Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Berufungsgericht in Südafrika: Der ehemalige Sprintstar wollte töten

Pistorius droht lange Haft

Der frühere Spitzensportler Oscar Pistorius schoss mit großem Kaliber vier Mal durch eine Toilettentür. Jetzt sagt das Berufungsgericht, dass er wegen der Tötung seiner Freundin länger ins Gefängnis muss.

04.12.2015
  • JÜRGEN BÄTZ, DPA

Bloemfontein. Weihnachten kann der frühere Top-Sportler Oscar Pistorius noch im Kreise seiner Familie verbringen. Doch nächstes Jahr wird es mit dem Hausarrest in der komfortablen Villa seines Onkels in Pretoria vorbei sein. Stattdessen wartet wieder das Gefängnis. Ein Richter des südafrikanischen Berufungsgerichts beschrieb den tiefen Fall des Oscar Pistorius gestern als eine Tragödie, die so auch aus der Feder von William Shakespeare stammen könnte.

Für die fünf Richter in Bloemfontein ist der Fall klar: Der geübte Schütze Pistorius, der gestern nicht im Gericht war, nahm den Tod eines Menschen billigend in Kauf, als er am Valentinstag 2013 vier großkalibrige Schüsse durch die geschlossene Tür einer Toilette feuerte. Und damit seine damalige Freundin Reeva Steenkamp tötete.

"Er wird ein internationaler Star. Er trifft eine junge Frau, die wunderschön und ein Model ist. Die Romanze erblüht, bis er - ironischerweise am Valentinstag - ihr das Leben nimmt", fasste Richter Eric Leach zusammen. "Dieser Fall ist eine Tragödie vom Ausmaß eines Shakespeare-Stückes."

Der Krimi um den wohl berühmtesten Behinderten-Sportler löste weltweit großes Aufsehen aus. In Südafrika empfanden viele Menschen das Urteil der ersten Instanz zu fünf Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung als zu milde. In der schwarzen Bevölkerungsmehrheit sahen viele darin den Beweis, dass vermögende Weiße vor Gericht immer noch besser wegkommen als Schwarze. Die Frauenliga der Regierungspartei ANC kritisierte das milde Urteil der ersten Instanz scharf.

Pistorius wurde schon im Oktober nach nur einem Jahr Haft in den Hausarrest entlassen. Die Richterin der ersten Instanz, Thokozile Masipa, hatte seinen Beteuerungen Glauben geschenkt, wonach er hinter der Tür einen Einbrecher wähnte. Er habe keine Tötungsabsicht gehabt, sondern in Notwehr geschossen, beteuerte Pistorius vor Gericht.

Das oberste Berufungsgericht in Bloemfontein jedoch spricht jetzt von "grundsätzlichen Irrtümern" im Urteil der ersten Instanz. Die fünf Richter befanden Pistorius gestern des "Mordes" schuldig, was im deutschen Rechtssystem am ehesten einer Verurteilung wegen Totschlags entspricht. "Er muss die mögliche Todesfolge seines Handelns vorausgesehen haben", sagte Richter Leach.

Das Urteil vom Oktober 2014 ist damit hinfällig. Das Gericht der ersten Instanz wird nächstes Jahr das neue Strafmaß festlegen. Auf weniger als 15 Jahre Haft kann der 29-Jährige nur dann hoffen, wenn das Gericht besonders mildernde Umstände erkennt. Pistorius Familie teilte nur mit, man nehme das Urteil aus Bloemfontein zur Kenntnis.

Pistorius waren als Kind wegen eines Gen-Defekts beide Unterschenkel amputiert worden. Doch trotz seiner Behinderung legte er eine steile Sport-Karriere hin, in Südafrika avancierte der zähe Sprinter zu einem Nationalhelden. Seine Beziehung zu dem Model Reeva Steenkamp brachte ihn dann auch regelmäßig in die Klatschspalten der Zeitungen. Doch die Schüsse vom 14. Februar 2013 bereiteten seiner Sportkarriere ein jähes Ende.

Pistorius startete 2012 mit seinen J-förmigen Karbon-Prothesen als erster beinamputierter Sportler der Olympia-Geschichte bei den Olympischen Spielen. Er wurde Achter mit der Staffel über 4 x 400 Meter und kam als Einzelstarter bis ins 400-Meter-Halbfinale. Bei den Paralympics holte er Doppel-Gold.

Ein Knackpunkt der Gerichtsverhandlung in erster und zweiter Instanz war, ob Pistorius die Todesfolge seiner Handlung voraussehen konnte, ein Fall von so genanntem "dolus eventialis". Die Berufungsinstanz sah dies nun als erwiesen an. Im ersten Verfahren seien wichtige Beweise nicht ausreichend berücksichtigt worden, darunter auch ein ballistisches Gutachten, wonach keine Person in der Toilette die vier abgegebenen Schüsse hätte überleben können.

Damit ist Richter Leach zufolge auch unerheblich, ob Pistorius gezielt seine Freundin erschießen wollte oder den von ihm hinter der Toilettentür vermuteten Einbrecher. "Eine Person, die auf einem belebten Platz eine Bombe zündet, wird die Identität ihrer Opfer wahrscheinlich nicht kennen, aber sie wird trotzdem die Absicht haben, mit der Explosion zu töten."

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

04.12.2015, 08:35 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular