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Vortrag

„Politiker gehen, ich bleibe“

Der in Budapest lebende Autor Hans-Henning Paetzke erzählt von seinem Leben in der DDR und in Ungarn.

08.06.2019

Von Otfried Käppeler

Ulm. Schon seine Biografie scheint als Roman angelegt zu sein. Doch allen Unbilden zum Trotz wurde der 1943 in Leipzig geborene Übersetzer, Autor, Herausgeber und vor allem der in der DDR ab seiner Schulzeit drangsalierte Hans-Henning Paetzke zur Stimme ungarischer Literatur in deutscher Sprache. Neben einer Vielzahl von Fach- und Sachbüchern hat er wichtige Schriftsteller wie György Konrád, Péter Nádas oder Péter Esterházy ins Deutsche übersetzt.

Im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm las der Autor nun aus „Andersfremd“ und „Heimatwirr“, zwei stark autobiografisch gefärbten Romanen aus eigener Feder. Hier konnte man hören, wie der Schüler Hans-Henning bereits 1960 wegen Verunglimpfung von Walter Ulbricht des Gymnasiums verwiesen, wie ihm nach einer Ausbildung zum Schauspieler fristlos gekündigt wurde, und dass er 1963/64 wegen Wehrdienstverweigerung eine Gefängnisstrafe absitzen musste. Alldem zum Trotz: Er machte das Abitur nach und studierte klassische Philologie in Halle.

„Ich war halt anders“

Dies alles schildert der Autor im Roman und mündlich im Donauschwäbischen Zentralmuseum, als wäre es das Normalste im Leben eines jungen Mannes. Keinesfalls stilisierte sich Paetzke zum Dissidenten, der bestimmten Gruppierungen folgte. Ganz im Gegenteil: Im Gespräch sagte er lapidar, es sei einfach so gelaufen: „Ich war halt anders und dachte anders.“ Das bedeutet, sein Charakter hat ihn geleitet. Und er fügte hinzu, dass er es letztlich der DDR ein Stück weit zu verdanken habe, dass er so sei, wie er heute ist, was er durchaus als Ironie des Schicksals empfinde.

Ein Held wollte der Mann nie sein, will es bis heute nicht. Auf die Frage, wie es sich in Budapest lebe, wo er schon lange wieder wohnt, antwortete er: „Es gibt heute traurige Dinge in Ungarn. Politiker kommen und gehen. Das Land und die Städte bleiben. Ich bleibe auch.“ Paetzke kann der Situation in Ungarn sogar etwas Gutes abgewinnen, denn wie in einer Art „Notgemeinschaft“ würden die Intellektuellen und die Freundeskreise zusammengeschweißt. Das sei „etwas sehr Schönes“. Ministerpräsident Viktor Orban müsse seine Macht ständig ausbauen, denn wenn er sie verliere, komme er wegen Korruption sofort ins Gefängnis.

Paetzke nennt sich „Privat-Dissident“ und vielleicht braucht es, um all das durchzustehen, was er erlebt hat, wie beim literarischen Schelm, eine gewisse naive Grundhaltung.

Info Hans-Henning Paetzke: Heimatwirr. Mitteldeutscher Verlag, 320 Seiten, 16 Euro

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Erstellt:
8. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Juni 2019, 06:00 Uhr

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