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Zweitfamilie auf Türkisch

Pflegeeltern geben Nichten neues Zuhause

Das Ehepaar Demli hat zwei türkische Pflegekinder bei sich aufgenommen. Seit sechs Jahren lebt die zusammengewürfelte Familie nun unter einem Dach. Trotz aller Schwierigkeiten halten sie fest zusammen.

03.09.2012

Von JULIANE BAUMGARTEN

Sechs Jahre ist es her. Erhan Demli stand damals vor einer der schwersten Entscheidungen seines Lebens: Entweder er nimmt seine beiden Nichten bei sich auf, oder sie müssen ins Heim. Das Jugendamt stellt ihn vor die Wahl. Denn die Schwestern Gülay und Güllü, damals 7 und 10 Jahre alt, können nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben. Der Vater ist psychisch krank und in einer geschlossenen Einrichtung. Auch die Mutter wird immer labiler, kämpft mit Suizidgedanken und kann sich nicht mehr um die Töchter kümmern.

"Wir haben mit dem Herzen entschieden", sagt Erhan Demli, 56, tippt sich auf die Brust und lacht. Aber natürlich habe er sich auch viele Gedanken gemacht. Er und seine Frau seien ja schon 50 Jahre alt gewesen, hatten bereits ihre beiden Söhne großgezogen. Er habe sich gefragt, ob die Kraft noch reicht. Ob er den kleinen Mädchen noch gerecht werden kann?

Die beiden erwachsenen Söhne werden gefragt: Sie sind sofort dafür, die Cousinen aufzunehmen. Ohne wenn und aber, auch wenn es in der Wohnung eng wird und sie zusammenrücken müssen. Denn Deniz, der Jüngere, wohnt noch zu Hause. "Unsere Eltern hatten doch schon Übung bei der Erziehung", sagt er grinsend und klopft dem Vater aufmunternd auf den Schenkel. Dann wird er ernst: "Wir wussten, worauf wir uns einlassen." Und er kann der Entscheidung auch heute nur positives abgewinnen: "Es ist frischer Wind dazugekommen."

Der Anfang ist allerdings nicht leicht. Vor allem die Mädchen leiden unter der Situation. "Den Mädelchen haben die Eltern sehr gefehlt", sagt Erhan Demli. Die Wohnung ist neu und fremd, die geliebte Mutter weit weg und der Kontakt mit ihr - zumindest die erste Zeit - vom Jugendamt aus verboten. Die Kinder verstehen die Welt nicht mehr. Nach den gemeinsamen Essen verschwinden sie sofort wieder auf ihrem Kinderzimmer. "Sie waren erst sehr schüchtern. Von Tag zu Tag ist es besser geworden", erzählt Demli.

Güllü, 16, die gegenüber auf dem blauen Sofa sitzt, hat den Kopf gesenkt. Tränen kullern ihr über die Wange. Die Gedanken an die Zeit schmerzen sie heute noch. Die 13-jährige Gülay erinnert sich nur noch dunkel an damals. "Ich war ja noch klein", sagt sie. Sie weiß nur, dass die Dame vom Jugendamt sie bei der Mutter abholt und zur Tante bringt. Mit der gehen sie dann einkaufen. "Wir haben neue Hosen bekommen", sagt Gülay. Sie lebt sich schneller ein als die große Schwester. Auch die Schule fällt ihr leichter. Güllü leidet lange unter der Trennung von der Mutter - sie kann nicht über das Erlebte sprechen. Wohl als Folge daraus hat sie bis heute eine Sprachblockade, sie spricht nur in kurzen Sätzen, sehr langsam und leise.

Die Wohnsituation der Demlis ist durch den ungeplanten Familienzuwachs aber bald zu eng. Fünf Personen und der Boxer Loki unter einem Dach. Sie wohnen auf einem Stockwerk in zwei angrenzenden Zwei-Zimmer-Wohnungen. Deniz Demli reagiert nach gut einem Jahr - und zieht aus. Er ist schon Mitte 20, es ist Zeit für ein eigenes Zuhause.

Güllü und Gülay teilen sich in der Wohnung nach wie vor ein Zimmer. Es steht ein Bett an der linken Wand, gegenüber ist eine große Holzwand. Dort eingebaut ist ein Bett, abends kann es die Jüngere aus dem Einbauschrank ausklappen. Jeden morgen müssen sie es aber wieder verstauen, um genügend Platz zu haben. An der anderen freien Wand stehen die Schreibtische. Auch wenn es eng ist, die Mädchen finden es gemütlich und wollen gar kein eigenes Zimmer.

Devrim, der ältere Sohn, der als Polizist arbeitet, wohnt im selben Haus. Allerdings in einer eigenen Wohnung, zwei Stockwerke über den Eltern und Cousinen. Zum Essen kommt er oft vorbei.

Die gemeinsamen Mahlzeiten sind ein festes Ritual bei den Demlis. Jeder erzählt von seinem Tag, danach schauen sie oft zusammen fern. Mutter Züleyha stellt Unterschiede im Zusammenleben mit "Töchtern" und Söhnen fest. "Die Mädchen sind sehr viel hilfsbereiter als Jungen", sagt die 57-Jährige, die von den Mädchen "Hala" Tante gerufen wird.

Einmal im Jahr wird nun vom Jugendamt überprüft, wie es den Mädchen geht. Eine Rückkehr zu den Eltern scheint im Moment ausgeschlossen, beide sind nach wie vor krank. "Ich möchte gar nicht zurück. Ich bin hier zufrieden", sagt Gülay.

Der Zusammenhalt in der Familie mit den beiden "großen Brüdern" gibt den Mädchen Halt. Und auch die Tatsache, dass sie ihre türkischen Wurzeln nicht verleugnen müssen. Im Heim wäre die türkische Kultur, Sprache, Schrift und Religion verloren gegangen, glaubt Erhan Demli. Die Tradition den Kindern weiterzugeben, ist ihm ein Anliegen. Deswegen hofft er auch, dass noch mehr türkische Familien Pflegekinder bei sich aufnehmen. Die sind in dieser Hinsicht aber sehr zurückhaltend. Warum, kann sich Demli nicht recht erklären. Er vermutet, dass viele das deutsche System nicht durchschauen und befürchten, dass für Pflegekinder hohe Kosten entstehen. Zudem glaubt er, viele türkische Familien seien durch den eigenen reichen Kindersegen bereits ausgelastet.

Die Sommerferien verbringt die ganze Familie am Meer. Fast fünf Wochen sind sie in der Nähe von Ankara, treffen Verwandte, gehen baden. Fast wie jede andere Familie auch. Das Drama um die Eltern hat aber Narben auf der Seele der Mädchen hinterlassen. Das geregelte Familienleben gibt ihnen Halt und Kraft. Und sie haben neben Onkel und Tante auch die "großen Brüder" Deniz und Devrim als Vertrauenspersonen gefunden. Sie fördern die Mädchen, helfen bei Matheaufgaben oder Englischübersetzungen, wenn es klemmt. So verwundert es nicht, dass Gülay später mal Polizistin werden will, genau wie Devrim. "Was er so erzählt, gefällt mir einfach", sagt die 13-Jährige. Auch wenn ihr Zusammenleben aus der Not entstanden ist: Jetzt wollen sie nicht mehr ohneeinander.

Erhan und Züleyha Demli mit ihren Nichten Güllü (links) und Gülay (rechts) sowie ihrem Sohn Deniz in der Mitte. Boxer Loki ist auch dabei. Foto: Juliane Baumgarten

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Erstellt:
3. September 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. September 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. September 2012, 12:00 Uhr

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