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Der Faden geht zu Ende

Peter Weingärtner gibt im Februar sein Geschäft auf und vermietet

„Weingärtner mode + mehr“ schließt im Februar. Inhaber Peter Weingärtner, 61 Jahre alt, will vermeiden, dass das geänderte Einkaufsverhalten der Kundschaft ihn zur Aufgabe zwingt: „Bevor es schief geht, hören wir lieber auf.“

13.10.2015
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Nach dem Reformhaus Hieber, das Ursula und Norbert Vollmer im Frühjahr nach mehr als 75 Jahren Familientradition einem externen Betreiber übergaben, enden an der Königstraße 90 Jahre Einzelhandelsgeschichte: 1924 gründete Peter Weingärtners Großmutter Anna Weingärtner einen Gemischtwarenladen, nach dem Krieg steckte sein Vater Emil alle Kraft in den Wiederaufbau, spezialisierte sich auf Kurzwaren und Handarbeitsartikel, dann auch auf Textilien: Unterwäsche für Damen und Herren, Miederwaren, Strümpfe aller Art, Strick, Kindermode, Frottierwaren, Schals, Mützen oder Handschuhe.

Eigentlich wollte keines von Emil Weingärtners vier Kindern das Geschäft übernehmen. Peter Weingärtners Erlebnisse in Afrika gaben den Ausschlag, dass dann doch noch ein Sohn bereit war: „Die Älteren genießen dort eine andere Achtung als bei uns. Da hat sich ein bissle was bewegt in meinem Kopf.“ Freilich habe er die Aufgabe als Geschäftsinhaber unterschätzt: „In meiner grenzenlosen Naivität hab’ ich gedacht, da hab’ ich immer Zeit, kann sie mir für andere Dinge einteilen.“

Eine Bedingung knüpfte Peter Weingärtner an die Ladenübernahme: Er wollte zuvor eine Kaufmannslehre machen. So besuchte er Ende der 80er-Jahre als 35-Jähriger Mann zusammen mit einem knappen Dutzend 16-jähriger Mädels die Berufsschulen Rottenburg und Tübingen. „Das war nett“, sagt er. Den betrieblichen Teil der Ausbildung absolvierte er beim Vater. 1991 übernahm Peter Weingärtner das Geschäft. „Vom Lehrling zum Geschäftsführer“, so beschreibt er seinen Start. Sein Vater habe es ihm überaus leicht gemacht.

Der Junior ließ den Laden umbauen und modernisieren. Als Lehrer fürs Werken sei er technisch interessiert gewesen und habe früher als viele andere die Vorteile der EDV genutzt und ihre Nachteile ertragen. Sein Kundeninformationssystem umfasse 7000 Adressen, Leute aus Rottenburg und einem Umkreis, der Horb, Nagold, Ammerbuch, Tübingen, Ofterdingen, Mössingen einschließt. 1300 Kunden habe er nun vorab übers nahende Ende von „mode + mehr“ informiert.

Die EDV ist einer von etlichen Gründen, die Geschäftsaufgabe jetzt anzugehen. Andernfalls müsse er 20 000 bis 30 000 Euro in die Erneuerung der Informationstechnologie investieren. Weingärtner zeigt auf einen Prospekt, den er aus einer Illustrierten gefischt hat: Da bietet ein Markentextiler, dessen Ware er verkauft, den Verbrauchern 20 Prozent Rabatt, wenn sie online bestellen. Folge des Internethandels sei es zudem, dass für Käufer immer selbstverständlicher wird, dass sie gekaufte Artikel nach zwei Tagen oder zwei Wochen zurückbringen und das Geld zurückverlangen können.

Sein breites Sortiment, berichtet Weingärtner, erfordere teilweise intensive Beratung. Er und seine sieben Angestellten machten es gern und erführen beinahe täglich Lob: „Toll, dass es so etwas noch gibt.“ Vor zehn Jahren habe „kein Mensch dafür Danke gesagt – da war das selbstverständlich“. Klar, dass er sich über Zuspruch freut. Zugleich werde ihm klar, dass er eines der letzten Fossile ist. Wenn Kunden nach 15 Minuten Beratung fünf Knöpfe für 75 Cent kaufen, wisse er, dass er wieder kräftig draufgelegt hat.

Der Ausgleich solcher Defizite werde immer seltener. Ein Teil der Kundschaft ziehe das Einkaufserlebnis im „Breuningerland“ vor; „das können wir ihm nicht bieten“. Ein wachsender Teil nutze den Internet-Handel. Ihm als Fachgeschäft bleibe die Gruppe überwiegend älterer Menschen, die nicht so weit fahren wollen, nicht im Internet surfen, sondern beim Einkauf Kontakt, Gespräch und Empfehlung wünschen. Die „leichte Hoffnung, dass diese Gruppe wieder wächst“, habe getrogen – sie schrumpfe weiter.

