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Plötzlich weltweit gefragt

Partei-Chef schwimmt mit Piraten auf Popularitätswelle

Das Programm steckt noch in den Grundzügen, doch die Journalisten stehen Schlange. Seit die Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus einzog, ist Sebastian Nerz ein gefragter Mann. Der Bundesvorsitzende findet nicht mal Zeit für Flitterwochen.

20.10.2011
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen. Sebastian Nerz ist gebürtiger Reutlinger und verwurzelt in der Region. Sein Abi machte er an der Geschwister-Scholl-Schule, den Zivildienst beim Roten Kreuz, und das Bioinformatik-Diplom legt er gerade an der Uni Tübingen ab. Nebenher arbeitet er bei der Firma Orestis auf der Wanne als „Programmierer im weitesten Sinn“.

Partei-Chef schwimmt mit Piraten auf Popularitätswelle
Sebastian Nerz, 28, wurde im Mai 2011 für ein Jahr als Bundes-Chef der Piratenpartei gewählt. Jetzt haben die Piraten einen neuen Vorsitzenden. Nerz wurde Stellvertretender Vorsitzender.

Am Samstag heiratete der 28-Jährige seine Freundin Christine, die Tochter des Tübinger CDU-Stadtrats Rudi Hurlebaus. An eine Hochzeitsreise denkt das Paar, das seit 13 Jahren zusammen ist, erst später. Derzeit ist Nerz zu stark eingespannt. In der Woche nach der Wahl in Berlin begannen die Telefon-Interviews. Die für den Piraten-Chef überraschendste Anfrage kam von einer Zeitung aus Korea. Auch das griechische Staatsfernsehen und Reporter aus dem Vatikan meldeten sich an.

Wählerzulauf von FDP und Grünen

Die ausländischen Journalisten fragen das Gleiche wie ihre deutschen Kollegen: Wie es zum Überraschungserfolg der Piraten kam, wie das Verhältnis zwischen Bürgern und Politik aussieht, ob man von einer neuen Jugendbewegung sprechen kann. Bei allen Unterschieden sieht Nerz Parallelen zwischen seiner Partei und den Entwicklungen im arabischen Raum. Auch dort gebe es das Verlangen nach Transparenz und Bürgerbeteiligung.

TAGBLATT-Interview nach der Wahl des Piratenpartei-Chefs aus Tübingen

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TAGBLATT-Interview nach der Wahl des Piratenpartei-Chefs aus Tübingen --

01:30 min

Die politischen Wurzeln des Piraten-Chefs liegen in der CDU. Als Schüler engagierte er sich für einen politischen Jugendgemeinderat in Tübingen – für keinen, der nur Partys organisiert. Mit 18 Jahren ging er zur CDU, weil sie dieses Anliegen von allen Parteien am stärksten zu unterstützen schien. Doch es enttäuschte Nerz, dass die CDU zwar von bürgerlichen Freiheiten sprach, aber neue Sicherheitsgesetze einführte und Antikorruptionsgesetze verhinderte. Überdies schienen ihm die Beschlusswege zu stark auf den Vorstand verengt. 2004 schied er mit 21 Jahren im Streit.

Der Berliner Erfolg der Piraten sei für ihn absehbar gewesen, als sie in Umfragen auf 3,5 Prozent kamen, sagt Nerz. „Das größte Problem einer kleinen Partei ist, dass die Menschen nicht glauben, dass sie die Fünf-Prozent-Hürde überschreitet.“ Auch die Schwäche der FDP stimmte ihn zuversichtlich. Die Piraten böten sich für „klassisch liberal Wählende“ als Alternative an.

Der Bundesvorsitzende charakterisiert seine Partei als sozialliberal. Sie habe „Festlegungen“ zu den Bereichen Umwelt, Soziales, Netzpolitik, Demokratie, Transparenz, Bildung und Urheberrecht. Weitere Positionen müssten noch geklärt werden. Am wichtigsten sei ein neues Politikverständnis. „Traditionell verstehen sich Parteien eher als herrschende Klasse“, kritisiert Nerz. Es bildeten sich immer wieder politische Zirkel im Elfenbeinturm – weit abgeschirmt vom echten Leben.

Piraten im Plemum: Landesparteitag in Tübingen 2010

Videoplayer konnte nicht geladen werden.

Piraten im Plemum: Landesparteitag in Tübingen 2010 --

03:10 min

Auch bei politischen Fragen wie der Griechenland-Krise müssten die Regierenden viel genauer erklären, was sie vorhaben. „Eine als alternativlos durchgepeitschte Politik führt dazu, dass die Menschen kein Vertrauen mehr haben“, bemängelt Nerz. Wie die Sache auch immer ausgehe: „Die Rettung wird teuer und für viele schmerzhaft. Und die EU wird sich verändern. In wenigen Jahren wird die politische Situation eine ganz andere sein als heute.“

Ruppiger Umgangston ist Vergangenheit

In Berlin hätten die Piraten vor allem Nicht- und Erstwähler gewonnen, aber auch – in dieser Reihenfolge – Anhänger der Grünen und der FDP. Unter den Mitgliedern seien überdies ehemalige SPD-und CDU-Anhänger, dazu – allerdings „bemerkenswert wenige“ – ehemalige Linke. Nerz geriet in die Kritik, weil er die frühere NPD-Mitgliedschaft einiger Parteigänger als „Jugendsünde“ bagatellisiert habe. Doch er fühlt sich unvollständig zitiert. Gemeint habe er jene, die von der Jugendarbeit der NPD angelockt wurden, dann jedoch schnell Reißaus nahmen. Anders sehe es mit denjenigen aus, die längere Zeit in der NPD mitarbeiteten. „Solche Leute sollten deutlich machen, dass sie sich von ausländerfeindlichem, rassistischem und extremistischem Gedankengut entfernt und für demokratische Prinzipien entschieden haben.“

In der aus der Internet-Gemeinde entstandenen Piratenpartei engagieren sich nur wenig Frauen. „Was soll man aktiv dagegen tun?“ zeigt sich der Vorsitzende ratlos. In der Anfangszeit hätten sich manche über einen zu aggressiven Umgangston beschwert. Der sei aber inzwischen abgestellt. Auch eine Quote würde nicht helfen: „Wenn sich eine Frau auf ein Mandat beworben hat, hat sie’s in der Regel auch bekommen.“

Die Piratenpartei wurde in Deutschland im September 2006 gegründet. Sie hat 15 419 Mitglieder – Stand Montagnachmittag, wie ihr Bundesvorsitzender Sebastian Nerz betont.

Frauen sind unterrepräsentiert – wie stark, weiß niemand genau, da die Mitglieder nur Name, Adresse, Alter und E-Mail-Adresse angeben.

Der Beitrag beträgt 36 Euro (ermäßigt 18 Euro) pro Jahr. Die Partei finanziert sich überdies durch Spenden. Dabei gilt ein Höchstbetrag von 50 000 Euro jährlich pro Spender.

In der Regel halten die Piraten jährlich zwei Parteitage ab, jeweils mit 800 bis 1400 Teilnehmenden.

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20.10.2011, 12:00 Uhr
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