Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
O welche Lust, in freier Luft

Philipp Amelung führt am Freitag mit Akademischem Orchester und Chor Beethovens „Fidelio“ auf

Die Klagen über die Konzertsaal-Situation in Tübingen sind hinlänglich bekannt. Aber darüber hinaus gibt es in der protestantisch geprägten Universitätsstadt auch kein Opernhaus. „Schade eigentlich“ - findet Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung und dirigiert daher am Freitag Beethovens „Fidelio“ in einer konzertanten Aufführung.

26.01.2015
  • Achim Stricker

Tübingen. „Der Anstoß zu diesem Projekt kam von außen“, erzählt Philipp Amelung und setzt zu einer kleinen Vorgeschichte an. Im Jahr 2000 hat er in seinem oberbayrischen Heimatort Icking im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen zusammen mit weiteren Mitstreitern ein Festival ins Leben gerufen. Beethoven gehörte von Anfang an zu den zentralen Komponisten. Unter anderem hat Amelung im Ickinger Festival alle fünf Klavierkonzerte, einige der Symphonien sowie die Chorfantasie aufgeführt.

Philipp Amelung führt am Freitag mit Akademischem Orchester und Chor Beethovens „Fidelio“ auf
„Nie wird es zu hoch besungen, Retterin des Gatten sein“: Philipp Amelung mit Fidelio-PartiturBild: Metz

Stand Beethoven seinerzeit am Beginn des Festivals, sollte ihm nun auch das Sonderkonzert zum 15-jährigen Jubiläum gewidmet sein. „Von einer opernaffinen Mäzenin des Festivals, der Juristin Traudl Bergau, kam die Anregung zum Fidelio“, berichtet Amelung.

Zusammen mit Bergau hat er in den letzten Jahren schon mehrere Opernprojekte realisiert, darunter „Don Giovanni“ und „Figaro“, den er 2012 im Münchner Cuvilliés-Theater dirigierte. So sagte Amelung spontan zu und sah dabei mit Blick auf seine Uni-Ensembles „sofort weitere Chancen: für das Akademische Orchester und den Akademischen Chor die Möglichkeit zu einem außergewöhnlichen Repertoire und für Tübingen die Gelegenheit, hier einmal eine Oper konzertant aufzuführen.“

Philipp Amelung führt am Freitag mit Akademischem Orchester und Chor Beethovens „Fidelio“ auf
J. Winkel

Als Universitätsmusikdirektor und Dozent am Musikwissenschaftlichen Institut sowie an der Rottenburger Kirchenmusikhochschule verbindet Amelung mit seinem Amt nicht zuletzt auch einen „pädagogischen Anspruch“: „Während ihrer Zeit im Akademischen Orchester sollen die Studierenden möglichst unterschiedliches Repertoire kennenlernen – Symphonie, Instrumentalkonzert, Oratorium, aber eben auch Oper. Zumal für das Orchester ist der ‚Fidelio‘ eine tolle Herausforderung. Im Gegensatz zur weiträumigen Dramaturgie einer Symphonie muss ein Opernorchester immer gleich auf den Punkt da sein. In den 16 sehr verschiedenartigen Nummern des ‚Fidelio‘ müssen die Tempi immer sofort sitzen. Beim Begleiten der Sänger muss sich das Orchester flexibel anpassen. Der Akademische Chor mag insgesamt vielleicht weniger gefordert sein, aber der vierstimmige Gefangenenchor hat es auch in sich.“

Es sollte Beethovens einziger Ausflug ins Operngenre bleiben. Die zeitgemäß modische „Rettungs- und Befreiungsoper“ sympathisiert mit den Idealen der französischen Revolution. Zugleich wirft die Textvorlage, Bouillys „Léonore“, aber auch ein kritisches Licht auf die Revolution, die bereits in die Terrorherrschaft umgeschlagen war. Zugrunde liegt die authentische Geschichte einer Madame de Tourraine, die als Mann verkleidet ihren Mann aus dem Kerker der Jakobiner befreite. Der Oper drohten vorab Zensur und Aufführungsverbot. So verlegte Beethovens Librettist Sonnleithner die Handlung sicherheitshalber nach Sevilla. Aber erst die dritte Fassung des gekürzten und gestrafften „Fidelio“ reüssierte 1815 beim Publikum.

Philipp Amelung führt am Freitag mit Akademischem Orchester und Chor Beethovens „Fidelio“ auf
J. Durmüller

Bei der Auseinandersetzung mit der Oper fiel Amelung auf, wie sehr sich Beethovens Komponistenpersönlichkeit in diesem mühsamen, mehr als neunjährigen Arbeitsprozess verändert und entwickelt hat: Der einstige Napoléon-Verehrer gab dem „Fidelo“ in seiner Enttäuschung über Napoléons Kaiserkrönung immer tragischere Züge. Das erklärt auch die deutliche Zweiteilung der Oper: „Am Anfang dominiert noch der Singspiel-Charakter: die kleinbürgerliche Welt des Kerkermeisters Rocco, die Liebesgeschichte zwischen Marzelline und Jaquino. Sobald der Gefängnisgouverneur Pizarro erscheint, verschieben sich die Vorzeichen ins Ernsthafte, die Musik wächst über das Genreübliche hinaus.“

Die anfänglich „heitere Ebene mit Buffa-Opern-Charakter“ ist für Amelung aber nicht übriggebliebenes Relikt der ersten Fassung, sondern „ein bewusstes und sinnvolles Gegengewicht zu der heroisch-tragischen Ebene von Florestan und Leonore.“

Philipp Amelung führt am Freitag mit Akademischem Orchester und Chor Beethovens „Fidelio“ auf
G. Papendell

In den großen Spannungsbögen des „Fidelio“ zeigt sich auch der Symphoniker Beethoven. Den Sängern macht er es mit seiner dramatisch aufgewühlten Instrumentierung nicht immer leicht. Landläufigen Ansichten zum Trotz hält Amelung Beethoven aber auch für einen begabten Opernkomponisten: „Seine Musik passt unglaublich gut zum Text, eine Figur wie Marzelline zeichnet er psychologisch genau.“

Bei der Uraufführung der ersten „Fidelio“-Fassung am 20. November 1805 war Wien bereits seit einer Woche von Napoleón besetzt. Adel und Mäzene waren aus der Stadt geflohen, das Theater an der Wien blieb weitgehend leer. Im Parkett saßen nur ein paar französische Soldaten. Drei Tage später zog Beethoven das Werk zurück.

Info: Das Akademische Orchester und der Akademische Chor konzertieren unter Amelungs Leitung am kommenden Freitag um 19.15 Uhr im Uni-Festsaal. Solist(inn)en sind Jörg Dürmüller (Florestan), Johanna Winkel (Leonore), Günter Papendell (Don Pizarro), Franziska Bobe (Marzelline), Jürgen Ochs (Jaquino), Raphael Sigling (Rocco), Thomas Scharr (Don Fernando) und Stephanie Gossger (Sprecherin). Am Sonntag gastieren die Uni-Ensembles auf dem Festival Icking im bayrischen Ebenhausen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.01.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular