Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Oft am Limit – und darüber

Personalcheck am Uni-Klinikum: Abgeordnete besuchen Stationen

Anfang November soll ein neues Bundesgesetz zur Krankenhausfinanzierung verabschiedet werden. Rechtzeitig vor den letzten Beratungen haben der Personalrat und die Gewerkschaft Verdi Politiker aller Parteien zum „Personalcheck“ am Uni-Klinikum eingeladen.

21.10.2015
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Wenn sie einen Wunsch frei hätte für ihre Station? Da musste Krankenpflegerin Edda Labitzke nicht lange überlegen. „Mehr Stellen. Und dass man mal pünktlich rauskommt. Und dass man frei hat, wenn man frei hat.“ Egal, auf welche Station man kam: Die Pflegerinnen fanden unterschiedliche Formulierungen für dasselbe Problem: Es gibt einfach zu wenig Pflegekräfte auf den Stationen.

Auf Station 35, der Kinderchirurgie, zum Beispiel könnten 17 Patienten betreut werden. Tatsächlich werden derzeit nur zwölf Betten belegt – aus Personalmangel. Ähnlich sieht es in der Kinderurologie aus. Hier sind vier der 18 Betten gesperrt. Früh- und Spätschicht, eigentlich mit jeweils drei Fachkräften besetzt, sind jeweils nur mit zwei Pflegekräften belegt.

Regelmäßig lädt der Personalrat des Klinikums Politiker zum „Personalcheck“, um in einer Momentaufnahme der Stationen auf Probleme aufmerksam zu machen. Nicht zufällig haben die Organisatoren um Personalratsvorsitzende Angela Hauser gestern die Tübinger CDU-Abgeordnete Annette Widmann-Mauz, als Staatssekretärin im Gesundheitsministerium mitverantwortlich für die neue Gesetzgebung, auf eine Tour durch die Kinderklinik mitgenommen. Hier nahm vor drei Jahren ein bundesweit ausstrahlender Streit um Budgetkürzungen und den Sinn und Unsinn von Fallpauschalen im Abrechnungssystem der Krankenhäuser seinen Ausgang. Hier haben sich verordnete Sparpolitik und Pflegekräftemangel so nachhaltig verquickt, dass die dadurch geschlagene Lücke im Personal bis heute nicht kompensiert werden kann. Man arbeite oft am Limit, habe keinen Puffer mehr, wenn jemand krank werde. Der letzte Nachtdienst – zu zweit auf einer Station mit komplizierten Fällen? „Das war grenzwertig“, berichtet Edda Labitzke.

Viele hängen den Beruf an den Nagel

Vor der Schleuse der Kinderintensivstation begrüßt Malte Hanelt den Tross aus Personalvertretern, Politikern und Journalisten. Seit acht Jahren arbeitet er auf dieser Station, die notorisch an Personalmangel leidet. Derzeit werden dort sechs neue Intensivpflegekräfte eingelernt, die direkt von der Pflegeschule kommen. Auch hier können nur zwölf der 16 Betten belegt werden. Wenn die Neuen eingelernt sind, könne man hoffentlich auf 14 erhöhen, so Geschäftsführerin Stephanie Rich.

Andere Kliniken haben andere Symptome – mit ähnlicher Ursache: Unterfinanzierung. Auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Beispiel ist die Akutaufnahmestation, seit es sie gibt, chronisch überfüllt. Gestern waren es 13 Jugendliche in einer Station, die für acht Patienten eingerichtet ist. Zur Not werde dann eben eine zusätzliche Matratze auf den Boden gelegt, bevor ein Kind in kritischem Zustand abgewiesen werde. Die kaufmännische Direktorin des Uni-Klinikums kann da nur noch anmerken: Man versuche nachdrücklich, zusätzliche Plätze zu bekommen. Diese würden aber mit Verweis auf die Rahmenplanung des Landes nicht genehmigt.

Sieben Politiker aller Parteien besuchten gestern Stationen in den Kliniken: Neben Widmann-Mauz und ihrem Partei-Kollegen und Landtagskandidaten Klaus Tappeser waren von der SPD die Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid und die Landtagskandidatin Dorothea Kliche-Behnke, von den Grünen die beiden Abgeordneten Chris Kühn und Daniel Lede-Abal und von den Linken die Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel dabei.

Der Befund auf den Stationen war allen nicht neu. Allerdings: War vor einigen Jahren noch die Sparpolitik und der Zwang, die gedeckelten Budgets einzuhalten, ein Hauptgrund für die zunehmende Arbeitsverdichtung im Pflegeberuf, wären die Kliniken jetzt durchaus bereit, neue Leute einzustellen. Doch die Bewerberlage ist mehr als schlecht. Die Stellen in der Kinderklinik seien schon lange ausgeschrieben, so Bereichsleiterin Dorothee Dittus, konnten aber nicht besetzt werden.

Auch das wurde den Politikern bei ihrem Rundgang deutlich gesagt: Viele Pflegekräfte hängten ihren Beruf an den Nagel, kommen nach der Elternzeit nicht mehr zurück, verkürzen auf 60 Prozent, weil sie dem Stress entfliehen wollen. Wer als FSJler auf den Stationen schnuppere, werde oft nachhaltig abgeschreckt – so die Rückmeldungen an die Gäste. Die Arbeitsbedingungen hätten sich extrem verschärft, sagte Finanz-Chefin Gabriele Sonntag. „Irgendwann kommen wir an den Punkt, dass wir sagen: Wir hätten zwar noch Geld, um Leute einzustellen. Aber es kommt niemand mehr.“

Die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte aus Italien oder von den Philippinen sei da lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, so die Verantwortlichen auf den Stationen. Mangelnde Sprachkenntnisse verhinderten oft einen regulären Einsatz auf Station. Auch der Ausbildungsstand sei sehr unterschiedlich.

Personalcheck am Uni-Klinikum: Abgeordnete besuchen Stationen
Die CDU-Abgeordnete Annette Widmann-Mauz (links) im Gespräch mit Kathrin Euchner von der Kinderchirurgie. Im Hintergrund diskutieren (von links) Dorothee Dittus, Bereichsleiterin an der Kinderklinik, der Leitende Oberarzt Oliver Heinzel und Personalratsvorsitzende Angela Hauser, rechts im Bild Carsten Köhler vom CDU-Kreisverband. Bild: Metz

Voraussichtlich am 5. November wird das Krankenhausstrukturgesetz verabschiedet. Welche finanziellen Auswirkungen sind für das Tübinger Klinikum zu erwarten? Das 2013 geschnürte Hilfspaket des Bundes wird darin abgelöst, frei werdendes Geld in ein Pflegeförderprogramm umgeleitet. „Das ist schön“, sagte die Tübinger Personalratsvorsitzende Angela Hauser. „Es reicht aber bei weitem nicht aus.“ Keine Regelung sieht das neue Gesetz für so genannte Extremkostenfälle vor. Widmann-Mauz: In den kritischen Bereichen, etwa der Kinderonkologie, seien die Fallpauschalen angepasst worden. Außerdem profitiere Tübingen von einem Zuschlag für Zentren, etwa in der Onkologie oder für das „Zentrum für Seltene Erkrankungen“. Genaue Beträge wurden gestern aber nicht genannt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

21.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular