Tübingen · Durchfahrtsverkehr

Mühlstraße: OB erwägt Zwei-Jahres-Sperrung

Der Tübinger OB Boris Palmer bringt zwei Jahre dauernden Versuch ins Gespräch und will die Sperrung der Durchfahrt für Autos zur Mühlstraße doch mit Zählungen flankieren.

30.08.2019

Von Gernot Stegert

Bald sollen keine Autos mehr in der Mühlstraße rollen. Wo sie dann fahren, soll eine Zählung zeigen. Archivbild: Ulrich Metz

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer ist bereit, den Verkehr während und nach der von ihm angeordneten versuchsweisen Sperrung der Durchfahrt von der Neckarbrücke in die Mühlstraße zu zählen. Zwar zweifelt er weiter am Sinn der Daten, kommt seinen Kritikern in diesem Punkt aber entgegen. Auch hält er nach dem zweimonatigen Test eine zweijährige Probephase für sinnvoll. Das geht aus der Vorlage für den neuen Klima-Ausschuss des Gemeinderats hervor, der am Montag, 2. September, um 19 Uhr im Ratssaal erstmals tagen wird.

Der Versuch: Der Oberbürgermeister hat (wie berichtet) angeordnet, vom 20. September bis zum 15. November an Stelle der Geradeaus-Spur in der Mitte der Brücke einen vier Meter breiten Zweirichtungsradweg einzurichten. Für Busse und KFZ steht dann bergauf nur noch die rechte Spur mit der Haltestelle Neckarbrücke zur Verfügung. Das sei so eng, „dass nur noch der Verkehr in die Gartenstraße zugelassen werden kann“, schreibt Palmer in der Vorlage. Das Abbiegen von der Neckarbrücke in die Neckargasse solle möglich bleiben, die Mühlstraße könne noch aus der Gartenstraße angefahren werden.

Verkehrszählungen: In der Vorlage wiederholt Palmer einerseits seine Position: „Aus Sicht der Verwaltung werden die Vergleichsdaten des KFZ-Verkehrs wenig aussagekräftig sein. Es ist damit zu rechnen, dass sich die derzeit 6000 PKW pro Tag zu etwa gleichen Teilen auf die beiden Alternativrouten im Osten und im Westen aufteilen werden.“ Verhaltensänderungen wie das Umsteigen auf Busse würden erfahrungsgemäß erst in etwa zwei Jahren eintreten. Doch der OB kündigt jetzt an: „Während des Versuchs wird die Verwaltung Zählungen aller wesentlichen Knotenpunkte durchführen.“ Vergleichszahlen ließen sich auch noch nach den zwei Monaten ermitteln. Für die Neckarbrücke und das Lustnauer Tor liegen (wie berichtet) aktuelle Verkehrszahlen vom Oktober 2018 vor. Demnach sind in der Mühlstraße täglich je 6000 Auto- wie Radfahrer unterwegs. 1000 PKW biegen rechts zum Österberg ab, 5000 fahren geradeaus weiter. Für Palmer heißt dies: „Es sind demnach 80 Prozent des PKW-Verkehrs auf dieser Achse als Durchgangsverkehr einzustufen.“

Ziele: Der zweimonatige Test soll unter anderem zeigen, wie Radfahrer und Busverkehr miteinander ohne Autos klarkommen, besonders beim Queren der Trassen am Eingang zur Mühlstraße. Großes Ziel ist der Klimaschutz: damit Tübingen bis 2030 klimaneutral wird, müssen laut Palmer die Emissionen im Verkehr sinken. Er schreibt: „Das wiederum bedingt zwingend eine Reduktion des Autoverkehrs. Im Stadtzentrum ist dafür eine Neuverteilung des Verkehrsraumes hin zu klimafreundlicher Mobilität erforderlich. Das ist nur möglich, wenn der Durchgangsverkehr ,auf Umgehungsrouten verwiesen wird“.

Einschätzung: Ist die Sperrung des kürzesten Verkehrswegs wirklich umweltfreundlich? Ja, schreibt Palmer: „Die Verwaltung hält es für nahezu sicher, dass eine Sperrung der Durchfahrt im Stadtzentrum auf die Dauer zu einem Rückgang der Zahl der Autofahrten im ganzen Stadtgebiet führen wird.“ Es werde kein Nullsummenspiel geben. Daher würden auch die Diskussionen über Belastungen überflüssig. „Bestätigen oder widerlegen ließe sich das aber nur durch einen mindestens zwei Jahre währenden Versuch.“ Der grüne OB ist optimistisch: „Ein weitgehend auf klimafreundliche Mobilität umgestelltes Stadtzentrum hat Auswirkungen weit über seinen Grenzen hinaus. Ist es sicherer, angenehmer, schneller und komfortabler, ohne Auto im Zentrum mobil zu sein und durch das Zentrum zu kommen, dann beginnen und enden auch Fahrten, die über das Zentrum hinaus gehen nicht mehr mit dem Auto.“

Auswertung des Versuchs: Der OB will bestimmte Zielgruppen wie die Händler oder die Bewohner des Österbergs nach Abschluss des Tests teilweise durch Stichproben befragen lassen. Den Verkehr zwischen Blauer Brücke und Lustnauer Tor werde die Verwaltung „intensiv mit eigenen Kräften beobachten und kontrollieren“. Für die Gesamtbeurteilung schlägt der OB eine Befragung mit der Bürger-App Ende November vor.

Mehr Österberg-Busse

Das Umsteigen der 1000 Autofahrer in der Mühlstraße mit Ziel Österberg in den Bus soll zunächst in der zweimonatigen Testphase durch ein verbessertes Angebot schmackhaft gemacht werden, so OB Boris Palmer. Die Stadtwerke seien bereit, den werktäglichen Halbstundentakt der Linie 10 auf einen 15-Minutentakt und den Stundentakt am Abend und Wochenende auf einen Halbstundentakt zu verdichten. Allerdings müsste die Stadt dafür die Kosten von 25000 Euro plus 5000 Euro übernehmen. Der Klima-Ausschuss soll entscheiden.

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Erstellt:
30. August 2019, 04:00 Uhr
Aktualisiert:
30. August 2019, 04:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. August 2019, 04:00 Uhr

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