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Pfarrer dichten um die Wette
Moderator Timo Brunke mit Teilnehmerin Sabine Löw. Sie fragte: Was will das Evangelium uns sagen? Foto: Ferdinando Iannone
Kirche

Pfarrer dichten um die Wette

Frech, provozierend, klug, vor allem aber originell: Zehn Prediger haben sich beim ersten Stuttgarter „Preacher Slam“ ein Wortgefecht auf hohem Niveau geliefert.

13.11.2017
  • NADJA OTTERBACH

Stuttgart. Die Kirchenbänke sind besetzt – alle. Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten? Nein, es ist „Preacher Slam“ in der evangelischen Steigkirche in Cannstatt. Eine Premiere, die es in sich hat. Vieles ist anders als sonst. Kein Pfarrer auf der Kanzel, stattdessen tauchen Scheinwerfer die Empore vorm Altar in buntes Licht, kündigen Rock-Klassiker („Knocking on Heaven‘s Door“, „Thunder“) in voller Lautstärke die Akteure an. Akteure? Ja, am vergangenen Freitagabend sind Pfarrer nicht einfach nur Prediger, sondern auch Poeten, ach was, Performance-Künstler. Sie stellen sich dem Dichterwettstreit nach dem Vorbild des „Poetry Slam“, wagen ein Experiment, wie Moderator Timo Brunke es nennt.

Es ist ein Wortgefecht auf hohem Niveau, das sich die vier Frauen und sechs Männer liefern. Sie tragen selbstverfasste Texte vor, die sich mal mehr, mal weniger mit dem Glauben befassen. Die manchmal biografisch und oft humorvoll daherkommen. Die abwechslungsreich und klug sind, frech, provozierend, nachdenklich, vor allem aber originell.

Jeder Teilnehmer hat nur sechs Minuten Zeit, um das Publikum zu überzeugen. Die Intensität des Applauses entscheidet am Ende, wer die Nase vorn hat. Sabine Löws Beitrag kommt an. Die Pfarrerin aus Stuttgart-Weilimdorf schwäbelt mit rot geschminkten Lippen und im Leoparden-Outfit munter drauflos und knipst dabei Selfies. Ihr Thema: Was will das Evangelium uns sagen?

Christian Leidig, Pfarrer aus dem Stadtteil Birkach, fragt sich: „Was wäre, wenn die Kirche nur noch ein Jahr zu leben hätte?“, und Pfarrer Philipp Dietrich aus Neuenstadt am Kocher (Kreis Heilbronn) beklagt sich: „Alles verluthert in diesem Jahr.“ Sein Statement: „Ich bin gegen Reformation“. Jubel aus dem Publikum.

Laienprediger Manfred Stauss führt im Wartezimmer eines Venenspezialisten ein gedankliches Gespräch mit Gott und springt thematisch von der Gewebs- zur Gebetsschwäche. Stephan Mühlich, Studierendenpfarrer in Stuttgart-Vaihingen, zeigt mit seinem Vergleich von Karpfen und Koi nicht nur pantomimisches, sondern auch komödiantisches Talent. Seine Botschaft? Dass „nicht mal mehr die Christen verstehen, was Gott ihnen sagen will“. Damit schafft er es ins Finale.

Mühlichs Konkurrent: Christof Messerschmidt aus Lorch im Ostalbkreis. Der Pfarrer denkt laut darüber nach, was wäre, wenn auf der Welt plötzlich Frieden herrschte, „wenn Alice Schwarzer Donald Trump küsste – mit Zunge?“ Beim Stechen (beide müssen abschließend einen Bibeltext adaptieren) überzeugt Messerschmidt mit seiner Version des Vaterunser. „Geheiligt werde deine Namensänderung. Dein Williamschrist geschehe, wie in der Himmelstür, so im Erdgeschoss.“

Die Trophäe ist seine, eine goldene Bibel auf einem Sockel, inklusive Kreuz und Fernsehturm. Doch der Sieger wird sie vermutlich nicht behalten können, denn wenn sich Til Bauers Wunsch erfüllt, soll sich der „Preacher Slam“ in Stuttgart etablieren und die Trophäe zum Wanderpokal werden. Einen Namen hat der Pokal schon: „Stuttgarter SlamSteiger“. Bauer ist Pfarrer der Cannstatter Steigkirche, er hat den Abend organisiert und selbst mit einem Text zum Dichter-Wettstreit beigetragen. Sein Wunsch: Kirche soll Spaß machen.

Dass der „Preacher Slam“ nicht nur den Geistlichen selbst Vergnügen bereitet, ist von Anfang bis Ende spürbar. Ursula, 63, sitzt mit einem Glas Sekt in der Hand in einer der hinteren Reihen. Es ist ihr erster Slam. „Den Glauben auf diese Art und Weise zum Thema zu machen, finde ich gut“, sagt sie. Die lockere Atmosphäre und der außergewöhnliche Blickwinkel begeistern sie.

Entwicklungspotenzial sieht dagegen die jüngere Generation. Cosima, 20, ist mit dem Jugendkreis der Landeskirchlichen Gemeinschaft Rommelshausen im Remstal in die Steigkirche nach Bad Cannstatt gekommen. Ihr Fazit: eine gute Veranstaltung, die noch ein kleines bisschen moderner sein könnte. „Wie auf Youtube, mehr aus dem Leben.“ Kann ja noch werden, beim nächsten Mal.

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13.11.2017, 06:00 Uhr
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