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Priolo und die Populisten
Eine der wenigen Stellen, an denen man Priolo seine Tristesse nicht ansieht: Das Café am Rathaus. Foto: Francesco Pennisi
Italien

Priolo und die Populisten

Die Regierungsbildung droht zu scheitern – ein Desaster für die Wahlsieger der Fünf-Sterne-Bewegung. So stark wie in Priolo im Süden wurden sie sonst nirgends. Ein Ortstermin.

02.05.2018
  • BETTINA GABBE

Priolo. Die schönste Ecke von Priolo Gargallo gibt es gar nicht in der Wirklichkeit, sondern nur auf einem Wandgemälde an der Bar gegenüber vom Rathaus. Zwei Männer sitzen zufrieden in der Sonne an einem Tisch draußen vor der Bar, aber eben nur auf dem Bild. In der Wirklichkeit wirken die Straßen der Stadt, in der die Fünf-Sterne-Bewegung bei den Parlamentswahlen im März ein Rekordergebnis von 72 Prozent holte, eher öde.

In ganz Süditalien findet die Protestpartei viel Zustimmung mit ihrem Versprechen, der bisherigen Politik eine Absage zu erteilen. Je weiter südlich, desto größer werden Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Auf Sizilien wählten insgesamt knapp 50 Prozent die Partei des Ex-Komikers Beppe Grillo, in Neapel knapp 55 Prozent. Doch nirgendwo waren es so viele wie in Priolo, dieser Stadt am malerischen Golf zwischen Catania und Syrakus mit ihren krisengeschüttelten Raffinerien. Egal, ob sie bislang eher links oder rechts gewählt haben, Hauptsache etwas Neues. Das hat auch Wähler überzeugt, die sonst nicht viel vom Programm der Partei halten.

„Ohne sie haben wir keine Zukunft“, sagt ein junger Mann hinter der Theke einer kleinen Bar. Sein Name ist Salvatore Garofalo, er ist hier der Wirt und hat auch die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt. Der dunkle Gastraum nennt sich „Kulturverein La Mimosa“, das spart Garofalo eine Menge Steuern. Womit wir auch beim Thema wären: „Wir brauchen Arbeit und weniger Steuern“, sagt der 25-Jährige. An einem großen Tisch verbringen alte Männer und junge zahnlose Arbeitslose den Vormittag damit, Karten zu spielen. Wenn Fremde das Lokal betreten, verschwinden die Karten rasch unter dem Tisch. Außer ein paar Flaschen Limonade herrscht gähnende Leere im Kühlschrank.

Wenn Garofalo für die wenigen Einnahmen seiner Bar auch noch Steuern zahlen würde, könnte er vermutlich seine Frau und seine beiden Kinder nicht ernähren. Einen Kurs an der örtlichen Berufsschule habe er abgebrochen, nachdem er seine spätere Gattin kennenlernte. Mittlerweile werde dort nicht mehr unterrichtet, sagt er mit einem Achselzucken.

„Eigentlich bin ich rechtsextrem“, sagt eine Frau mit gepflegter Erscheinung, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie ist auf dem Weg ins Rathaus, ein futuristischer Bau aus den 80er Jahren. Sie wählte die Fünf-Sterne-Bewegung, weil sie alle anderen Parteien für korrupt hält. „Sie haben uns unsere Würde geraubt.“

Priolo und die Populisten
Populist und Liebling aller Schwiegermütter: Der Spitzenkandidat der Fünf-Sterne-Bewegung, Luigi Di Maio. Foto: Fotos: Tiziana Fabi/ afp

Die Stadtverwaltung von Priolo wurde wegen des Verdachts auf Korruption vom Innenministerium in Rom abgesetzt. Der 12 000-Seelen-Ort wird seither kommissarisch verwaltet. „Ich bin nicht für deren Programm, aber ich habe sie gewählt, um basta zu sagen“, erklärt die Frau. Sie steht jetzt vor dem Rathaus, an dem die Worte „Stadt für den Frieden und die Menschenrechte“ angebracht sind. Bislang hätten sich alle Politiker hier der Mafia unterworfen und in die eigene Tasche gewirtschaftet, damit müsse endlich Schluss sein, sagt sie.

In den Raffinerien und chemischen Industrien waren mal 12 000 Menschen beschäftigt, jetzt sind es keine 3000 mehr. Umweltschutz war hier erst kein Thema, dann wurde er ignoriert. Die giftigen Abfälle wurden in die Bucht geleitet und im Boden vergraben. Die Gegend mit den beiden angrenzenden Städten ist wegen der hohen Zahl an Krebserkrankungen als „Dreieck des Todes“ bekannt. Noch immer liegt bei gutem Wetter ein vager Geruch nach Chemie über der Stadt. Um die Bucht und den Boden zu reinigen, wären Investitionen nötig, über die die Stadt ebenso wenig verfügt wie die Region Sizilien.

Der Spielplatz hinter dem Rathaus besteht aus einer Asphaltfläche mit ein paar bunten Plastikhäusern und einer Rutsche. Die EU schreibt eigentlich vor, dass unter solchen Spielgeräten ein weicher Boden verlegt werden muss. Das interessiert hier niemanden. Ein einsamer Vater führt seine dreijährige Tochter spazieren. Als ausgebildeter Krankenpfleger hat Alberto Sciascia viele Arbeitsangebote auch aus Deutschland bekommen, doch er arbeitet lieber in seiner Heimatstadt als Angestellter einer Raffinerie. 14 Jahre macht Sciascia das schon. „Wir haben die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt, weil wir das politische System mit seiner Vetternwirtschaft satt haben“, sagt er. Der 37-jährige Familienvater ist stolz auf seine Verwandtschaft zu dem berühmten sizilianischen Schriftsteller Leonardo Sciascia.

Priolo brauche Arbeitsplätze, nicht nur in der Industrie, sondern auch im Tourismus, sagt Sciascia. Von der Fünf-Sterne-Bewegung verspricht er sich ein Ende der Hilfsmaßnahmen, die seiner Meinung nach nur zu weiterer Verschwendung durch Politiker führen. Das von der Partei versprochene bedingungslose Grundeinkommen werde schon allein dadurch, dass es Geld in Umlauf bringe, die Wirtschaft fördern, glaubt Sciascia.

Die Arbeitslosigkeit in Priolo liegt bei 24 Prozent. Die Raffinerien leiden darunter, dass das Rohöl mittlerweile in den Ursprungsländern billiger verarbeitet wird. Und der Tourismus scheitert am Quecksilber im Boden und an den Müllhalden, auf denen Asbestplatten unter freiem Himmel verrotten.

Die Fünf-Sterne-Bewegung fordert zusätzliche Abgaben für Raffinerien zur Sanierung der kontaminierten Böden und der Bucht. Die könne die krisengeschüttelte Industrie in Priolo aber nicht tragen, sagt ein Ingenieur, der im Vorstand eines der Chemie-Unternehmen sitzt. Seinen Namen will er nicht nennen. Nur so viel: Die Umweltpolitik der Fünf-Sterne-Bewegung hält er für völlig abwegig. Viele andere Positionen auch. Gewählt hat er die Populisten trotzdem. Damit sich endlich etwas ändert.

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02.05.2018, 06:00 Uhr
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