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Zwischen Leben und Überleben

Pavel Hoffmann erlebte Theresienstadt und den Holocaust

Pavel Hoffmann hat als Kind das Ghetto Theresienstadt überlebt – durch Zufall. Heute gibt er seine Erfahrungen in Vorträgen weiter.

01.04.2010

Von Katharina Mayer

Reutlingen. Hoffmann, studierter Ingenieur, lebt seit 39 Jahren in Reutlingen. Er geht an Schulen und berichtet den höheren Jahrgängen vom Schicksal seiner Familie. Nicht immer unter positiven Vorzeichen, manchmal habe er den Eindruck, dass „es nicht gewünscht ist, dass es genug ist, nicht schon wieder der Holocaust.“ Und trotzdem ist der in seinem Leben nach wie vor präsent.

1939 als Sohn eines Ärzte-Ehepaares in Prag geboren, kam er fünf Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Tschechien zur Welt.

Die Deportation der jüdischen Bevölkerung

Pavel Hoffmann vor der goldenen Kuppel des Jerusalemer Felsendoms. Unten eine Plakette in Theresienstadt, die an seine Familie erinnert Privatbild

Da beide Eltern jüdischen Familien entstammten, war die Besatzung „ein Riesenproblem“. Zwar konnte sein Vater noch bis 1942 als Zahnarzt arbeiten, aber „alle Juden standen bereits auf einer Liste, es ging relativ schnell.“ Gemeint ist die Deportation der jüdischen Bevölkerung, die zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen war.

Am 27. Mai 1942 wurde ein Attentat auf Reinhard Heydrich, den Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren und Beauftragten für die „Endlösung der Judenfrage“, verübt. Der „Henker von Prag“ starb wenige Tage später an Gasbrand. Aufgrund dieses Attentats wurden tausende Tschechen und Juden deportiert und ermordet.

Auch Hoffmanns Vater wurde ungefähr drei Wochen später „mit 1000 Mitgliedern der tschechischen Intelligenz auf einem Fußballplatz erschossen“, wie Pavel Hoffmann erzählt. Auf dem Totenschein ist ebenso nüchtern wie zynisch die Vollstreckung des standgerichtlichen Urteils vermerkt.

Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Mitglieder der engsten Familie noch am Leben. Dann aber „ging es sehr schnell.“ Der damals vierjährige Pavel und seine Mutter wurden 1943 nach Theresienstadt deportiert, zeitgleich mit mehreren anderen Familienmitgliedern. Das 1941 eingerichtete Ghetto fungierte als Sammellager und Durchgangsstation zu den Vernichtungslagern im Osten. Zwei Tage nur nach der Ankunft in Theresienstadt wurden Pawel Hoffmanns Großeltern nach Auschwitz gebracht und dort ermordet, später auch eine Tante und deren 16-jährige Tochter.

Der studierte Theologe und Pädagoge Bruno Gross leitete die DRK-Schule in Pfalzgrafenweiler, bevor er die Geschäftsführung des DRK-Kreisverbandes Tübingen übernahm. Betriebswirtschaftliche Hintergründe eignete er sich in einem Zusatz-Studium der Steinbeis-Stiftung an. Bild: MetzDer studierte Theologe und Pädagoge Bruno Gross leitete die DRK-Schule in Pfalzgrafenweiler, bevor er die Geschäftsführung des DRK-Kreisverbandes Tübingen übernahm. Betriebswirtschaftliche Hintergründe eignete er sich in einem Zusatz-Studium der Steinbeis-Stiftung an. Bild: Metz

Auch seine Familie mütterlicherseits überlebte den Holocaust nicht. Seine Großmutter wurde „mit allen Verwandten, Kindern und Enkeln“ nach Auschwitz deportiert. „Die sind wirklich direkt Gas geworden.“ Als sein Onkel an der Selektionsrampe stand, „stand dort ein gewisser Mengele, der hat mit ihm studiert und ihn erkannt.“ Während seine Mutter, die Ehefrau und der zweijährige Sohn in Auschwitz umkamen, hat dieser Onkel die Shoah zumindest körperlich überlebt.

Frauen mit Kindern waren „ein Problem“ im Ghetto Theresienstadt, zumal Alte, Kranke und Kinder zumeist als erste nach Auschwitz gebracht und dort vergast wurden. Zu diesem Zeitpunkt allerdings war Hoffmanns Mutter körperlich und psychisch bereits so geschwächt, dass sie drei Wochen nach der Ankunft in Theresienstadt starb.

