"Klar sind nicht alle begeistert"

Paralympics-Sieger Markus Rehm startet bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften

Markus Rehm, 25, sagt: "Mein Wunsch wird wahr." Bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm sorgt er am 26. Juli für ein Novum, darf als Prothesen-Weitspringer antreten. Gewertet unter Vorbehalt.

19.07.2014

Von WOLFGANG SCHEERER

Herr Rehm, Sie haben als Prothesen-Weitspringer das Okay für den Start bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm bekommen. Was überwiegt: Freude, Genugtuung, das Gefühl der Anerkennung?

MARKUS REHM: In erster Linie ist es Freude. Mit 7,65 Metern hatte ich bereits im Februar die DLV-Norm geknackt. Dann war lange unklar, ob es klappen würde. Es gab mein klares Ziel, aber keine Gespräche mit dem Verband - bis von dort der Anruf kam. Nun wird mein Wunsch wahr, bei einem so tollen Wettkampf dabei sein zu können.

Wie reagieren die Spezial-Weitspringer darauf, dass sich der Paralympics-Sieger von 2012 in London nun direkt mit ihnen misst und so für ein absolutes Novum sorgt?

REHM: Mit Christian Reif (Europameister von 2010 und aktueller 8,49-Meter-Springer vom LC Rehlingen, Anm. d. Red.) habe ich häufig Kontakt und ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Er freut sich mit mir.

Nicht jeder wird so angetan sein.

REHM: Klar ist mir bewusst, dass nicht alle begeistert sind und es Kritiker gibt. Für mich ist diese Auseinandersetzung auch eine Art von Anerkennung. Negative Stimmen werden allerdings selten direkt an einen herangetragen. Viele wissen wahrscheinlich noch nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband lässt Sie in Ulm teilnehmen und wertet die Weite mit Vorbehalt. Ihre Sprünge werden aufgezeichnet und wissenschaftlich untersucht. . .

REHM: Ich selbst gehe offen mit dem Thema um. Ich weiß um die Problematik, unsere Sprünge mit jenen von Springern ohne Handikap zu vergleichen. Aber warum immer nur spekulieren? Ich bin schon mit "Fakten" konfrontiert worden, die sich als falsch herausgestellt haben. Vor Ort in Ulm gibt es sicher auch Gelegenheit, Fragen zu klären.

Wie läuft die Analyse ab?

REHM: Das weiß ich leider noch nicht. Ich möchte nur nicht, dass man den Fehler macht, es auf ein schnelles Ergebnis anzulegen. Das wäre das falsche Zeichen.

Für Sie ist Gründlichkeit Trumpf?

REHM: Ja, es muss vernünftig und auch gemeinschaftlich vorgegangen werden. Wir haben alle ein Interesse daran herauszufinden, ob eine Prothese Vorteile bringt. Vielleicht ja auch Nachteile.

Was, wenn ein Vorteil wissenschaftlich belegt werden kann?

REHM: Dann ist es klar und fair und richtig, dass ich im Feld der Nichtbehinderten nicht mehr starte. Da werde ich dann auch nicht versuchen, krampfhaft an etwas festzuhalten. Andererseits erwarte ich aber auch eine fundierte Untersuchung, die alle Bereiche abdeckt.

Zum besseren Verständnis: Beschreiben Sie doch bitte selbst die Prothese an Ihrem rechten Absprungbein.

REHM: Sie ist einen Tick länger als mein linker Unterschenkel, weil sie bei Belastung ja noch leicht nachgibt. Die Prothese besteht hauptsächlich aus Kohlefaser, also Karbon. Das Gewicht liegt bei eineinhalb Kilogramm. Auch der C-förmige elastische Bogen am Ende ist aus Vollkarbon. Ein Schaft umschließt das Bein, ein Silikonstrumpf Haut und Schaft. Es entsteht ein Vakuum, also Ansaugkraft, die für eine feste Verbindung sorgt.

Sie sind selbst Orthopädietechniker, tüfteln viel. Was kostet so eine Prothese für den Leistungssportler?

REHM: Je nach Arbeitszeit zwischen 8500 und 10 000 Euro. Gerade für den Leistungssport muss alles exakt stimmen. Da gibt es keine Schrauben zum Nachjustieren. Passform und Körperstellung der Prothese sind entscheidend: Eine Sprint-Prothese sieht deshalb etwas anders aus als eine für Weitsprung.

Wie erleben Sie Ihre Pionierrolle?

