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Heftige Diskussionen

Politologen gehen auf Distanz zu Tübinger Staatsrechtler Eschenburg

Die Rolle Theodor Eschenburgs in der NS-Zeit und sein Schweigen darüber ist das große Thema des Politologen-Kongresses in Tübingen. Die Gilde geht nun auf Distanz zu dem großen Staatsrechtler.

28.09.2012
  • RAIMUND WEIBLE

Theodor Eschenburg, dieser Name hat Gewicht im Land und in der Republik. Ohne den Mann mit der qualmenden Zigarre wäre Baden-Württemberg wohl nicht zustande gekommen. Große Verdienste beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg kommen dem knorrigen Professor zu, und auch beim Aufbau des Fachs Politikwissenschaft. Eschenburg war ein bedeutender Publizist, ein Kämpfer für die Machtbalance und ein vielgefragter politischer Berater.

Doch 13 Jahre nach seinem Tod fällt ein Schatten auf sein Lebenswerk: Über Eschenburgs Rolle in der NS-Zeit läuft eine kritische Debatte. Sie bestimmte den Kongress, den die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) diese Woche in Tübingen mit 800 Teilnehmern abhält.

Angestoßen hat diese Debatte der emeritierte Osnabrücker Professor Rainer Eisfeld in einem Aufsatz, der bereits 2011 in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft erschienen ist. Eisfeld wirft Eschenburg vor, er habe sich 1938 als Wirtschaftsfunktionär am Arisierungsverfahren eines Unternehmens beteiligt, dessen Inhaber jüdischer Abstammung war. Über diese Episode, so beklagt Eisfeld, schwieg Eschenburg in seinem Erinnerungsband.

Eisfelds Artikel, stellt der bisherige DVPW-Vorsitzende Hubertus Buchstein fest, habe unter den Mitgliedern zu einer lebhaften Diskussion geführt. Um zu klären, ob Eisfeld sauber gearbeitet hat und ob Eschenburg eventuell noch in weitere Arisierungsfälle verstrickt gewesen ist, gaben Vorstand und Beirat bei der Historikerin Hannah Bethke von der Uni Greifswald ein Gutachten in Auftrag. Das liegt nun vor.

Bethke bestätigt in ihrer Arbeit die Richtigkeit von Eisfelds Angaben. Weitere Arisierungs-Fälle, an denen Eschenburg beteiligt war, fand sie nicht. Bethke empfahl der Vereinigung, den Namen Eschenburg für ihren Preis abzulegen, der alle drei Jahre vergeben wird und das Lebenswerk eines Wissenschaftlers würdigt.

Die DVPW hat den Vorschlag entgegengenommen, will sich aber mit ihrer Entscheidung Zeit lassen. Buchstein kündigte an, das Gutachten werde ins Internet gestellt, um allen Interessierten eine Grundlage für die Debatte zu liefern. Erst danach soll die Entscheidung fallen. Die neue Vorsitzende Gabriele Abels sprach von einem "ergebnisoffenen" Verfahren.

Anlass für Eisfeld, sich über Eschenburgs Rolle in der NS-Zeit kundig zu machen, war ein Satz in dem 2010 erschienenen Buch über das Auswärtige Amt und die deutschen Diplomaten während des Dritten Reichs. Dort steht, dass Eschenburg nach dem Zweiten Weltkrieg als Abteilungsleiter beim Deutschen Büro für Friedensfragen, ein Vorläufer des Außenministeriums, "offensichtlich kompromittierten Bewerbern" half, den Weg in die Bundesverwaltung zu ebnen.

Nun ist es so, dass Eschenburg sich nie als Widerständler dargestellt hat. Er passte sich den Verhältnissen an, agierte geschickt, um beruflich vorwärtszukommen. In seinen Memoiren beschreibt er auch seine "nicht sehr rühmliche" Mitgliedschaft bei der Motor-SS. Er wurde, wie Eisfeld schreibt, seit dem 30. Juni 1933 als SS-Anwärter geführt und am 6. März 1934 mit der Nummer 156.004 aufgenommen. Wegen beruflicher Überlastung, so Eschenburg selbst, gab er im Spätherbst 1934 seine Uniform ab und seine Mitgliedschaft auf.

Auch über seine Posten in Industrieverbänden während der NS-Zeit gibt Eschenburg in seinen Erinnerungen Auskunft. Er war geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Zentralverbandes der deutschen Knopf- und Bekleidungsverschlussfabrikanten. In seiner Eigenschaft als Beauftragter einer Vorprüfstelle hatte er nach Eisfelds Recherchen mit dem Betrieb Wilhelm Runge Co. in Berlin zu tun. Inhaber war der Jude Wilhelm Fischbein.

Die NS-Industrielenker befürchteten offenbar, Fischbein könnte seine florierende Produktion ins Ausland verlagern. Auf Eschenburgs Vorschlag wurde dem Industriellen der Reisepass entzogen. Arisieren heißt, Juden das Eigentum zu entziehen und sie nichtjüdischen Eigentümern zu übereignen. Das geschah mit der Firma Runge. Fischbein glückte 1939 die Flucht nach England, nachdem er auf alle Rechte an seiner Firma verzichtete.

Gerhard Lehmbruch, Schüler von Eschenburg und später Lehrstuhlinhaber in Tübingen und Konstanz, hat seinen Lehrer während einer Diskussion in Tübingen mit Eisfeld und Bethke vehement verteidigt. Eschenburg sei nur in dem Verfahren als der zuständige Funktionär konsultiert worden. Zum Vorwurf, dass Eschenburg über seine Rolle bei der Enteignung von Juden schwieg, sagt er: "Schuldgefühle können stumm machen, das darf man nicht übersehen."

Politologen gehen auf Distanz zu Tübinger Staatsrechtler Eschenburg
Professor Eschenburg wie man ihn kannte: Mit einer qualmenden Zigarre im Mund. Nun steht seine NS-Vergangenheit im Kreuzfeuer. Foto: Manfred Grohe

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28.09.2012, 12:00 Uhr
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