Podcast · Akte Südwest

Reutlingen: Polizistinnen planten Gift-Anschlag

Per Whatsapp tüfteln zwei Freundinnen einen Mord aus, das Opfer überlebt nur knapp. Doch was steckt hinter der Tat in Reutlingen? Darum geht es in der neuen Folge von „Akte Südwest“.

18.05.2021

Von rom

Der Prozess im Tübinger Landgericht zog ungewöhnlich viel Publikum an, darunter auch Polizisten und Polizistinnen. Bild: Jonas Bleeser

Es sollte der perfekte Mord sein: Über Monate planen zwei Polizistinnen in einem Whatsapp-Chat, den Ehemann von einer der beiden mit Gift aus dem Weg zu räumen. Bis Sibylle (Name geändert) eines Abends wirklich zur Tat schreitet – und ihrem nichts ahnenden Mann eine vermeintlich tödliche Insulinspritze setzt. Ein stundenlanger, dramatischer Todeskampf mit absurden Wendungen beginnt, den das Opfer nur knapp überlebt – und der letztlich aus zwei befreundeten Polizistinnen verurteilte Verbrecherinnen macht.

Warum sollte Sibylles Ehemann, selbst ebenfalls Polizist, sterben? Was hat die beiden Kolleginnen, die sich persönlich kaum kannten, dazu getrieben, aus dem gemeinsamen Whatsapp-Gedankenspiel wirklich Ernst zu machen? Und warum scheiterte der fast perfekte Mordplan trotz polizeilichen Insiderwissens und kaltblütiger Umsetzung am Ende doch? Darüber sprechen in der neuesten Folge unseres Kriminalpodcasts „Akte Südwest“ die Journalisten Rebecca Jacob und Roland Müller. Zu Gast ist diesmal Jonas Bleeser, Gerichtsreporter bei unserer Partnerzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ in Tübingen. Er hat den Fall von Anfang an verfolgt und den Aufsehen erregenden Gerichtsprozess bis zum Urteil begleitet.

Die psychologischen Triebkräfte, die die beiden Frauen zu Täterinnen machten, hält Bleeser für das Außergewöhnliche an dem Fall. So habe sich Sibylle subjektiv in ihrer Ehe wie in einem Gefängnis gefühlt – obwohl die Probleme in der Familie objektiv gesehen gar nicht so außergewöhnlich oder schwerwiegend waren. Vielmehr häuften sich Kleinigkeiten und verheimlichte Fehler immer mehr an und führten zu einer Art Doppelleben. „Sibylle hatte ein Lügengebäude aufgebaut, in dem eine Lüge die vorangegangene stützen musste.“ Aus diesem wachsenden psychischen Druck habe sie einen vermeintlich einfachen Ausweg gesucht – auch weil sie offenbar dachte, bei einer Scheidung das Sorgerecht für ihre beiden Kinder zu verlieren.

Ihre Komplizin hingegen fühlte sich aus schwer nachvollziehbaren Gründen verpflichtet, Sibylle zu helfen – und schickte die Insulindosis per Dienstpost der Polizei.

Die Entstehung des Mordplans ließ sich dabei von den Ermittlern minutiös nachvollziehen: Der Whatsapp-Chat war fast vollständig erhalten und lieferte bei der Verlesung vor Gericht Einblicke in die Gedankenwelt der beiden Täterinnen. Als Sibylle einige Wochen vor der Tat schreibt, „er muss von dieser Welt verschwinden“, antwortet ihre Komplizin: „Also bringen wir ihn doch um.“ Später heißt es im Chat: „Einfach weg damit, wenn er nervt. Insulin. Ich kann dir was geben.“

Warum die Nachrichten nach dem gescheiterten Mordversuch nicht gelöscht wurden, ist für Bleeser nach wie vor eines der Rätsel des Reutlinger Falls. „Das Verbrechen zeigt, wie einfach es ist, in einem virtuellen Raum einen Mord zu planen, der erst spielerisch anfängt und dann tödlicher Ernst wird.“ Wenig Zweifel könnten auch daran bestehen, dass der Mord kaum nachzuweisen gewesen wäre. Welche glückliche Umstand dem Opfer das Leben rettete, erfahren Sie im Podcast.

Im Podcast „Akte Südwest“ bereiten wir monatlich Kriminalfälle aus Baden-Württemberg auf und sprechen mit Reportern und Experten darüber. Feedback und Kritik nehmen wir gerne per Mail entgegen: podcast@swp.de Alle Folgen von „ Akte Südwest“ finden Sie auf allen Plattformen (Apple Podcasts, Spotify, Amazon Music, Youtube – und auf swp.de/akte. Eine ganze Sammlung an wahren Kriminalfällen, sowie viele Berichte aus den Gerichtssälen gibt es unter swp.de/crime – ab sofort auch als Newsletter .

Justizreporter in Tübingen

Jonas Bleeser ist Redakteur beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen. Foto: Jonas Bleeser

Jonas Bleeser (46) ist als Redakteur beim „Schwäbischen Tagblatt“ in Tübingen für die Justiz zuständig und häufig als Reporter im Gerichtssaal. Ihn faszinieren auch unspektakuläre Fälle, denn im vermeintlich Kleinen geht es oft ums große Ganze. Meistens verfolgt er Fälle von der ersten Polizeimeldung bis zur Entscheidung des Bundesgerichtshofs – wie im Fall des beinahe perfekten Mordplans zweier Polizistinnen.

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Erstellt:
18. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2021, 06:00 Uhr

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