„1944 waren alle tot. Bis auf mich“ – sagt Pavel Hoffmann, der „im sogenannten Kinderheim in Theresienstadt“ unter jüdischer (Zwangs)verwaltung lebte. Von 15 000 jüdischen Kindern allein aus Prag haben nur 28 den Holocaust überlebt. „Irgend jemand hat als Waise für mich gesorgt“, erzählt Hoffmann, für den es „relativ positiv“ weiterging. Von jüdischer Seite habe man sich im Ghetto um die Kinder gekümmert, weil „man hoffte, die Kinder zu retten.“ Mit den Essensrationen der Älteren stellte man ihr Überleben sicher, während „die Alten wirklich wie die Fliegen gestorben sind.“

Als sich die Niederlage der Deutschen abzeichnete, schlossen SS- Führer und Reichsinnenminister Heinrich Himmler und der ehemalige Schweizer Bundespräsident Jean-Marie Musy einen seltsamen Pakt, dessen Hintergrund bis heute unklar ist: Himmler ordnete an, dass im Februar 1945 rund 1200 Menschen aus Theresienstadt gerettet und mit einem Zug in die Schweiz gebracht werden sollten. Bis heute rätselt Hoffmann über die Gründe seiner Rettung. „Vermutlich wollten beide noch etwas Gutes tun – oder auch nicht“, meint er. Sicher ist nur: „Geld war sehr viel dabei.“

„Es war vorbei damals.“ Dennoch wurden im Ghetto wie in den Vernichtungslagern „noch sehr viele umgebracht“ – über 33 000 Menschen starben allein im Ghetto Theresienstadt. Eigentlich sollten laut Anordnung nur Menschen in den Transport aufgenommen werden, die keine getöteten Verwandten zu beklagen hatten. Trotzdem stand auch der Name des kleinen Pavel auf der Liste für den „Schweizer Zug“. „Irgend jemand hat für mich gesorgt“, sagt er rückblickend und vermutet „eventuell jemanden, der meine Eltern gekannt hat“ als Lebensretter.

Eine Aufnahme aus dem Ghetto Theresienstadt im Jahr 1945

„Der Transport ging wirklich in drei Tagen von Theresienstadt nach Konstanz. Viele wollten es gar nicht glauben.“ Beschreibt Hoffmann diese Fahrt zurück ins Leben. Außer ihm haben nur eine Tante und ein Onkel den Holocaust überlebt, alle anderen Familienmitglieder wurden von den Nazis umgebracht. – Erst heute befasst Hoffmann sich intensiver mit der Geschichte seiner Familie, forscht in Archiven nach Spuren seiner Angehörigen, trifft Menschen, die sie kannten. Und sucht gleichsam seine eigene Geschichte. Seit 1968 lebt er in Deutschland, wohin er über den Deutscher Akademischer Austauschdienst als Dozent eingeladen wurde.

Verdrängung als Notwendigkeit

Eine weitere glückliche Fügung in seinem Leben, wie Hoffmann findet: „Für mich war das Wahnsinn, wenn man aus dem tiefsten Kommunismus kam.“ Niemand habe sich in der kurzen Zeit des Prager Frühlings getraut, nein zu sagen, für Hoffmann war es „die kurze Zeit, in der der Sozialismus sein menschliches Gesicht gezeigt hat.“ Denn „im Kommunismus waren Juden auch unerwünscht.“

Hoffmann kam – und blieb. Zumal er über seinen Vater, der Deutscher war, beide Staatsabgehörigkeiten besitzt. Wie er im Land der Täter zurechtkommt? Ein Pragmatiker sei er, meint Hoffmann. Und „es ist vielleicht eine psychologische Frage – ich habe mich 60 Jahre fast nicht gekümmert, das geht vielen so.“ Eine Verdrängung, die oft notwendig ist, um ein Leben als Überlebender durchstehen zu können. Jetzt aber „verarbeite ich sehr stark“ , sagt er n und verweist auf einen aktuellen Zusammenhang: „Vielleicht kommt das durch die Umgebung, der Antisemitismus hier steigt.“ Eine weitere mögliche Ursache sei das Alter. Er habe nun Zeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und er hat den Holocaust „nicht bewusst erlebt. Ich habe drei, vier Erinnerungen, aber ich kann darüber erzählen, ohne betroffen zu sein.“

Hoffmann ist heute Mitglied der Theresienstadt-Initiative, der noch rund 200 Überlebende des Ghettos angehören, er selbst ist der jüngste. Und nicht nur dort geht er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Nach außen zu gehen sei „vielleicht eine Art Verarbeitung des eigenen Schicksals.“ Und alleine wenn er daran denkt, wie groß seine Familie war und jetzt „gar nicht existent“ ist, wird ihm das zur Pflicht: „Dann muss etwas gesagt werden.“

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Erstellt:
1. April 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. April 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. April 2010, 12:00 Uhr

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