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Pazifist mit Lust am Provozieren

Zum Tod des Künstlers Tomi Ungerer

Poetische Kinderwelten, erotische Fantasien, apokalyptische Visionen: Tomi Ungerer ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

11.02.2019

Von Wilhelm Roth

Subversiver Humor und Freiheit des Denkens machen Tomi Ungerers Werk aus. Foto: picture alliance/dpa

Frankfurt. Tomi Ungerer gehörte zu den wenigen Künstlern, die sowohl Erwachsene als auch Kinder begeistern konnten. 2016 erschien ein Buch, das diese beiden Linien zusammenführt: „Warum bin ich nicht du?“ Darin antwortete Ungerer auf philosophische Fragen von Kindern und faszinierte durch subversiven Humor und die Freiheit des Denkens. Nun ist der elsässische Künstler gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.

Die Kinder fragen: „Warum gibt es Geld?“, „Was ist das: Zeit?“ oder „Kann man als Toter noch denken?“ Ungerers Antworten nehmen die Kinder ernst, auch auf die Gefahr der Überforderung hin. Viele der Antworten aber gelten eigentlich den Eltern. Diese beiden Grundlinien prägen sein außerordentlich umfangreiches Werk: Auf der einen Seite schuf er wunderbar poetische, komische, freche Bilderbücher für Kinder („Die drei Räuber“.), in denen immer wieder die Unheimlichkeit des Lebens durchscheint. Andererseits zeichnete er Cartoons für Erwachsene, und selbst in den freundlicheren davon wird aus dem satirischen oft ein unbarmherziger Blick auf Menschen, die einander quälen. In Büchern wie „The Party“ oder „Babylon“ steigert sich die bissige Karikatur zur apokalyptischen Vision. Trotzdem ist Ungerer kein Sadist. In diesen Zeichnungen steckt Verzweiflung und Trauer über die Selbstzerstörung des Menschen.

In Straßburg geboren

Es finden sich auch Gegenbilder: „Das große Liederbuch“ etwa, vielleicht sein Hauptwerk. Es ist eine von Zeichnungen begleitete Sammlung deutscher Volks- und Kinderlieder – eine Art rückwärtsgewandte Utopie einer Welt, deren Motive er in seiner elsässischen Heimat gefunden hat. Ungerer hat auch das Lied „Ich hatt' einen Kameraden“ aufgenommen und mit Kreuzen eines Soldatenfriedhofs illustriert.

Jean Thomas Ungerer, genannt Tomi, wurde am 28. November 1931 in Straßburg geboren. Er schmiss das Abitur, trampte durch Europa, begann 1953 ein Kunststudium in Straßburg. Er arbeitete als Schaufensterdekorateur, machte viele Reisen, die wichtigste 1956 nach New York. 1957 wurde das entscheidende Jahr: Er setzte sich als Zeichner durch, wurde in „Esquire“, „Life“ und der „New York Times“ gedruckt. Im selben Jahr lernte er den Verleger Daniel Keel kennen, alle seine Bücher kamen seitdem in Keels Diogenes Verlag heraus.

Ungerers Laufbahn ging steil nach oben, mit erfolgreichen Büchern, Ausstellungen, Preisen. 1993 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, 1995 den Großen Nationalpreis Frankreichs. 2007 wurde das Musée Tomi Ungerer in Straßburg eröffnet. 2018 verlieh ihm das Land Baden-Württemberg die Ehrenprofessorwürde. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte, Ungerer sei „immer ein Lausbub geblieben, dem die Lust am Provozieren nie abhandengekommen ist“.

Während Ungerers Ruhm wuchs, zog er sich in die Provinz zurück. 1970 ging er nach Nova Scotia in Kanada, 1976 nach Irland, wo er seitdem im Wechsel mit Straßburg lebte. Er unterstützte soziale Aktivitäten, den Kampf gegen Aids, das Rote Kreuz, Initiativen für Tierschutz. Als Pazifist hat er immer wieder gegen den Krieg Stellung genommen. Eines seiner Plakate zeigt einen toten US-Soldaten, darunter die Frage: „What Now?“.

Zu Ungerers schönsten Veröffentlichungen gehörten drei autobiografische Bücher, in denen das Ineinander von Text und Bild fasziniert. In dem Band „Es war einmal mein Vater“ rekonstruierte er das Leben seines Vaters Théo Ungerer, der ein berühmter Uhrmachermeister war. In „Die Gedanken sind frei – Meine Kindheit im Elsass“ erzählte er von den Jahren des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Besatzung und der ersten Zeit danach.

Und „Heute hier morgen fort“ beschwört das kanadische Nova Scotia, wo Ungerer und seine Familie unter Bauern und Fischern lebten. Die Bilder aus dieser fast archaischen Welt halten die Balance zwischen Magie und Realismus.

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Erstellt:
11. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2019, 06:00 Uhr

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