Der Ingenieur des Widerstands

"Parkschützer"-Gründer im Mössinger Feuerwehrhaus

„Die Welt“ sieht den Widerstand gegen Stuttgart 21 schon am Ende. Doch in Mössingen fängt er erst an: Rund 50 Interessierte kamen am Dienstag zu einem Informationsabend mit „Parkschützer“ Klaus Gebhard ins Feuerwehrhaus.

27.01.2011

Von Ulrich Eisele

Mössingen. „Ich bin der böse Bube.“ Klaus Gebhard kommt einem freudestrahlend entgegen und schüttelt die Hand. Der kleine, drahtige Mann hat die Internetplattform „Parkschützer“ mitbegründet, ohne die sich der Widerstand gegen Stuttgart 21 vermutlich nie so massenhaft entwickelt und gut vernetzt hätte. Als Diplom- Medieningenieur verfügt er über einige Vorkenntnisse, doch Internetseiten programmieren kann er nicht. Für die „Parkschützer“-Seite (www.parkschuetzer.de) benötigte er professionelle Hilfe.

Ursprünglich sei er sogar für Stuttgart 21 gewesen, erzählt der 52-Jährige dem überwiegend älteren Publikum. Erst als er sich intensiver mit den Bahn-Plänen auseinandersetzte, sei er „auf die Gegenseite bugsiert worden“. „Der Schlosspark ist die einzige Naherholungszone für die Innenstädter“, erklärt er. Klaus Gebhard wohnt seit Jahren im Stuttgarter Westen. In heißen Sommern, wenn sich der Kessel aufheize, sei der Schlosspark seine Rettung. „In Paris starben im Sommer 2009 rund 50 000 Menschen an der Hitze“, sagt er.

Zahlen hat er en masse. Klaus Gebhard hat seinen Vortrag schon oft gehalten, auch in Marbach am Neckar und Radolfzell am Bodensee. Den Leuten, die sagen „Warum protestiert ihr erst jetzt?“, hält er das Volksbegehren von 2007 mit 67 000 Unterschriften gegen Stuttgart 21 entgegen. Und denen, die einen Durchgangsbahnhof für schneller halten, das Ergebnis der Stiftung Warentest von 2008, bei dem Leipzig und Stuttgart die Bestnoten in Deutschland bekamen: „Beides sind Kopfbahnhöfe.“

Aber Gebhard ist kein reiner Zahlenmensch. Für ihn zählen mehr die „weichen Faktoren“ wie das einmalige Stuttgarter Stadtpanorama, das dem Bahnreisenden künftig verborgen bleiben soll. „Wollen wir wie die Rohrpost unten durchgeschossen werden?“ Er hat jede Menge griffiger Schlagzeilen dabei, vom „Weltkulturerbe“, zu dem er den Bonatzbau zählt, bis zu den Sicherheitslücken bei Brand oder Explosion im Tunnel.

Aber sein eigentliches Thema ist die Ökologie, denn er will ja den beiden folgenden Vortragsreisenden (siehe unten) nicht alles vorweg nehmen. „Ökologie“ ist für Gebhard „nicht nur der Juchtenkäfer“, sondern vor allem das Gleisvorfeld mit seiner einzigartigen Stadtklima: „Nachts kühlt es schnell ab, es bilden sich Kaltluftseen . . .“ – die mit dem Bahnprojekt verdunsten. „Die Gleiswüste lebt“, formuliert er plakativ.

Immer wieder muss er sich bremsen, wenn ihn Werbesprüche der Planer und Widersprüche der Politiker zu sehr in Rage bringen. Denen, die von den Möglichkeiten der Stadtentwicklung schwärmen, hält er die „klinisch tote“ Architektur des Pariser Platzes vor. Mit Fotos und Montagen belegt er immer wieder eindrucksvoll, in welche Schlammwüste sich der Schlosspark in den nächsten zehn Jahren durch Stuttgart 21 verwandelt.

Ein bisschen verschwörerisch klingt es gar, wenn er die überdimensionalen blauen Röhren an die Wand wirft, die sich rund 17 Kilometer, wie eine Hochbahn, durch die Stadt ziehen und den Blick auf die schönsten Gebäude verstellen, den Park verschandeln werden. „Am Grundwassermanagement wird?s scheitern“, prophezeit Gebhard. „Da müsste man schon an jeder Röhre eine Hundertschaft Polizisten aufstellen, um das zu schützen.“

Aber so gefährlich ist der gebürtige Oberpfälzer „aus der Nähe von Wackersdorf“ in Wirklichkeit gar nicht: Zur Zeit überlegt Klaus Gebhard, wie man die bürgerliche Mitte wieder mehr an den Protest heranführt („vielleicht durch eine harmlosere Form der Sitzblockade?“), die sich vom militanten Anketten an Bäume womöglich etwas abschrecken ließ.

Klaus Gebhard, Gründer der Internetplattform Parkschützer, will Stuttgart21 verhindern und den Schlossgarten retten. Bild: Rippmann

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Erstellt:
27. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2011, 12:00 Uhr

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