Absage an Reformen

Papst bemängelt Weltlichkeit der Kirche

Der Papst hat sich zum Ende seines Deutschlandbesuches gegen eine Modernisierung der katholischen Kirche gewandt. Er kritisierte "laue Christen".

26.09.2011

Von ELISABETH ZOLL

Freiburg Die Kirche dürfe sich nicht der Gegenwart anpassen, sondern müsse mehr auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen, forderte das Oberhaupt der katholischen Kirche gestern bei einer Rede im Freiburger Konzerthaus im Beisein von Bundespräsident Christian Wulff, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und mehreren hundert Repräsentanten der Zivilgesellschaft. In anderen Reden und Predigten hatte der Papst am Wochenende von den Gläubigen Treue zu Rom verlangt. An die Jugend appellierte er, "glühende Heilige" zu werden. "Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen", warnte er. Kritische Laien reagierten tief enttäuscht auf die Ansprachen des Papstes und riefen die Gläubigen zum Ungehorsam auf.

Bei seiner Rede im Freiburger Konzerthaus beklagte der 84-Jährige eine "zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben". Zugleich machte er seine Skepsis gegenüber dem innerkirchlichen Dialogprozess deutlich. Der Pontifex legte dar, wie er die Kirche aus der Krise und Katholiken aus der Glaubensferne zu führen gedenkt. "Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird die Kirche immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen, sie hat sich gewissermaßen zu ent-weltlichen", formulierte er.

Positiv hob der Papst die Säkularisierung hervor, bei der die Kirche auf ihren Kern zurückgeführt worden sei. "Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben", sagte der Papst. Auch die karitativen Werke der Kirche hätten sich dem Anspruch einer angemessenen Entweltlichung zu stellen.

Mit dieser Justierung rückte Benedikt XVI. die katholische Kirche weit weg vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das Mitte der 60er Jahre die Öffnung zur Welt eingeleitet hatte. Mit seiner Freiburger Rede knüpfte der Papst an die Gedanken an, die er am Samstagabend gegenüber Vertretern des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK) geäußert hatte: Er hatte dabei die überinstitutionalisierte Kirche in Deutschland kritisiert.

Auf dem Flughafen rief der Papst am Abend die Katholiken zu missionarischem Eifer auf: "Ich möchte die Kirche in Deutschland ermutigen, mit Kraft und Zuversicht den Weg des Glaubens weiterzugehen, der Menschen dazu führt, zu den Wurzeln, zum wesentlichen Kern der Frohbotschaft Christi zurückzukehren."

Abschied nach viertägigem Besuch: Papst Benedikt XVI. flog gestern Abend nach Rom zurück. Foto: dpa

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Erstellt:
26. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. September 2011, 12:00 Uhr

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