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Tübinger Klima-Programm (1)

Platz da! Die Autos sollen weichen

OB Boris Palmer will die Hauptverkehrsachse in der Tübinger Innenstadt für Busse, Bahn, Räder und neue Mikromobilität freimachen.

09.06.2019

Von Gernot Stegert

Eine fast autofreie Wilhelmstraße in Tübingen: Was noch eine kurze Momentaufnahme ist, soll nach dem Willen von Oberbürgermeister Boris Palmer die Regel werden, damit Platz ist für Räder und E-Tretroller, Busse und die Stadtbahn. Bild: Ulrich Metz

Bisher ist es nur eine Idee. Pläne müssen erst noch gemacht werden, wie Oberbürgermeister Boris Palmer betont. Doch den Anstoß hat er gegeben: Er will die autofreie Zone in der Tübinger Innenstadt deutlich ausweiten. Das ist Teil eines Zehn-Punkte-Programms des Grünen-Politikers für ein klimaneutrales Tübingen (wir berichteten). Dieses sei eine „Ideensammlung, die zeigen soll, wie man mit kommunalen Mitteln zu einer klimaneutralen Stadt kommen kann“, schränkt der OB auf Nachfrage ein. Der nächste Schritt müsse sein, im Gemeinderat einen Arbeitsauftrag zu erhalten, das zu konkretisieren und zu einem Beschluss auszuformen. Aber in der Sache zeigt sich der OB entschlossen. Um eine frühzeitige Debatte zu ermöglichen, nimmt das TAGBLATT Punkte in einer Serie einzeln unter die Lupe, startend mit der autofreien Zone.

Palmer ist die Begründung wichtig: „Das Ziel ist, im Zentrum der Stadt den Straßenraum neu zu verteilen, und zwar so, dass die klimafreundliche Mobilität bequem und schnell genutzt werden kann.“ Er habe das in Norwegens Hauptstadt Oslo sehr intensiv erlebt. „Das ist nur möglich, wenn das Stadtzentrum weitgehend autofrei ist.“ Auf einer Karte ließe sich noch nichts einzeichnen. Es gebe keine konkrete Planung in Straßenzügen, so der OB. Aber er sagt: „Städtebaulich geht es um die Altstadt, das südliche Stadtzentrum und die Wilhelmsvorstadt. Diese drei Stadtbezirke sind so zentral und so voller Menschen, dass hier Vorrang für klimafreundliche Mobilität sinnvoll und notwendig wäre, um das Ziel zu erreichen.“

Verkehrsberuhigung in der Wilhelmstraße?
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Alternativenrouten für den Autoverkehr seien nicht durchgeplant. Für den Oberbürgermeister ist aber klar: „Die Parkhäuser müssen alle anfahrbar sein. Durchgangsverkehr muss um den Vorrangbereich für klimafreundliche Mobilität herum geleitet werden. Anwohnerverkehr und Belieferung muss – wie das sogar in Fußgängerzonen üblich ist – möglich bleiben.“ Zwei Randbedingungen seien „wohl gesetzt: Kein Autoverkehr mehr auf der Durchgangsstrecke Blaue Brücke – Universität. Und Auflösung des Einbahnstraßenrings um den Alten Botanischen Garten.“ Diese ist ohnehin schon lange vorgesehen. Der Verkehr würde dann auf der Hölderlin- und Rümelinstraße in beide Richtungen fahren.

Wie die Verkehrsführung am Lustnauer Tor wäre, könne er noch nicht sagen. Die Österbergbewohner könnten über den dann beidseitig passierbaren Stadtgraben zu- und abfahren. Wie die Straßenfläche in der Wilhelmstraße für welche Verkehrsmittel aufgeteilt werden könnte, habe bereits die Planung für die Innenstadtstrecke der Stadtbahn bis zur neuen Aula dargestellt, so Palmer. Im weiteren Verlauf könne eine „Miteinanderzone“ für Fuß, Rad und Bus folgen.

Für den Grünen-Politiker geht es nicht bloß ums Verdrängen des Autos, sondern grundsätzlicher um die Chancen der Mikromobilität: „Da jetzt entschieden wurde, dass E-Scooter etc. auf der Straße fahren müssen, müssen die Zentren der Städte umgestaltet werden. Denn auf der Straße kann man damit auch nicht fahren, wenn in 50 Zentimeter Entfernung die Autos mit 30 km/h an einem vorbei drücken.“ Die Radwege seien nicht breit genug für langsame Scooter und schnellere Räder. „Damit Mikromobilität sinnvoll nutzbar wird, müssen wir also die Verkehrsflächen in den Zentren der Städte ganz neu verteilen. Sonst endet das im Kampf jeder gegen jeden.“

Der Neubau des Europaplatzes könne auch als Auftakt zu der Umgestaltung des Zentrums werden. Palmers Vision: „Das gesamte Areal vom Bahnhof bis zur Uhlandstraße wird eine Vorrangzone für klimafreundliche Mobilität, der Autoverkehr endet am Parkhaus vor dem Bahnhof.“

Kosten für das Gesamtprogramm seien noch nicht abzuschätzen, Hauptblock sei die ohnehin geplante Aufhebung des Einbahnstraßenrings um den Alten Bota herum. „Aber man wird auch in die Qualität der gewonnen Flächen investieren müssen.“

Für den Oberbürgermeister ist zudem klar, dass die Bauverwaltung ein solches Projekt mit dem derzeitigen Personal nicht stemmen könne.

Reaktionen auf Palmers Vorstoß

Die Universität ist offen für Gespräche mit der Stadtverwaltung und den Gremien, sagte Kanzler Andreas Rothfuß. „Der Talcampus könnte attraktiver gestaltet werden. Das ist ein interessanter Vorschlag, dessen vielfältige und komplexe Auswirkungen noch geprüft werden müssen.“

Der Handel- und Gewerbeverein pocht auf Erreichbarkeit der Geschäfte. „Klimaneutrale Mobilität wird auch von der Tübinger Händlerschaft unterstützt“, sagt der Vorsitzende Jörg Romanowski. „Solange aber die Deutsche Bahn nicht pünktlich fährt, solange der ÖPNV für viele aus den umliegenden Gemeinden und Städten nicht flächendeckend funktioniert, sind viele Menschen auf das Auto angewiesen. Tübingen, als gemeinsames Oberzentrum, hat wichtige Funktionen, die erreichbar sein müssen, auch mit dem Auto.“ Der Tübinger Handel ist jetzt bereits durch die Online-Konkurrenz von Firmen, die keine oder wenig Steuern zahlen, unter Druck. Eine reduzierte Erreichbarkeit der Innenstadt würde das Transportaufkommen und damit den CO2-Ausstoß erhöhen.

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Erstellt:
9. Juni 2019, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Juni 2019, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Juni 2019, 12:00 Uhr

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