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Immobilien

Platz schaffen für Familien

Die Stadt Marbach am Neckar bezahlt Senioren eine Umzugsprämie, wenn diese ihre große Wohnung zugunsten von Eltern mit Kindern räumen. In Stuttgart wurde ein ähnliches Programm eingestellt.

11.04.2018

Von AMREI GROSS

Auch in Stuttgart ist Wohnraum knapp. Eine Umzugsprämie kommt für die Stadt derzeit aber nicht infrage. Foto: Ferdinando Iannone

Marbach. Der Schillerstadt Marbach geht es wie vielen Kommunen im Land: Wohnraum ist knapp, insbesondere Angebote für Familien sind Mangelware. Das will der Gemeinderat um Bürgermeister Jan Trost (parteilos) nun ändern: Das Gremium fasste mit klarer Mehrheit einen ungewöhnlichen Grundsatzbeschluss. Demnach erhalten Senioren, die ihre familientaugliche Wohnung aufgeben, eine Umzugsprämie in Höhe von 2500 Euro. „Wir wollen niemanden aus der Stadt haben“, betont Bürgermeister Jan Trost auf Anfrage. Fakt sei jedoch, dass in Marbach große Wohnungsnot herrsche. „Vielleicht ist die Prämie aber für Ältere, die sich ohnehin verkleinern wollen, der passende Anstoß.“ Unter welchen Bedingungen und an wen die Umzugsprämie ausgeschüttet wird, ist noch unklar. Der Gemeinderat habe der Verwaltung den Auftrag gegeben, einen Kriterienkatalog aufzustellen, sagt Trost. Er rechnet damit, dass dieser „noch im ersten Halbjahr“ im Gemeinderat diskutiert wird.

In Stuttgart verfolgt man den Marbacher Vorstoß interessiert. Nicht zuletzt deshalb, weil das Thema für die Landeshauptstadt kein neues ist: Bereits ab 1979 bezahlte Stuttgart eine Prämie von umgerechnet bis zu 4000 Euro, wenn die Bewohner einer mindestens 80 Quadratmeter großen Vier- oder Fünf-Zimmer-Sozialmietwohnung in ein kleineres Objekt umzogen. Anfangs sei das Angebot rege in Anspruch genommen worden, sagt Jana Steinbeck von der Pressestelle der Stadt Stuttgart. In den ersten zehn Jahren bis 1989 wurden offiziellen Zahlen der Verwaltung zufolge 451 Wohneinheiten geräumt und über 1,5 Millionen Euro an Prämien ausbezahlt. In den Jahren bis 1999 waren es gar 762 Wohneinheiten und fast 2,4 Millionen.

Mit der Jahrtausendwende ging das Interesse jedoch rapide zurück; 2007 stellte der Gemeinderat die Prämie mangels Nachfrage ein. Ein Antrag der Freien Wähler im Jahr 2015, die Umzugsprämie wieder einzuführen, wurde mehrheitlich abgelehnt. „Auch aktuell denkt die Stadt nicht über eine Wiedereinführung nach“, sagt Steinbeck. Der Wohnungsmarkt in Stuttgart sei, wie in vielen Großstädten Deutschlands, insbesondere bei kleineren Wohnungen mit ein bis zwei Zimmern besonders stark angespannt. „Vor diesem Hintergrund wird sich durch eine Prämie kein Hebel generieren lassen, der die Situation auf dem Wohnungsmarkt spürbar verbessern kann“, sagt die Sprecherin zur Begründung. Dennoch werde die Stadt die Entwicklung in Marbach weiter beobachten.

Auch Angelika Brautmeier, die Geschäftsführerin des Mietervereins Stuttgart, sieht im Marbacher Modell keine Option für Stuttgart. „Der Versuch ist ehrenwert“, sagt sie. „Aber das wird nicht funktionieren.“ Wer eine 100 Quadratmeter große Wohnung für 800 Euro im Monat aufgebe, wolle nicht fortan für denselben Preis in einem Zwei-Zimmer-Domizil sitzen. Viele Senioren lebten seit vielen Jahren in ihrer Wohnung und profitierten von entsprechend günstigen Mietverträgen. „Sie finden keine Wohnung, die kleiner und bezahlbar ist.“ Aus ihrer Sicht ist ein finanzieller Anreiz zum Umzug auch „nicht das richtige Mittel“, um Wohnungsnot zu begegnen. „Viel wichtiger ist bauen, bauen, bauen.“

Für die Städtische Wohnbau in Lörrach hingegen hat sich der finanzielle Anreiz zum Umzug bewährt. Seit 1990 bezahlt die Gesellschaft Menschen, die in kleinere Wohnungen umziehen, eine Prämie von bis zu 2500 Euro. Das lohne sich: „In der Spitze konnten wir bis zu 38 Wohnungen pro Jahr neu vergeben“, sagt Wohnbau-Geschäftsführer Thomas Nostadt. Aktuell seien es fünf bis zehn pro Jahr.

Nachfrage ist da

In Marbach ist Bürgermeister Jan Trost nach anfänglicher eigener Skepsis guter Dinge. Seit dem Beschluss des Gemeinderates seien bereits zwei Anfragen von Marbachern eingegangen, die sich einen Umzug vorstellen könnten. Nun gelte es, die offenen Fragen zu klären: Unter anderem, ob die Prämie auch dann ausbezahlt wird, wenn Senioren in ein Pflegeheim umziehen. „Die Umsetzung wird nicht einfach sein“, glaubt Trost. Fest steht: Im Zuge der Prämie freiwerdender Wohnraum muss an Familien vergeben werden, die bereits vor Ort wohnen.

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Erstellt:
11. April 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. April 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. April 2018, 06:00 Uhr

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