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Langsam zeigt sich Licht

Portugal meistert mit strenger Sparpolitik die Krise - Nicht jeder ist von dieser Politik überzeugt

Portugal wählt am Sonntag ein neues Parlament. Die Portugiesen haben harte Jahre hinter sich. Sie sind heute ärmer als vor vier Jahren. Doch langsam geht es aufwärts. Nicht zwingend ein Erfolg der Politik.

01.10.2015
  • MARTIN DAHMS

Estômbar Und wie sind Sie durch die Krise gekommen? "Ich habe die Hälfte meines Vermögens verloren", antwortet Karl Heinz Stock wie einer, dem das nichts ausmacht. Er überlegt einen Moment. "Sagen wir es anders: Ich habe die Hälfte meines Vermögens in die Unternehmen investieren müssen, um sie am Laufen zu halten und weiterzuentwickeln." Stock ist ein deutscher Unternehmer, 63 Jahre alt, gebürtig aus Aschaffenburg, der sich vor knapp 20 Jahren an der portugiesischen Algarve niedergelassen hat. Seit 2007 betreibt er das Weingut Quinta dos Vales in Estômbar im Südwesten Portugals. "Für mich war das eine Herausforderung. Ein Naturprodukt zu machen, ist schwierig."

Doch Stocks größte Herausforderung ist es, ausgerechnet in Portugal Geschäfte zu machen. Portugal hat gerade die schlimmste Wirtschaftskrise seit den Jahren nach der Revolution von 1974 hinter sich, als das Land fast 50 Jahre Diktatur abschüttelte. Vor vier Jahren, im Frühjahr 2011, stand Portugal so schlecht da, dass es bei den europäischen Partnern und beim Internationalen Währungsfonds um Hilfe anklopfen musste. Nach drei Jahren unterm Rettungsschirm, nach drei Jahren unter Troika-Aufsicht, konnte sich das 10,5-Millionen-Einwohner-Land wieder selbst finanzieren. Seitdem kommt es langsam auf die Beine. Den Erfolg schreibt sich der konservative Ministerpräsident Pedro Passos Coelho zu. Am Sonntag, bei den Parlamentswahlen, will er den Lohn dafür einfahren. Doch die Portugiesen sind noch unentschieden, ob sie über seine Politik so glücklich sind wie er selbst.

Für ein paar Jahre, von 2010 bis 2013, während an der Algarve die Touristen ausblieben, während die Regierung in Lissabon die Steuern erhöhte und die Renten und Gehälter im öffentlichten Dienst kürzte, während die Arbeitslosigkeit auf über 17 Prozent in die Höhe schoss, blieben die Restaurants halb leer, die Kinos auch, und selbst in den großen, bei den Portugiesen so beliebten Shoppingmalls machte ein Laden nach dem anderen dicht. Fast niemand entging der Depression. Doch jetzt wächst die Wirtschaft wieder, die Arbeitslosigkeit sinkt, und die Touristen sind zurück. Hat Portugals Rettung also funktioniert? "Die kurze Antwort ist: nein", sagt der Wirtschaftsdozent Luís Coelho von der Universidade do Algarve mit einem Lächeln. Portugal habe "ein gewisses Maß" an Austerität gebraucht, findet er, doch hinter den Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen habe ein "Masterplan" gefehlt. Besonders betrüben ihn die Kürzungen im Bildungssystem, die er auch an seiner Universität zu spüren bekam. Und Portugals Forschungszentren seien "ein komplettes Desaster". Die hätten manchmal noch nicht mal Geld, die Stromrechnungen zu bezahlen.

Dass sich Portugal in den vergangenen Jahren ganz auf die Haushaltskonsolidierung konzentriert hat, ist angesichts einer Staatsschuld von 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung nicht abwegig. Aber bitter. Ja, das Land sei wirklich ein europäischer "Musterschüler" gewesen, findet Karl Heinz Stock. "Portugal setzt all das um, was von Brüssel gefordert wird." Nur sei das leider die falsche Politik. Er als Unternehmer bekomme das zu spüren: die "extremen Belastungen" durch höhere Steuern, die sinkende Kaufkraft. Doch während Stock ein Vermögen im Rücken hatte, um die schwierigen Jahre zu überstehen, haben Rentner und Arbeiter in den Abgrund geblickt. Viele von ihnen sind wütend.

"Unsere Regierenden sind troikistischer als die Troika", sagt die 27-jährige Sara Simões aus Lissabon, Aktivistin der Precários Inflexíveis, der "Unnachgiebigen Prekären", die sich für die Rechte derjeniger einsetzen, die in Portugal nur mit Zeitarbeitsverträgen oder als Scheinselbstständige über die Runden kommen. "Hier in Portugal hat die Troika als Entschuldigung hergehalten für Entscheidungen, die die Parteien sowieso in ihren Programmen stehen hatten." Simões unterscheidet nicht zwischen der regierenden konservativen Koalition und den Sozialisten, die bis 2011 an der Macht waren. Ob die einen oder die anderen am Sonntag gewinnen, einen Politikwandel wird es nach Simões' Überzeugung nicht geben.

Bei aller Wut bleiben die Portugiesen erstaunlich still. "Warum haben wir nicht sowas wie Podemos in Spanien oder Syriza in Griechenland?", fragt sich Luís Coelho. "Hier gibt es alle Zutaten, die diese Bewegungen dort erschaffen haben, und wahrscheinlich noch mehr. Aber wenn ich meine Landsleute frage: Was sollen wir tun?, dann antworten sie: Hmmm . . . Ich gehe shoppen. Ich schau mir eine Telenovela an."

Es gibt keine guten Erklärungen für diese Lethargie. Am Ende kann man nur, so wie Karl Heinz Stock, konstatieren: "Die Portugiesen sind unglaublich stur." Er hat versucht, die Weinbauern der Region zu einer gemeinsamen Marketingstrategie zu überreden. Vergeblich. Vor zwei Jahren startete er einen öffentlichen Kampf gegen die "erdrückende" und "sehr verkrustete" portugiesische Bürokratie, deren Reform er für eine "Überlebensfrage" hält. Doch er fürchtet, dass er nicht viel mehr erreicht hat als "einige Leute zum Nachdenken zu bringen". Er erinnert sich an ein Mittagessen mit einem ehemaligen Wirtschaftsminister, der ihm in allem zustimmte. "Als wir rausgingen, sagte er mir: Weißt du, Karl, wir warten seit der Revolution auf Veränderungen." Stock war fassungslos. "Nicht warten, handeln!", antwortete er dem Ex-Minister. Das geht auch unter portugiesischer Sonne.

Portugal meistert mit strenger Sparpolitik die Krise - Nicht jeder ist von dieser Politik überzeugt
Der deutsche Weinproduzent Karl Heinz Stock vor seinen Elefantenskulpturen und den Weinbergen der Quinta dos Vales in Portugal. Foto: Martin Dahms

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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