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Mit einem Satz fließt ein Fluss durch Evis Küche

Pia Ziefle veröffentlichte ihren zweiter Roman: „Länger als sonst ist nicht für immer“

Eine kleine Bäckerei in einer Stadt am Fluss wird zum Zufluchtsort: Nicht nur für den Großvater, der mit seinem Enkel aus Serbien nach Deutschland kommt. Sondern auch für ein Mädchen aus der Nachbarschaft.

30.09.2014

Von Gabi Schweizer

Mössingen. Zwei Jahre nach „Suna“ hat die Mössinger Autorin Pia Ziefle ihren zweiten Roman vorgelegt. Es ist wieder ein leises Buch geworden, das große Lebensgeschichten mit kleinen Episoden erzählt. Ein Buch, in dem ein Stück Zuckerkuchen in einer wie aus der Zeit gefallenen Bäckerei Geborgenheit symbolisiert und in dem die Kälte, die im Nachbarhaus aus den Wänden kriecht, nicht nur eine reale ist. Wie bereits bei „Suna“ geht es um Familien, deren Wege sich kreuzen, um verlassene Kinder und suchende Erwachsene.

Es dauert viele Jahre, ehe Tadija begreift, dass seine Tochter nicht zurückkommen wird. Da ist er mit ihrem Kind, seinem Enkel Fido, bereits aus dem damaligen Jugoslawien in eine kleine süddeutsche Stadt gezogen, zu Evi, der Bäckerin, die sich weigert, ihren Laden an die Zeit der großen Ketten anzupassen und die immer nur soviel Brot backt, wie sie an einem Tag verkaufen kann. Evi ist in der frühesten Zeitebene dieses zwischen Jetzt und Vergangenheit oszilllierenden Romans da und in der Gegenwart immer noch.

Nebenan lebt Ira, Enkelin eines Weltkriegs-Veteranen, der sich einen Spaß daraus macht, das Kind im Keller zu erschrecken: „Russenfinden“, nennt er dieses Spiel. Ira ist außerdem Tochter einer Atomkraftgegnerin, die ihr Baby als lebendes Schutzschild mit auf Demos nimmt. Und Tochter eines Lateinlehrers, der seine Vaterrolle nicht ausfüllen kann und später nicht sterben, weil da etwas ist, was ihn nicht gehen lässt. Es gibt viele Gründe, weshalb Ira nicht mehr in dem Haus leben mag, in dem die Kälte in den Mauern nicht nur dem Geiz des Großvaters geschuldet ist. Als sie ein eigenes Kind erwartet, zieht sie zu Evi.

Währenddessen reist Lew, Mitte 30, durch Indien, auf dem Weg zu seinem Vater, der vor vielen Jahren einfach verschwunden ist. Damals gab es noch eine Mauer quer durch Deutschland und ein komisches graues Ding in der Küchenlampe. Erst Jahre später kann Lew herausfinden, ob die Eltern ihn und seinen Bruder damals wirklich im Stich gelassen haben.

Die beiden Handlungsstränge entwickeln sich strikt parallel, was der ansonsten zwischen Zeitebenen und Gedanken hüpfenden Erzählung Halt und Struktur gibt.

In Lews kleinem Leben spiegelt sich die große DDR-Geschichte wider, während Ira und Fido die 70er- und 80er-Jahre im Westen verbringen – mit allem, was eine solche Kindheit mit sich bringt. In aller Erleben dringt die Gewissheit durch, dass kein Mensch nur gut oder nur böse ist, dass dazwischen viele Schattierungen existieren. Absolute Gewissheiten gibt es nicht – auch wenn es als Leser/in zuweilen schwer fällt, das Fragmentarische, Unfertige zu akzeptieren. Gerade darin liegt aber auch etwas Tröstliches: „Länger als sonst ist nicht für immer.“

Es ist eine der größten Stärken des Buches, dass es kein Schwarz und Weiß gibt, keine klare Unterteilung in Gut und Böse. Es ist ein Buch voller Zwischentöne. Und eins, in dem die Leser sich vieles selbst erschließen müssen. So wie auch die Figuren oftmals im Dunkeln tappen. Sehr behutsam nähert die Autorin sich dem Thema Kindsmissbrauch. Vieles bleibt ungesagt, ohne dass dadurch verharmlost würde.

Zuweilen reflektiert das Buch sich selbst. „Tadijas Geschichten waren gut. Er konnte mit einem einzigen Satz den Fluss seines Heimatdorfes durch Evis Küche fließen lassen. Der konnte den Wochenmarkt für Ira aus Worten bauen, und wenn er anfing zu erzählen, dann nahm er sie an der Hand und ging mit ihr mitten hinein in sein altes Leben, und so stand sie nach nur wenigen Worten aus seinem Mund neben ihm im serbischen Staub, lehnte mit ihm am Gartenzaun, als er noch jung gewesen war und den Frauen auf der Landstraße hinterherpfiff.“

Ein schönes, anrührendes, zuweilen tieftrauriges Buch, das man dennoch mit einem Lächeln beiseite legt.

Info: Pia Ziefle. „Länger als sonst ist nicht für immer“, Arche-Verlag, Zürich / Hamburg 2014, 282 Seiten, 19,99 Euro (gebundene Ausgabe).

Pia Ziefle packt große Geschichte in kleine Geschichten.

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Erstellt:
30. September 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
30. September 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. September 2014, 12:00 Uhr

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