Nicht nur Muslime fehlten

Podium zu abrahamitischen Religionen – ohne Publikum

Bieten die abrahamitischen Religionen – also Judentum, Christentum und Islam – mit ihren nicht nur historischen Herkunfts-Gemeinsamkeiten einen Ansatz zur Integration? Oder machen ihre Verschiedenheiten nicht eher ein noch schwerer befriedbares gesellschaftliches Konfliktfeld auf?

23.10.2010

Revital Herzog musizierte und erzählte jüdische Anekdoten.

Rottenburg. Fragen, welche die Kintertagesstätte Gescher am Donnerstagabend in der Zehntscheuer diskutieren ließ, und das nicht ohne Hintergrund: Seit mittlerweile zwei Jahren werden Kinder in der Schadenweilerstraße nach einem Konzept betreut, das sie alle drei Schriftreligionen kennenlernen lässt, ohne ihnen eine davon aufzudrängen.

Das öffentliche Interesse hielt sich, vorsichtig ausgedrückt, in argen Grenzen: Zu den Veranstaltern, den geladenen Gästen und der Presse verirrte sich am Donnerstag kein einziger weiterer Zuhörer in die Zehntscheuer, worauf das anwesende Dutzend dann halt gemeinsam auf der Bühne Platz nahm. Ein Eckiger Tisch also?

Nein, auch dazu reichte es nicht, denn es fehlten wichtige Gesprächspartner, allen voran die Muslime: Die Rottenburger Moschee hatte Gescher wegen deren Nähe zur extrem nationalistischen Türkischen Föderation erst gar nicht dabei haben wollen, andere angefragte Muslim-Vertreter hatten abgesagt. Und auch der für christliche Kirchen reservierte Sitz blieb frei – trotz diverser Einladungen, wie Gescher-Leiterin Silvia Schliebe versicherte.

Bedauerlich fand das der ebenfalls am Tisch sitzende Erste Bürgermeister Volker Derbogen. Er verwies auf das Integrationsforum der Stadt als Gegenkonzeption, wo türkische Gruppen ohne Ansehen des Backgroundes eingeladen waren und auf Anhieb ein Viertel der Teilnehmer stellten. Auch Walter Rothschild, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein, war mit der Konstellation alles andere als glücklich: „Mir wäre es lieber, wenn sich hier vier Muslime streiten würden.“

Denn, ganz ehrlich: „Man nimmt die Juden sonst doch nur mit in den Dialog hinein, um politisch korrekt zu sein.“ Anders als seine sei hingegen der Islam eine „militant“ missionarische Religion, der das erschlaffte europäische Christentum wenig Kraft und Selbstbewusstsein entgegenzusetzen habe.

Einen „pädagogischen Ansatz“ zur Beschäftigung der Religionen miteinander sucht Jobst Paul von Duisburger Institut für Sprach-und Sozialforschung. Für ihn ist besteht dieser Ansatz in einem „kritischen Umgang mit Sprache“, den es zu lehren gelte. Modell sei „der kleine Jesus, der einst mit seinen Religionslehrern stritt.“

Silvia Schliebe verwies auf das „doppelte“ pädagogische Konzept von Gescher, wo die angepeilte Mehrsprachigkeit mangels entsprechendem Personal dertzeit zwar nichtverwirklicht sei, die Kinder im wertfreien Kennenlernen jeweils anderer Religionen aber wie von selbst zu Fragen finden: „Bei uns diskutieren schon Vier- und Fünfjährige über die Dreifaltigkeit.“

Während Schliebe erste Ansätze zu einer innermuslimischen Debattenkultur sieht, war Rothschild da skeptischer. „Israel bedeutet: Der mit Gott streitet. Islam meint: Der Gott gehorcht“, sagte der Rabbiner. Und während das Judentum, für sich bleibend, von der Mehrheitsgesellschaft nie viel verlangt habe, trete den Europäern nun im Islam eine ungewohnt fordernde Minderheit gegenüber.

Ist die Berufung auf Abraham als gemeinsamem Stammvater aller drei Religionen eine Chance, auch die gemeinsamen sozialethischen Wertevorräte stärker zu akzentuieren? Rothschild hat daran bereits theologische Zweifel. Und rät ohnehin lieber dazu, auf säkularer Ebene den Neuankömmlingen „eine gewisse Anpassungsfähigkeit“ abzuverlangen: „Die Frage der Leitkultur ist nicht ganz unwichtig.“

Willibald ruscheinski

Walter Rothschild

Jobst Paul

Volker Derbogen

Silvia Schliebe

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Erstellt:
23. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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