Cannabis in der Medizin

Ein Betroffener erzählt: „Patienten werden kriminalisiert“

Seit vier Jahren dürfen Ärzte Cannabis legal verschreiben. Viele Menschen, die damit behandelt werden, schwören darauf – trotz Stigmatisierung.

22.05.2021

Von DOMINIQUE LEIBBRAND

Axel Förster (Name geändert) hat keine Schmerzen mehr, seit er mit Cannabis behandelt wird. Foto: Ferdinando Iannone

Axel Förster (Name geändert) hat keine Schmerzen mehr, seit er mit Cannabis behandelt wird. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Seine tägliche Cannabis-Ration erhält Axel Förster bequem per Post. Ganz legal. Der 42-Jährige aus dem Kreis Heilbronn bekommt das Rauschmittel seit acht Monaten ärztlich verschrieben und hat seitdem ein neues Leben. Eines ohne Schmerzen. „Ich bin komplett beschwerdefrei“, sagt er und klingt dabei fast ein bisschen ungläubig. Trotz seiner Begeisterung will er seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. „Cannabis-Patienten werden in der Öffentlichkeit oft stigmatisiert und kriminalisiert.“ Doch für den Anlagenwart waren die Blüten, die viele nur mit zugekifften Studentenbuden in Verbindung bringen, nach eigener Aussage die Rettung.

Jahrelang kämpft der Schichtarbeiter mit Migräneanfällen. Zwei Bandscheibenvorfälle verschlimmern sein Leiden. An schlechten Tagen kann er nicht mehr sehen und hören, muss sich übergeben. Hinzu kommen immer wieder Rückenschmerzen, die sich „wie Messerstiche“ anfühlen. „Ich habe täglich Medikamente genommen.“ Mit starken Nebenwirkungen: Förster kämpft mit Magen- und Darmproblemen, Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit. „Ich war depressiv, kam nicht mehr vom Sofa hoch. Nachts konnte ich nur noch zwei, drei Stunden am Stück schlafen.“

Wenn sonst nichts mehr hilft

Eine Odyssee bei verschiedenen Ärzten bringt den 42-Jährigen nicht weiter. „Außer, dass die Milligrammzahl der Schmerztabletten immer wieder erhöht wurde.“ Förster sucht nach Auswegen. Im Internet informiert er sich über medizinisches Cannabis. Seit 2017 dürfen Haus- und Fachärzte das in Deutschland für Patienten verschreiben, bei denen sonst nichts mehr hilft. Etwa für Menschen mit chronischen Schmerzen, mit Angst- und Schlafstörungen, Depressionen, ADHS oder auch der Darmkrankheit Morbus Crohn. Hilfe findet der 42-Jährige schließlich bei Algea Care, einem Start-up, das 2020 gegründet wurde und sich auf die Aufklärung über medizinisches Cannabis spezialisiert hat. Laut Mitgründer Julian Wichmann berät das Unternehmen bereits Patienten im mittleren vierstelligen Bereich, Tendenz steigend. Neben Frankfurt bietet Algea Care seinen Service schon in sieben Städten, darunter Berlin, Hamburg, München und ganz neu auch in Stuttgart an.

Mediziner Julian Wichmann, Mitbegründer von Algea Care, beim Vorort-Termin in Stuttgart mit Patient Axel Förster. Foto: Ferdinando Iannone

Mediziner Julian Wichmann, Mitbegründer von Algea Care, beim Vorort-Termin in Stuttgart mit Patient Axel Förster. Foto: Ferdinando Iannone

Mit der Idee sei man quasi in eine Versorgungslücke gestoßen, sagt Wichmann beim Gespräch in Stuttgart. „Die Patienten, die zu uns kommen, haben einen hohen Leidensdruck.“ Gleichwohl schätze man, „dass nur etwa zwei Prozent der Ärzte medizinisches Cannabis verschreiben“. Viele hätten Vorbehalte, die Heilpflanze als Medizin einzusetzen, obwohl es seit vier Jahren legal sei. „Die Verschreibung erfolgt analog wie bei beispielsweise Opioden per Betäubungsmittelrezept“, sagt der 35-jährige Radiologe, der vor seinem Gang in die Wirtschaft am Uniklinikum Frankfurt arbeitete. Allerdings seien die Nebenwirkungen bei Cannabis in der Regel erheblich geringer. „Da muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.“

Auch wenn Ärzte willens seien, scheuten sie oft den bürokratischen Aufwand. „Verständlicherweise“, so Wichmann. Denn Anträge auf Kostenübernahme seien oft nicht von Erfolg gekrönt. „Etwa 40 Prozent der Anträge werden von den Krankenkassen abgewiesen.“ Eine Hürde, die Algea Care deshalb erst gar nicht nimmt: Von den mit dem Unternehmen kooperierenden Ärzten gibt es die Cannabis-Medikamente nur auf Privatrezept. Förster muss monatlich bis zu 400 Euro für seine Behandlung berappen. „Das ist mir meine Gesundheit aber wert. Ich bin besser drauf, schlafe nachts wieder durch.“

Der Großteil der Patienten nimmt das medizinische Cannabis über einen sogenannten Verdampfer zu sich. In diesen wird die entsprechende Dosis eingefüllt und dann erhitzt. Foto: Ferdinando Iannone

Der Großteil der Patienten nimmt das medizinische Cannabis über einen sogenannten Verdampfer zu sich. In diesen wird die entsprechende Dosis eingefüllt und dann erhitzt. Foto: Ferdinando Iannone

Seine tägliche Dosis von 0,5 Gramm nimmt Förster über einen sogenannten Verdampfer zu sich. Daneben gibt es das Medikament auch als Spray, als Öl und in Kapselform. Nebenwirkungen spüre er keine. „In der Anfangsphase, als ich eingestellt wurde, war ich müder als sonst – das war's.“ Im schlimmsten Fall könnten Patienten eine Psychose entwickeln, erklärt Wichmann. „Das ist aber sehr selten. Die Gefahr dafür besteht vor allem dann, wenn es schon psychische Vorerkrankungen gab.“ Auch vor einer Abhängigkeit müssten sich Patienten nicht fürchten. „Das ist im medizinischen Bereich extrem selten. Mir ist kein Fall bekannt.“

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Erstellt:
22.05.2021, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 53sec
zuletzt aktualisiert: 22.05.2021, 06:00 Uhr

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