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Die Kamera tanzt mit

Preisgekrönte "Poppea/Poppea" von Gauthier Dance wird ein 3D-Film

"Poppea/Poppea" gehört zu den erfolgreichsten Produktionen von Gauthier Dance. Nun liefen in Stuttgart die letzten Vorstellungen - und zugleich Dreharbeiten: Das Stück wird als 3D-Film fortleben.

16.07.2013
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Stuttgart Die Kamera läuft, Neros Hofstaat erwacht zum Leben. Frauen und Männer sitzen an einer Tafel, beginnen zu zucken, verrenken sich, stürzen zu Boden, kauern sich zusammen. Dazu schallen Claudio Monteverdis prunkvolle Opernklänge durchs Theaterhaus.

Langsam gleitet die Kamera an der Gesellschaft vorbei. Filmregisseur Nikolai Vialkowitsch blickt durch eine 3D-Brille auf seinen Kontrollmonitor - er kann die Qualität der Bilder sofort beurteilen. Er schaut auf: "Danke, wunderbar. Das Licht ist toll. Wie wars vom Tanz her?" Choreograf Christian Spuck nickt. "Wir machen aber noch eine", sagt Vialkowitsch. "Alles auf Anfang. Dancers, are you ready?"

"Poppea/Poppea" heißt das Stück, das im Stuttgarter Theaterhaus zum 3D-Film wird. Christian Spuck, damals noch Haus-Choreograf am Stuttgarter Ballett, heute Ballettchef in Zürich, hatte es 2010 für Gauthier Dance eingerichtet. Es war das erste abendfüllende Handlungsballett der freien Stuttgarter Compagnie und erzählt, frei nach Monteverdis Oper, die düstere, blutige Geschichte der Hochzeit von Kaiser Nero und Poppea: Macht, Triebe und Liebe, Intrige und Tod.

Das Stück wurde von Publikum und Kritik gefeiert, Spuck erhielt dafür den "Faust" als bester Choreograf des Jahres. Fast 50 Mal wurde "Poppea/Poppea" gespielt, im Theaterhaus, aber auch auf Gastspielen in Karlsruhe und Hannover, Luxemburg und Madrid. Für Compagnie-Chef Eric Gauthier war es eine wichtige Produktion, "denn sie hat uns auf höherem Niveau etabliert".

3D-Filmer Vialkowitsch hatte Gauthier schon im Frühjahr 2010 vor der "Poppea/Poppea"-Premiere angesprochen, ob sie nicht mal zusammenarbeiten wollten. "Cool, man", habe Gauthier geantwortet, erinnert sich Vialkowitsch lachend. "Er ist ein ungewöhnlicher Theatermann, offen für ungewöhnliche Ideen." Erstes Ergebnis war ein sechsminütiger Film über Gauthiers Kurz-Choreo "Threesome", der in etlichen Programmkinos als Vorfilm von Wim Wenders "Pina" lief - also just vor dem Film, der vielen Zuschauern modernen Tanz in Verbindung mit 3D näherbrachte.

Vialkowitsch ist "schon seit Kindertagen 3D-Freak". Schuld war ein "View-Master": ein Gerät, mit dem man stereoskopische Bilder betrachten kann, die als Dias auf einer Pappscheibe angebracht sind. Als Erwachsener erstand er auf dem Flohmarkt eine 3D-Fotokamera, experimentierte damit herum. 2004 gründete er in Karlsruhe Parallax Raumprojekt, eine Produktionsgesellschaft für 3D-Filme. Für Vialkowitsch ist 3D viel mehr als eine technische Spielerei oder ein kommerziell lukrativer Gimmick: "Es ist ein ganz eigenes Medium mit eigenen Gesetzen und eigenen Chancen."

Ballett sei dafür besonders gut geeignet. "Der Raum ist für den Tanz essenziell", sagt Vialkowitsch und meint damit nicht nur den Bühnenraum. "Der menschliche Körper hat Volumen. Er ist ein belebter Raum mit innen und außen. Daher ist 3D das ideale Medium, um diese Räumlichkeit und Körperlichkeit ganz unmittelbar zu zeigen."

Drei Tage lang dreht Vialkowitsch mit seinem zehnköpfigen Filmteam im Theaterhaus. Die 80-minütigen Vorstellungen werden dreimal komplett mitgeschnitten: einmal in der Totalen, einmal in der Halbtotalen und einmal mit der Kamera an der Rampe. Hinzu kommen Nahaufnahmen. "Beim Pas de deux von Seneca und Ottavia tanzt die Kamera geradezu mit", schwärmt Vialkowitsch.

Choreograf Spuck hat vor den letzten Vorstellungen und der Aufzeichnung an dem Stück "nochmal richtig gearbeitet", auch aufgrund etlicher Umbesetzungen. Spuck liebt es, "wenn sich Wechselbeziehungen zwischen Tanz und Film ergeben", in seinen Inszenierungen arbeitet er gern mit Videos. TV-Aufzeichnungen von Balletten aber findet er selten überzeugend: "Tanz auf der Bühne ist eine Sache des Moments, von Energie und Gefühlen im Raum. Das lässt sich filmisch kaum festhalten." Auf Vialkowitschs 3D-Fassung ist er gespannt, Wenders Filmerfolg "Pina" fand er eher problematisch: "Der Effekt an sich ist toll, aber es wirkte auf mich künstlich, befremdend."

Eric Gauthier ist da ganz pragmatisch. So wie "Pina" mit dem Thema Tanz mehr als 500 000 Kinozuschauer erreichte, "war es eine tolle Sache". Selbst eine RTL-Show wie "Lets dance" findet er daher erfreulich. Von 3D-Kino ist der Kanadier ohnehin ein Fan, weil es "überlebensgroß" ist. "Und für Tanz ist es sowieso super. Wenn der Tänzer einen Arm ausstreckt, sieht das nicht flach aus, sondern man erkennt alle Details - wie zum Anfassen."

Auf der Bühne, die auch ein Filmset ist, herrscht wieder Konzentration. Kaiserin Ottavia schreitet im roten Kleid über den Tisch: Sie nimmt Abschied von der Macht, auch vom Leben. Wie in Zeitlupe geht sie, stürzt vom Tisch, wird aufgefangen. Am Ende streift sie ihr rotes Kleid ab. Berührend - und auf dem 3D-Monitor tatsächlich wie zum Anfassen.

Preisgekrönte "Poppea/Poppea" von Gauthier Dance wird ein 3D-Film
Dreharbeiten im Theaterhaus: Neros Hofstaat tanzt - und die Kamera fährt auf Schienen an der Gesellschaft vorbei. Fotos: Regina Brocke

Preisgekrönte "Poppea/Poppea" von Gauthier Dance wird ein 3D-Film
Ausdrucksvolle Nahaufnahmen: Die Qualität der 3D-Bilder lässt sich sofort kontrollieren.

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16.07.2013, 12:00 Uhr
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