REHM: Es ist eine wirklich schöne, aber auch große Aufgabe. Und zugleich eine sensible Sache, eine Gratwanderung. Ich scheue mich nicht davor. Früher wurden Behindertensportler und ihre Leistungen noch so ein bisschen belächelt. Die Nachteile für die Athleten waren ja für jeden klar ersichtlich. Über die Jahre wurden die technischen Möglichkeiten viel besser.

Wo speziell zum Beispiel?

REHM: Gerade die Beine können wir nun sehr viel besser ersetzen. Wenn man dann weit springt oder schnell läuft wie Oscar Pistorius, heißt es allerdings oft: Klar, das liegt an der neuen Hightech-Prothese! Genau das ist schade und stimmt so ganz einfach nicht.

Sie waren 14 Jahre alt, als Sie den Unterschenkel nach einem Wakeboard-Unfall auf dem Wasser verloren haben. Im Gegensatz zum Südafrikaner Pistorius kennen Sie beide Arten, das Leben mit und ohne Prothese. . .

REHM: Das stimmt. Und es ist nicht wirklich zu vergleichen. Obwohl ich die Prothese sehr gut adaptiert habe, ist es für mich ein ganz anderes Gefühl als mit zwei normalen Beinen. Die Anlauf-Dynamik ist völlig verschieden. Ich muss meine rechte Seite immer erst genau auf die linke abstimmen. Jedem Autofahrer ist klar: Mit gleichen Reifen fährt es sich einfacher.

Oscar Pistorius musste auch juristisch um den Start kämpfen. Wäre das für Sie ein Weg gewesen, wenn der DLV jetzt nicht zu diesem Kompromissvorschlag gefunden hätte?

REHM: Ich wollte nie mit jemandem auf Kriegsfuß stehen. An der DLV-Spitze sind gute Leute, und ich habe immer gehofft und daran geglaubt, dass eine Lösung gefunden wird. Ich habe den Verband nicht unter Druck gesetzt. Ich hätte keine Lust, mich einzuklagen. Das wäre nicht mein Ding gewesen. Es geht mir zuerst um den Sport, nicht um mich persönlich. Ich trainiere jeden Tag für gute Leistungen und wünsche mir dazu einfach auch den passenden Wettkampf. Zugleich kann ich so das paralympische Thema in Deutschland ein Stück weiterbringen. Das liegt mir am Herzen.

Sie halten mit 7,95 Metern den Weltrekord in Ihrer Klasse. Da liegt ein persönliches Ziel nahe: acht Meter.

REHM: Die Marke zu übertreffen, ist tatsächlich mein großer Traum. Ich bin dieses Jahr sehr konstant gesprungen und glaube auch, dass acht Meter möglich sind, wenn alles passt. In Ulm, also vor meiner ehemaligen Haustüre bei Göppingen, ist die Weitsprunganlage ja offenbar sehr gut. Das hat schon Sebastian Bayer mit seinem 8,49-Meter-Satz bei den Titelkämpfen 2009 gezeigt. Ich freue mich auf den Start.

Trainiert werden Sie bei Bayer 04 Leverkusen von einer ehemaligen Speerwurf-Weltmeisterin: Steffi Nerius. Warum passt das so gut?

REHM: Wir sind ein super Team, ich habe blindes Vertrauen zu Steffi. Am Anfang hieß es immer: Eine Speerwerferin trainiert einen Weitspringer - wie soll das denn gehen? Aber es funktioniert sogar hervorragend. Nicht nur, weil sie durch und durch Weltklasse-Athletin mit außergewöhnlicher Erfahrung ist und das auch als Trainerin weitergibt. Wir gehen mit immer neuen Ideen an die Arbeit. Gerade die andere Sicht der Dinge tut gut. Für mich als Sportler ist das der richtige Weg.

Markus Rehm beim Paralympics-Triumph 2012 in London: Eine Karbon-Prothese ersetzt den rechten Unterschenkel, den er bei einem Unfall verloren hat. Fotos: afp/Getty

Markus Rehm trainiert seit 2008 in Leverkusen bei Steffi Nerius.

Zum Artikel

Erstellt:
19. Juli 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Juli 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Schwitzkasten
Schwitzkasten

Ob die weltweit wohl meistgesehene Tipp-Runde für die Fußball-Landesliga oder die beliebte "Elf der Woche" - für solche Formate gibt es den "Schwitzkasten" der TAGBLATT-Sportredaktion.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+