Seine zeitliche Beanspruchung sei mit den Jahren gestiegen. Als er das Geschäft übernahm, gab es täglich Mittagspause, Mittwochnachmittags war geschlossen, und verkaufsoffene Sonntage waren in Rottenburg ein Fremdwort. Anfangs habe er nebenher die Wohnungen im historischen Gebäude ausbauen können, heute müsse er nach Ladenschluss weiter fürs Geschäft arbeiten. Weingärtner: „Der Freiraum ist komplett weg.“

Weingärtner scheint ohne Groll aufzuhören. Dafür, dass seine Tochter das Geschäft nicht übernehmen will, sondern eher ihrer Mutter nacheifert, die in internationalen Gremien der Entwicklungszusammenarbeit beratend, moderierend und gutachtend aktiv ist, hat er Verständnis. Sein Fazit: „Ich will nicht klagen, wir hatten eine sehr schöne Zeit. Es gibt Gründe, die dazu führen, dass es so ist, wie es ist. Wenn die Mehrzahl nicht mehr schätzt, was wir anbieten, ist die Zeit vorüber. Wenn die Leute nur noch ein paar Knöpfe kaufen und sich freuen, dass es uns noch gibt – sorry, das geht nicht.“

Von seinen sieben, meist seit vielen Jahren bei ihm Beschäftigten gingen zwei nächstes Jahr sowieso in Rente, „mit den anderen müssen wir noch eine Lösung finden“. Weingärtner: „Wir hatten über Jahrzehnte eine tolle Gruppe beieinander.“ Diese Frauen leiten auch die Strickkurse, die er anbietet. Seine 82-jährige Mutter Marianne hilft gern mal mit. Peter Weingärtner häkelt eher.

Bis Weihnachten verkauft er noch ganz normal, danach geht es an den Abverkauf. Mitte Februar etwa will er raus. Dann vermietet er sein Ladengeschäft an die Nagolder Jeans-Store GmbH von Gerhard und Dominic Hammer, die in der Königstraße seit zwei Jahren mit „Cult menswear“ vertreten sind. Nach kurzem Umbau soll das Geschäft am 1. März eröffnen.

Weingärtner freut sich, dass er den Übergang selbst gestalten konnte mit Gerhard Hammer, den er schon lange kennt. Als langjähriger Aktivist im Rottenburger Handels- und Gewerbeverein verzichte er lieber auf ein paar Euro Miete, die ihm eine andere Branche möglicherweise böte. Weingärtner will, dass seine Heimatstadt Rottenburg, die er als „unheimlich lebenswert“ bezeichnet, beim Branchenmix attraktiv bleibt.

Zehn, elf Jahre war Weingärtner Sprecher der Fachgruppe Einzelhandel im HGV. In der Projektgruppe fürs jährliche Gauklerfest will er noch drei Jahre mitarbeiten, ein paar andere Pöstchen aber abgeben. Seine Erfahrung gebe er, wenn gewünscht, gern weiter.

Peter Weingärtner freut sich schon auf die neue Freiheit. Er werde seine ständig auf Reisen befindliche Frau unterstützen und mehr Urlaub mit ihr machen. Im und am Haus sei einiges zu richten. Er fährt gern Motorrad, auch mit Seitenwagen. Nach langer Pause habe er wieder mit dem Klettern angefangen. Das könne man bis ins höhere Alter machen. Weingärtner: „Wenn ich an der Wand bin, ist alles andere weg. Das ist für mich überlebenswichtig.“

Peter Weingärtner gibt im Februar sein Geschäft auf und vermietet
Wenn Peter Weingärtner im Februar aufhört, wird es eng mit dem Wolle-Angebot in Rottenburg.Bild: Kuball

Peter Weingärtner gibt im Februar sein Geschäft auf und vermietet
Weingärtner mode + mehr an der Königstraße, Ecke Marktplatz. Bild: Fleischer

Peter Weingärtner ist Einzelhändler mit untypischem Werdegang. Als Fachlehrer für Sport und Werken ging er für ein Entwicklungshilfeprojekt in den westafrikanischen Binnenstaat Niger. In der Hauptstadt Niamey baute er zusammen mit anderen das erste nigrische Institut zur Ausbildung von Sportlehrern auf. Danach bekam er die Chance, als Berufsfremder im Norden des Landes beim Straßen- und Brunnenbau sowie im Uferschutz organisatorisch tätig zu sein. Dieses Projekt lief nach sieben Jahren aus. Weingärtner blieb ein weiteres Jahr in Niger als begleitender Ehemann, denn zwischenzeitlich hatte er seine spätere Frau Lioba dort kennengelernt, die sich für einen holländischen Entwicklungsdienst um unterernährte Kinder kümmerte. 1989 kehrten die Weingärtners, inzwischen verheiratet, nach Deutschland zurück, und Peter Weingärtner begann eine Lehre als Einzelhandelskaufmann.

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13.10.2015, 12:00 Uhr
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