger verantwortet?

„Das habe ich mich selbst gefragt“, sagt Abdemalek Hibaoui. Doch habe er sich entschieden, den Pamphleten ein kritisches Referat entgegenzusetzen. Er habe darüber gesprochen, dass die Muslime investieren müssten in die politische und religiöse Bildung, um der Radikalisierung etwas entgegenzusetzen, und Religion nicht von der Politik instrumentalisiert werden dürfe.

Doch das hat in Deutschland kaum interessiert. Mehr Aufmerksamkeit erweckte ein Foto, das ihn mit Kamal Helbawy zeigt. Der Ägypter war 1995 bis 1997 Sprecher der Muslimbrüder. Er gelte heute als einer ihrer größten Kritiker.

An der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart wird Hibaouis Abstecher kritisch gesehen. Das war ein „massiver Betriebsunfall, sagt Christian Ströbele, Leiter des Fachbereichs interreligiöser Dialog. Gleichwohl sei Hibaouis ein weltoffener und progressiver Islamtheologe. Das Vertrauen sei „weder in die Person noch in das Islamzentrum erschüttert“. Die Verantwortlichen des Zentrums hätten sich immer wieder entschieden gegen fundamentalistische Bestrebungen verwahrt, betont Ströbele. Als ein Student Kommilitoninnen aufforderte, in Hörsälen nur noch hinten zu sitzen, sei das ebenso unterbunden worden, wie Druck auf junge Frauen, mit Kopftuch zum Unterricht zu erscheinen. Ströbele: „Das Zentrum ist für uns ein geschätzter Kooperationspartner.“

Zum Dossier: Islamzentrum Tübingen

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Erstellt:
28. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. September 2019, 06:00 Uhr

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